Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1880)
- Date
- 1880-07-13
- Page
- Seite 445 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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Frage unerledigt auf die Theilungsmächte. Und so fiel auch! Erwerbszweige entzogen wurden, während durch die Ein- Oesterreich die Aufgabe zu, dem aufs höchste gesteigerten Pauperismus der galizischen Juden, bei der Nebernahme des Landes ein Ende zu machen. Es wäre eine Naivität zu deuten, daß die damaligen österreichischen Staatsmänner die Lösung dieser Aufgabe etwa zugleich als ihre Pflicht aufgcfaßt hätten — die Ursachen der Verarmung der Juden zu beseitigen. Hiervon war damals nicht die entfernteste Rede, wohl aber handelte es sich um die Beseitigung des jüdischen Proletariats und der Quelle seines Wachsthums auf was immer für tauglich scheinende Weise, weil in demselben mit Recht eine Gefahr für die ganze Gesellschaft erblickt werden mußte. Ein ebenso probates als radikales Mittel zur Erreichung dieses Zweckes wäre beispielsweise die Vertreibung sämmtlicher Juden aus Galizien gewesen und cs hat dieses Mittel keineswegs etwa außerhalb des Jdcenkreises jener österreichischen Staatsmänner gelegen — gerade im Gegcntheil, die Ausführung einer solchen Maßregel lväre ganz im Geiste jener Epoche erfolgt, wenn man nicht ein vortheilhafteres und weniger auffälliges Mittel zu demselben Zwecke ausfindig gemacht zu haben geglaubt hätte. Es war dies ein rafnnirt ausgedachtes System, welches ganz auf das nämliche Ziel hinauslief und sich auf folgende Grundsätze bafirte: 1. Jeder Jude zahlt eine relativ sehr bedeutende Äopfsteuer und viele andere Judensteuern und hat nur so lange als er diese Steuern zahlt das Recht im Lande zu bleiben. 2. Kann der Jude diese Steuern — gleichviel aus welcher Ursache immer nicht zahlen — so wird er über die Grenze geschafft. Kraft dieser Grundsätze wurde nun der ärmste und hoffnungsloseste Theil des jüdischen Proletariats fuhrenweise an die polnische Grenze gebracht und daselbst in das nach der ersten Theilung übrig gebliebene Polen getrieben — dort aber wurden die Aermsten von den Grenzbewohnern mit Flintenschüffen und Dreschflegeln empfangen und mit zerbrochenen Gliedern heim geschickt, worauf wieder die österreichischen Wächter sie zurückjagteu und so ad intinituni, bis nicht viel von ihnen am Leben übrig blieb. Durch diese Procedur wurde zwar noch nicht das gewanderung deutscher Handwerker und Handelsleute, denen man die größten Bortheile und Privilegien einräumte, auch auf die Verdrängung der Jude» vom Handel und allen Handwerken hingearbeitet wurde. Diese Maßregeln, consequent ausgeführt, hätten nach dem Gange der Natur fast alle Juden allmälig in hoffnungslose Proletarier verwandeln muffen, die dann über die Grenze geschafft worden wären. Die Juden mit sammt ihrem Proletariat sollten auf diese Weise, bis aus den geringen Bruchtheil einiger Geldprotzen, beseitigt und hierbei noch der große Bortheil erreicht werden, daß man dieselben erst wie einen Schwamm ausgedrückt hätte, che man sie wegwarf. Die polnische Anarchie hatte also allerdings ein Ende genommen und die Bedingungen einer ruhigen Entwickelung waren vorhanden, aber das sollte den Juden vorläufig nicht zu Gute kommen. Sie befanden sich in der Lage eines von der Inquisition Gefolterten, dem man früher durch die Strickfvlter die Glieder verrenkte und dann zur Abwechslung der Wasserfolter unterwirft. Aber schon nahte die französische Revolution mit Riesenschritten und der Hauch ihres Geistes wehte schon in einzelnen erleuchteten Männern. Einer der Erleuchtetsten, Kaiser Josef ll., hatte den Kaiserthron bestiegen. Vermischtes. Der Friedhof zu Haigerloch. Mau schreibt uns aus Haigerloch (Hohenzollern): Die hiesige israelitische Gemeinde besitzt einen Friedhof eine Stunde von hier mitten in einem Walde. Derselbe wurde wahrscheinlich im Mittelalter schon erworben, wo die hier ansässigen, etwa zehn Familien froh sein mußten, ihre Todtcn in stiller Waldeinsamkeit Herbergen;u können, wo sie ungestörter und geschützter lagen, als in der Nähe der Städte. Auch die benachbarten Ortschaften mußten ihre Todten dahin bringen, w'e Mühringen, Rexingen, Nordstetten u. s. w. Jndcß wird dieser Friedhof schon seit 73 Jahren nicht mehr benutzt. Temungcachtct pilgern wir alljährlich nach über sammte jüdische Proletariat beseitigt, denn für viele Armen 1 kommener pietätvoller Lütte am Rüsttage zum Neumondstage zahlten oft die Vermögenden Steuern, um denselben das Le-' Ellul dahin und verrichten die Gebete. Der älteste Grabben zu retten. Doch das System mußte gleichwohl seinen stein, welcher noch zu entziffern ist, trägt das Datum: Zweck allmälig erreichen, weil gleichzeitig die Judensteuern Dienstag, den 12. Kislew also 15b7; doch kann man auf's Uebertriebenste erhöht >) und den Juden immer mehr den Namen des Mannes, der darunter ruht, nicht mehr er. - : kennen. 1) So wurde beispielsweise eine Juden-Heirathstaxe von 20 Dukaten eingeführt, eine für jene Zeit und die elenden Verhältnisse - der Juden geradezu enorme Summe.