Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 29 (20.7.1880)
- Date
- 1880-07-20
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Allgemeine Zeitung des Hudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Tiefe Zeitung ericheint wöchentlict, einmal in 2 bis 2'/» Bogen. Breis Vierteljährig 3Mark. Inserate werben mit 20 Pf. für die Petirzeile oder deren Raum berechnet. I Alle Postämter (Postzeitungsliste Rr. S5) und Buchhandlungen nehmen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. LuLwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgärluer^s Buchhandlung in Leipzig. In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. t. Philipps-a in I Bonn; hinsichtlich der Inierate an St. , Moffc i« Leipzig und dessen Filiale« i« Berlin. Breslau re. Znlcratt, welche bis vonnerriag eingehen, finden in der darausfolgenden Nummer Berücksichtigung. Beilagen werden mit 12 Mark berechnet. 44. Jahrgang. Leipzig, den 20. Juli 1880. M. 29. Inhalt. Leitende Artikel: Vom Zerfall in den europäischen Contiuentalftaaten.— Der Congreß in Madrid. — Die kirchenpolitische Stellung des Judenthums in Preußen. — Die Statistik der jüdischen Volksschule in Preußen. — Zeitungsnachrichten: Deutschlaad: Berlin. Straßburg. — Oesterreich-Ungarn: Wien.— Frankreich: Paris. — Schweiz: Genf. — Rußland: Kiew. — Rumänien: Bukarest. — Amerika: New Nork. — Bonn: Norizeu, Literarische Notizen. — Feuilleton: Correspondenz: Breslau, 21. Mai. — Wieder etwas vermeintlich Neues über Shylock. Olrti6o^. . Bonn, 14. Juli. Vom Zerfall in den europäischen Continenlalstaateu. In den dreißiger und vierziger Jahren beherrschten die liberalen Ideen die öffentliche Meinung vollständig. Alles was Talent und Wissen besaß, stand auf Seiten des Liberalismus, so daß sich die Gegner kaum an die Oeffentlichkeit wagten. Es entsprang hieraus ein Entwickelungsdrang, wie er namentlich in Deutschland seit den Zeiten der Reformation nicht vorhanden gewesen. Denn im voraufgegangenen Jahrhundert waren es vielmehr einzelne erleuchtete Geister in Deutschland, die voranschritten, deren Meisterwerke jedoch noch nicht in die weiten Kreise des Volkes zu dringen vermochten. Daß dieser Entwickelungsdrang und die von ihm geleitete öffentliche Meinung nicht so erfolg- und wirkungslos war, wie man gewöhnlich annimmt, bewiesen unter Anderm das Religionspatent Friedrich Wilhelm IV. und die Zusammenberufung des vereinigten Landtags, wie auch später dieselben Momente den Führer der deutschen Angelegenheiten zur Forderung der Indemnität und zur Annahme des allgemeinen Stimmrechts bewogen. Gerade diese Herrschaft der liberalen Anschauungen aber brachte Illusionen mit sich, die nach einem kurzen Zeiträume bittere Enttäuschung im Gefolge hatten. Diese bestanden namentlich darin, daß man des Glaubens war, sobald alle europäischen Völker liberale Institutionen hätten, würden die Feindseligkeiten der Nationen unter einander aufhören und ihre Streitfragen auf schiedsrichterlichem Wege gelöst werden. Der allgemeine Friede stände also in naher Aussicht. Ferner, daß der religiöse Fanatismus völlig erloschen sei, und daß deshalb die Orthodoxie in den verschiedenen Eousessionen Rcligionshader niemals wieder erwirken könne: die allgemeine Duldung wäre unantastbar in der Gesellschaft begründet. Endlich meinte man, vermittelst liberaler Institutionen auch die bereits vielfach ventilirte sociale Frage lösen, die socialen Schwierigkeiten beseitigen zu können. Das Unglück war nun, daß man der Macht der Entwickelung zu wenig vertraute, daß man ungeduldig nach der Herrschaft strebte und sich von den Mahnungen, welche 1780 und 1830 geben konnten, nicht verwarnen ließ. Der Liberalismus stieg, wie man sagt, aus die Straße hinab, scheute nicht die Verbindung mit rohen radicalen Kräften, und die Pariser Februarrevolution fand ihre Nachahmung inDeutschland, Oesterreich und Italien. Hiermit war aber auch die Enttäuschung jener Illusionen bald verbunden. Die liberale Partei mußte zunächst erfahren, daß sie den entseffelten Radicalismns, die ungebundene Anarchie zu beherrschen nicht vermöge, und besonders, daß die brutalen socialistischen Elemente sich nicht durch die theoretischen Spintereien, mit denen man gespielt hatte, wie der Adel des 18. Jahrhunderts mit den liberalen Ideen, gängeln ließen. Die Junischlacht in Paris brachte dies mit einem Male zu Tage; der Bruch zwischen den Radicalen und den Liberalen 'j war plötzlich da; die letzteren verloren dadurch die Kampf- 29