Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1880)
- Date
- 1880-07-20
- Page
- Seite 450 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227315--38195-3307407- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
450 mittel, und mußten sich stillschweigend Verhalten, als die wiedererstarkte Regierungsgewalt die Aufständischen blutig oder unblutig erdrückte. Ein Jrrthum wäre es gewesen, wenn man angenommen, daß hiermit die liberalen Ideen beseitigt worden. Gab doch Friedrich Wilhelm IV. selbst sofort eine liberale Verfassung, ebenso Franz Joseph in Lesterreich; die erstere blieb unangetastet in Geltung, die letztere trat trotz einer Aufhebung bald wieder in Wirksamkeit. Konnte doch die Idee des deutschen Reiches mit National- Parlament nicht beseitigt werden. Aber die reactionären Geister waren wieder heraufbeschworen, und es zeigte sich, daß die liberalen Institutionen allein nicht genügen, ihnen wesentliche Hindernisse zu bereiten. In Frankreich triumphirte vermittelst jenes tiefen Bruches der Cäsarismus und dieser hatte bald die Folgen, die in seiner Natur liegen. Cr war cs, der den Krieg wieder in die europäische Welt brachte, freilich zuerst dadurch veranlaßt, daß Rußland die Zeit für gekommen hielt, wo es die Hand nach Constantinopel ausstrecken könne. Dem Krimkriege folgten bald der italienische Feldzug gegen Oesterreich, dann die abenteuerlichen Züge nach China und Mexiko. Die europäische Welt war auf den Standpunkt zurückgekommen, daß die großen Bölkerfragen nur durch das Schwert entschieden werden könnten, und es erfolgten die Kriege 18t»4, 1866, 1870 und 1877. Zugleich wurde dadurch die Entfaltung der militairischen Kraft für alle europäischen Staaten eine unausweichliche Existenzfrage und nahm bis jetzt unerhörte Dimensionen an. — So wenig wie die liberalen Ideen vermochte die Reaction die socialistische Propaganda zu beseitigen, und diese wuchs gerade in Deutschland und dann in Rußland zu einer bedrohlichen Höhe. Unter wechselnden und zuletzt ungünstigen volkswirthschaftlichcn Zuständen unterwühlte sic die Gesellschaft innerhalb der niederen Schichten des Volkes durch geschickte Agitatoren, und nöthigte so den Staat zu scharfen Polizeimaßregeln, von denen es jedoch zweifelhaft bleibt, wie weit sie das heimlich weitergreisende Feuer zu ersticken vermögen. Was dagegen der Reaction ganz besonders gelang, das war, der Hierarchie neues Vertrauen einzuflößen, eine hervorragende Stellung einzuräumen und ihre Bestrebungen nach Beherrschung des Volkes und des Staates anzufachen. Es konnte nicht ausbleiben, daß hieraus Conflicte zwischen dem Staat und der Kirche entsprangen, wie dies schon vom mittelalterlichen, viel weniger vom modernen Staate nicht zu vermeiden war. Der kirchenpolitische Conslict erhob sich in allen Staaten, wuchs aber in Deutschland, Frankreich und Belgien zu einem wahren Kampfe an. Die Folge ist, daß die hierarchische Partei den religiösen Fanatismus im Volke zu wecken sich bemüht, daß sie diesen zum gegenseitigen Haß der Consessionen anzublasen sucht. Ohne Fanatismus und Haß vermag sie nicht bestehen zu bleiben, oder irgend welchen Sieg zu erreichen. Sie schürte daher zuerst den Haß gegen die Juden auf, weil sie glaubte, ist nur erst das Gefühl für Duldung und gegenseitige Gerechtigkeit geschwächt, Religions¬ und Racenhaß ausgestreut, so wird sich auch bald die leidenschaftliche Bewegung zwischen den Katholiken und Protestanten anfachen lassen. Mit der politischen Opposition in den Parlamenten, zu der sich ja ein großer Theil des Volkes immer leicht bewegen läßt, sing man an; den Staat drängte man auf diesem Wege zu scharfen gesetzlichen Maßregeln. Diese gaben die Gelegenheit, über Religionsverfolgung zu schreien; wo der Staat eine Hand zum Ausgleich bietet, wird sie zurückgestoßen, weil sie nicht alles gewähren will und kann; und hieraus fließen nun die bittersten Ergüsse zwischen Katholiken und Protestanten, wie die jüngsten Tage sie brachten. Tie Einen ereifern sich über die Proteste der Tyroler Bischöfe gegen die zwei evangelischen Pfarrgemeinden und die Schmähungen des Jesuiten Perrone, und die Ultramontanen citiren die Beschimpfungen des Papstthums durch Luther, (die freilich mehr als drei Jahrhunderte alt sind), und so ist der Religionshader in vollem Gange'. — Daß unter solchen Zerwürfnissen alle liberalen Grundsätze wieder in Frage kommen, daß gegen den Freihandel die Agrarier und Großindustriellen den Schutzzoll, die Handwerker gegen die Gcwerbesrciheit alle Arten Beschränkungen, die Finanzmänner gegen die directen die indirekten Steuern verlangen und erlangen, ist ein natürliches Ergebniß. Selbst die Wissenschaft gerieth darüber aus ihren ruhigen, sicheren Geleisen, und überläßt sich der Hypothesensucht und Hyperkritik, uni die Anschauungen eines öden Materialismus gegen die Er rungnisie aller früheren Geistesarbeit zu vertheidigen und zu systematisiren. — So befinden sich die europäischen Continentalvölker in einem beklagenswerthen Zustande — nicht des Verfalls, wohl aber des — Zerfalls unter einander und in ihrem Innern. Die Stellung Frankreichs, Deutschlands, Oesterreichs und Rußlands ist eine solche, daß sie die außerordentlichsten militairischen Rüstungen, die höchste Anspannung der Volks kräfte erforderlich macht und kriegerische Kämpfe für die letzten zwei Jahrzehnte des laufenden Jahrhunderts in Aussicht erhält. Was den Staat in seinem Innern noch sichert, das ist gerade der Zerfall in so viele Parteien, von denen keine so stark ist, die anderen überwinden zu können. Bon Radicalen im engeren Sinne kann eigentlich nicht mehr gesprochen werden. Tenn außer dem gemäßigten Theile der Liberalen sind alle Parteien radical, die Ultramontanen und Feudal - Conservativen ebenso wie die Intransigenten und Socialisten. Bei diesem Zerfall giebt es eigentlich keine ösientliche Meinung mehr, weil jede Partei ihre Ansichten und Zwecke mit der äußersten Heftigkeit zur Sprache bringt, das Recht und die Wahrheit für sich in Anspruch nimmt,