Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1880)
- Date
- 1880-07-13
- Page
- Seite 444 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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444 Jeuilleton. Das Anwachsen -es Proletariats unter -en gatizischen Juden. Es liegt ein satanischer Hohn in der in Deutschland absichtlich verbreiteten Meinung, daß die Masse der Juden wohlhabend sei, während cs kaum einen Bolksstamm giebt, in Verhältnissen, riefen in den polnischen Juden eine bleibende Gemüthsstimmung hervor, welche den fruchtbarsten Boden für den Chassidismus erzeugte. Das verständige Judenthum mit seiner rabbinischen Weisheit und den zahllosen Observanzen, die sich blos als Zäune des vernünftigen Gesetzes gaben, konnte dem relideffen größter Mehrheit mehr Armuth vorhanden ist, als in! giösen Bedürfnisse einer in solchen Verhältnissen lebenden, der jüdischen, namentlich in allen ehemaligen polnischen Län-! mit lebhafter Phantasie begabten Masse schwerlich Genüge dern. Der zu Lemberg erscheinende „Israelit" giebt unter! leisten. der obigen Aufschrift in einer längeren Abhandlung Aufschluß j Solche unleidliche Zustände, aus denen eine Erlösung hierüber, und heben wir aus ihr heute eine Stelle hervor, auf natürlichem Wege kaum möglich schien, forderten bei ihrer welche über die äußeren und inneren Verhältnisse der Inden langen Dauer dringend einen größeren Geistesschwung zu in Polen im vorigen Jahrhundert Licht verbreitet. Es ihrer Ucbcrwindung. heißt da: 1 Wo menschliche Fürsorge und Klugheit sich meist als Das Anwachsen des jüdischen Proletariats in Galizien unzuvcrläßig erwiesen, wo der Boden des sonst fest gefügten ist durchaus keine neue Klage. Schon um die Mitte des Staatswesens erdbebengleich hin- und herschwankte wo die vorigen Jahrhunderts hatte das Elend der Juden in Polen Lehren der Vernunft ihre Geltung verloren zu haben schienen, und speciell in Galizien einen solchen Umfang angenommen, da mußte die Sehnsucht, sich der mystischen Weltregierung zu und waren in Folge dessen die jüdischen Gemeinden, denen nähern, um bei ihrer Allmacht direct Hilfe und Rath zu erdie Armenerhaltung oblag, in so tiefe Schulden gegenüber: langen, aufs lebhafteste geweckt werden, dem borgenden Adel und Clerus gerathen, daß die pol-^ Und siehe da, — die neuen Propheten, die Faktoren nischen Staatsmänner, denen damals wahrlich noch ganz an- und Busenfreunde des höchsten Wesens fanden sich sofort ein. dere, wichtigere Dinge im Sinne liegen mußten, nicht umhin Die berauschende Kraft des Mystizismus, der es übrigens konnten, auch der Judenfrage ihr Nachdenken zuzuwenden. nicht verschmähte, auch die berauschende Kraft der Spirituosen Das damalige außerordentliche Elend der Juden war! zu Hilfe zu nehmen, brachte die Wunderthaten und Amulette hauptsächlich durch die schon seit Beginn des 17. Jahrhun-! der Zadikim hervor, an welche der Verunglückte sofort appcllirte derts um sich greifende religiöse Intoleranz, sowie durch den und bei denen er wirksamen Trost fand, ohne die Hand zur Verfall der Staatsgewalt in Polen verursacht worden.! Arbeit und Eigenhilfe anlegen zu müssen. Der zur Allmacht gelangte Jesuitenorden hatte es dahin! Das Elend zu betäuben — das gelang dem Chassidisgebracht, daß die Juden von ihrer früheren, weit höheren mus am besten und sein Einfluß mußte um so mehr zusozialen Stellung stufenweise verdrängt und immer mehr in! nehmen, als er in sich auch ein bedeutendes communistisches ihren Lebensbedingungen verkürzt worden waren, wodurch ihr | Element birgt, im Grunde dessen die an den Zadik fließen- Wohlfland langsam, aber sicher, untergraben wurde. den Gaben - zugleich zur allerdings nothdürftigen Erhal- Hierzu gesellte sich die schon seit Beginn des vorigen | tung der frommen müßiggängerischen Horden zu dienen haben. Jahrhunderts einttetendc Agonie des Staates — mit ihren j Diese Horden — und nicht wie man oft fälschlich krampfhaften Zuckungen, welche massenhaft die jüdische Habe wähnt, einzelne betrügerische Individuen — sind es daher zerstörten. Durch die beständigen Verheerungen äußerer Kriege,! fast immer gewesen, welche, wo es nur anging, Zadikim kröndie Bürgerkämpfe im Innern und die furchtbaren Ausstände,! ten, um sich Mittelpunkte für die Glaubensschwärmerei und welche damals das unglückliche Polen durchwütheten und eine beispiellose Anarchie erzeugten, wurden die Juden zu Tausenden an den Bettelstab gebracht. Bon Freund und Feind gebrandschatzt, von jeder Partei nach Willkür geplündert, von großen und kleinen „Beschützern" nach Herzenslust ausgesogen, trotzten sie fast nur wie durch ein Wunder dem gänzlichen Untergang. Die durch Jahrzehnde andauernde furchtbare Noth die absolute Unsicherheit jeden Besitzes und jeden Erwerbes und die endlos scheinende Constanz in diesen entsetzlichen die eigene Ernährung zu gründen. Und so sehen wir -- man kann sagen, direct aus dem jüdischen Proletariat eine Institution hervorgehen, welche dem nämlichen Proletariat eine feste Heimstätte und einen beständigen Erzeugungsherd verschaffte, dasselbe vermehrt und bis auf den heutigen Tag als ein solcher Bermehrungsfactor unheilvoll fortlaborirt. Bekanntlich sind die polnischen Staatsmänner nicht mehr dazu gelangt, auf die Judenfrage irgend welchen Einfluß zu nehmen. Mit dem zerstückelten Polen überging auch diese