Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1880)
- Date
- 1880-07-20
- Page
- Seite 455 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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455 yviac Deutschland. Berlin, 9. Juli. (Privatmitth.) Au der hies. Universität ist der philosophische Lehrstuhl durch den Tod des Prof, i Di-. Harms erledigt, und man ist darauf gespannt, durch wen derselbe wieder besetzt werden wird. Es ist dies, abgei sehen von der Wichtigkeit dieses Lehrstuhls an sich, insofern 1 nicht ohne Bedeutung, als auf die Richtung dessen, der diese ' Professur erhalten soll, eine besondere Rücksicht genommen wird. In solchen Fällen hat zwar die Facultät das Bor-! schlagsrecht, doch ist der Unterrichtsminister unabhängig in der Wahl, die alsdann vom Könige bestätigt wird. Tie nächsten Ansprüche hätte allerdings Pros. Dr. Lazarus, der früher in Bern, wo er selbst das Rectorat bekleidete, feit steben Jahren als Hornorarprosesfor an der hiesigen Universität thätig ist und stets einen zahlreichen Zuhörerkreis um sich versammelt, da er den Vorzug eines sehr lebendigen Vortrags besitzt. Zwar kann man nicht sagen, daß er ein großes eigenthümliches System aufgestellt hätte; desto mehr Verdienst hat er sich, Herbart folgend, um die Psychologie, insbesondere um die Völkerpsychologie, erworben, eine Tisciplin, der er in Verbindung mit seinem Schwager Prof, vr. Steinthal, eine wirksame, inhattreiche Zeitschrift gewidmet hat. Man wird abwarten müssen, ob dies Gewicht genug hat, um die, allerdings außerphilosophischen Hinder- ■ nisse zu überwinden, die seiner Wahl entgegentreten. Straßdurg, 8 Juli. (Privatmitth.) Aus einer uns vorliegenden Uebersicht entnehmen wir folgende Angaben. Das ganze Reichsland Elsaß-Lothringen ist in 3 Eonsistorialsprengel j getheilt: 1) Der Sprengel von Straßburg befaßt 107 Gemein- '■ den mit 18 Rabbinern und 77 Vorbetern. 2) Ter Sprengel von Colmar mit 42 Gemeinden 2o Rabbinern und 38 Vor-! betern. 3) Der Sprengel von Metz mit 53 Gemeinden,; 3 Rabbinern und 36 Borbetern. Die Gesammtzahl ergiebt 202 Gemeinden mit 41 Rabbinern und 151 Borbetern. Man sieht hieraus, daß von der früheren jüdischen Bevölkerung Frankreichs der größte Theil an das Deutsche Reich übergegangen ist. O esterreich-Ungarn. Wien, 5. Juli. (Privatmitth.) Man ist noch immer auf der Suche eines Cantors, der Sulzer ersetzen soll. Ich sagte „ersetzen", und das wird kaum möglich sein; wohl aber, der an seine Stelle kommen soll. In der That wird die Frage täglich brennender bei dem hohen Alter des Altmeisters. Das Schuljahr geht zu Ende und da gestatte ich mir eine statistische Notiz hinzuzusügeu. In dem ablaufenden Schuljahre genosien 7149 jüdische Kinder (3144 Knaben und 4005 Mädchen), Schüler und Schülerinnen der hiesigen Volks- und Bürgerschulen den öffentlichen Religionsunterricht. Wenn die Zahl der Knaben kleiner als die der Mädchen ist, so rührt dies daher, weil erstere in der Regel im Alter von 10 oder 11 Jahren die Mittelschulen besuchen. Der weitaus größte Theil des Vorstandes der hiesigen Gemeinde 'neigt sich Reformbestrebungen zu und bethätigt sie auch im Leben. Ein sehr großer Theil der Gemeinde,huldigt denselben Anschauungen; nichtsdestoweniger aber sucht der Vorstand aus Scheu vor irgend einem Conflicte mit den Conservativen, den Wünschen derjenigen, die eine Reform anstreben, aus dem Wege zu gehen, und ist unser Gottesdienst heute noch, wie er vor 50 Jahren war. Es würde mir wahrlich nicht in den Sinn kommen, meine schwache Stimme ' gegen die hebräische Liturgie zu erheben (ich habe in frühern Jahren heiß für dieselbe gekämpft), aber ich kann mich denn; doch nicht der Thatsache verschließen, daß die Heranwachsende; Jugend von derselben nichts versteht. Auf Grund zahlreicher Petitionen von Gemeindemitgliedern hat der Vorstand mit Zustimmung der beiden Prediger den Unterricht der Bibel im Urtexte für die studirende Jugend aufgehoben. Tatsächlich scheint auch der Vorstand im Sinne seiner Commiteuten gehandelt zu haben, denn wäre das nicht der Fall, so würden doch mehr Schüler die hebräische Sprach- und Bibelschule besuchen, als dies jetzt geschieht. Wer aber A sagt, der muß auch B sagen und da die Heranwachsende Generation nichts vom Hebräischen versteht, so muß auch die Liturgie eine entsprechende Veränderung erfahren, und bei dieser Gelegenheit können so manche andere Reformen, welche sich im Laufe der Zeit als wünschenswerth oder nothwendig bezüglich des Gottesdienstes herausstellten, eingeführt werden. Sebstverständlich wünschte ich nicht, daß denen, die sich beim jetzigen Gottesdienste befriedigt fühlen, irgend ein Zwang angethan werde. Ich wünsche bloß, daß demjenigen Theile der Gemeinde, der in demselben keine Befriedigung findet und! spcciell der Heranwachsenden Generation, möglich gemacht werde, nach ihrer Fa<,on selig zu sein, resp. andächtig zu! beten. Frankreich. Paris, 9. Juli. (Privatmitth.) Soeben wird der bei L. Blum erscheinende .,Calendrier ä l’usage des Isvaelites“ für das Jahr 5641 ausgegeben. Dieser Kalender enthält ausführliche Mittheilungen über das officielle Judenthum in Frankj reich, und es wird wohl die Leser interessiren, wenn wir I uns hier der Mühe unterziehen einige statistische Angaben i aus dem ganzen Convolut zusammen zu stellen. Ueber die