Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1880)
- Date
- 1880-07-20
- Page
- Seite 454 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227315--38199-3307411- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
454 Die Statistik -er jüdischen Volksschule in Preußen. Das „Centralblatt für die gesammte Unterrichts-Verwaltung in Preußen" enthält in seinem Juni- und Julihefte eine statistische Aufzählung „der vorhandenen öffentlichen Lehrer und Lehrerinnenstellen an den preußischen Volksschulen", aus der wir die unsere Religionsgenoffenschaft betreffenden Zahlen herausziehcn. Sie geben uns immerhin ein interessantes Bild, wenn wir auch bedauern müssen, daß wir hierdurch noch keine vollständige Uebcrsicht von den bestehenden jüdischen Elementarschulen erhalten, weil es eben neben den hier aufgezählten öffentlichen Schulen noch sehr viele jüdische giebt, die den Charakter der öffentlichen Schule noch nicht erhalten haben. Es ist dies besonders in Westfalen und Rheinprovinz der Fall. Keine jüdischen öffentlichen Schulen giebt es in der Prov. Ostpreußen (Regb. Königsberg und Gumbinnen), in der Prov. Brandenburg außer in der Stadt Berlin, in der Prov. Pommern, in der Prov. Schlesien außer im Regb. Oppeln, in der Prov. Sachsen. Dagegen sind im Regb. Danzig 2 Lehrer und 1 Lehrerin, Regb. Marienwerder l 4 Lehrer, in der Stadt Berlin 2 Lehrer und 9 Lehrerinnen, im Regb. Posen 60 Lehrer, Bromberg 42 Lehrer, 1 Lehrerin, im Regb. Oppeln 24 Lehrer 3 Lehrerinnen, in Schleswig 8 Lehrer, 4 Lehrerinnen, in der Prov. Hannover 47 Lehrer, Regb. Münster 4, Minden 3, Arnsberg 13 Lehrer, im Regb. Kassel 98, Regb. Koblenz 3, Düsseldorf 15, Köln 5 Lehrer eine Lehrerin, Trier 3, Aachen 5 Lehrer, Sigmaringen 3 Lehrer. Die Gesammtsumme ist demnach 352 Lehrer und 19 Lehrerinnen, zusammen 371 Lehrstellen. Merkwürdig ist aber eine Vergleichung der am 1. Juni 1879 vorhandenen Lehrstellen mit denen am I. Juni 1877. Während nämlich die Zahl dieser Stellen bei den Evangelischen und Katholischen überall zvgenommen hat, zeigt sich bei den Juden eine nicht unbeträchtliche Verminderung in diesen 2 Jahren. In der Prov. Westpreußen war eine Lehrstelle cingegangen, in der Prov. Pommern die einzige, die bestanden hatte, in der Prov. Brandenburg waren von 23 nur 11 übrig geblieben, also 12 weniger, in der Prov. Posen waren 2 eingegangen, in Schlesien 2, in Schleswig 1, in Hannover 7, in Westfalen 5, in Hessen-Nassau 2, in der Rhcinprovinz 2. Jnsgcsammt waren 404 Lehrstellen vom 1. Juni 1877 auf 371 am 1. Juni 1879, also um 33 zurückgegangen, während sich im ganzen die Lehrstellen um 2260 vermehrt hatten. Die Ursachen dieses Rückganges der jüdischen Schulen kann nur in der bekannten Tendenz des Ministeriums Falk gefunden werden, die jüdischen Schulen möglichst zu vermindern, was an vielen Orten durch die Herstellung von Simultanschulen, an anderen aber auch wider den Willen der Gemeinden durch Verfügung der Regierung geschah. Der Minister Falk versagte daher den jüdifcheu Schulen nicht allein jede Unterstützung, sondern suchte sie auch da zu beschränken, wo augenblicklich Simultanschulen noch nicht zu erzielen waren. Es würde dies wahrscheinlich noch an viel mehr Orten gelungen sein, wenn nicht einige Gemeindevorstände auf vollständige Gleichberechtigung an den Simultanschulen bestanden hätten, was ihnen nicht überall bestimmt und klar zugesichert werden sollte. Es hat daher wahrscheinlich auch in den letzten Jahren vor 1877 eine Verminderung der öffentlichen jüdischen Lehrstellen stattgefunden, die sich aber unserer Kenntniß entzieht. Eine später (S. 404 ff.) mitgetheilte Tabelle giebt die Zahl der Volksschulen am Schluffe des Jahres 1879 an, und zwar zuerst der eine lässigen. Die der jüdischen Religion waren: in Marienwerder 1, Posen 25, Bromberg 6, Oppeln 2, Schleswig 3, Hannover 39, Münster 5, Minden 3, Arnsberg 12, Cassel 93, Wiesbaden I, Koblenz 2, Köln 1, Düsseldorf 7, Trier 8, Aachen 5, Sigmaringen 3, zusammen 206. Hierzu kommen nun mehrclassige Volksschulen, an welchem sämmtliche Lehrer jüdischer Religion sind: in Marienwerder 4, in Posen 10, Bromberg 12, Oppeln 3, Hannover 4, Arnsberg 1, zusammen 37. Diejenigen jüdischen Schulen, an denen neben den jüdischen auch christliche Lehrkräfte verwendet werden, sind hier nicht aufgeführt, z. B. die jüd. Schulen in Berlin. Beachtet muß noch werden einerseits, daß an allen Orten, wo eine jüd. Elementarschule nicht besteht, die jüdischen Kinder die öffentlichen Elementarschulen besuchen, wenn diese auch katholisch oder evangelisch confefsionel sind; andrerseits, daß ein sehr hoher Procentsatz der jüdischen Jugend die höheren Lehranstalten besucht. Es ergiebt sich hieraus, daß die Zahl der jüdischen Schulen verhältnißmäßig groß ist, d. h. daß die Mehrzahl der jüdischen Schulen von einer relativ geringen Schülerzahl besucht wird, was natürlich den Schulen die Erzielung besserer Resultate ermöglicht. Hierin liegt nicht selten das Motiv ihrer Fortexistenz. Hervorheben wollen wir noch, daß diese jüdischen Schulen zum größten Tbeil aus Kosten der Gemeinden erhalten werden, (Gesetz vom 24. Juli 1847 ß. 67. 2.) indem den Mitgliedern solcher Gemeinden nur ihr Ouotum zur Schulstener für die Ortsschulen erlassen ist, eine Beihilfe aus städtischen Mitteln aber im Gesetzes. 67.3.) so verklausulirt ist, daß sie nur sehr gering ausfällt. Nur an einigen wenigen Plätzen, z. B. in Köln hal die Stadt die Erhaltung der jüdischen Schule übernommen. Da diese Gemeinden auch ihre Cultuskosten allein zu tragen haben, so liegt hier ein Beweis großer Opferwilligkeit vor.