Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1880)
- Date
- 1880-07-13
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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440 Sie sagt: „Da wird die Katholikenhetze in so schamloser Weise betrieben, daß, falls diese Blätter einen Einfluß aus die niederen Schichten des Volkes ausüben würden, man sich kaum wundern dürste, falls ein im Hasse gegen Rom ausgewachsener protestantischer Bauer den ersten besten Katholiken mit dem Dreschflegel Niederschlagen sollte." Sie fährt weiterhin fort: „Die Katholikenhetze nimmt, wie diese Worte klar beweisen, einen höchst bedrohlichen Charakter an und wir halten es im Interesse des öffentlichen Friedens für eine ernste Pflicht der Behörde, gegen Bübereien, wie die vorliegende, mit den Mitteln vorzugehen, die ihnen § 130 des Strafgesetzbuches an die Hand giebt." So! Jetzt sollen die Herren Staatsanwälte die Anklage erheben, und der Strafrichter sein Amt üben, da die Diatriben sich gegen die Katholiken wenden. Aber hat die ultramontane Presse nicht hundertfach ärger gegen die Juden geschrien, die Volksleidenschast gegen sie angestachelt, und nicht selten ganz unverhohlen zu Gewaltthaten aufgesordert? Ta hohnlachte dieselbe Presse, wenn nur an einen Versuch gedacht wurde, die Staatsbehörde zur Sicherung einer ganzen Bürgerklasse ausznrusen. Schaut die „Germania" in diesen Spiegel, so wird sie ihr eigenes verzerrtes Antlitz erblicken. Wer aber das Feuer des Fanatismus entzündet hat, muß es ertragen, wenn es sich des anderen Tages gegen ihn selbst wendet. Berlin, 7. Juli. (Privatmitth.) Gestatten Sie mir, Ihre Antwort Nr. 27 aus die Grenzboten-Artikel durch einige Bemerkungen zu ergänzen. Die eine muß ich mit dem Sprichwort einleiten: . Die Dummheit schlägt sich immer selbst! Denn wenn es wahr wäre, daß die einhundertjährige Culturarbeit der Juden an sich selbst nichts weiter zu erzielen vermocht habe, als seichte, oberflächliche, ungründliche Geister, wie könnt ihr in demselben Augenblicke der ganzen „Station von Denkern" vor solchen Geistern Furcht und Schrecken einzuflößen suchen, sie von ihnen gefährdet, beherrscht, ja besiegt darzustellen?! Eine Station von 40 Millionen soll sich nach mehr als tausendjähriger Culturarbeit von einer kleinen Schaar seichter und oberflächlicher Geister, die kaum erst aus den Ghetti herausgekommen, beeinflussen, ja überwinden lassen! Das ist so dumm, daß man daran zu glauben kaum denen zutrauen könnte, welche cs Vorbringen, aber noch weniger meinen sollte, daß ihnen Glauben geschenkt werde — und doch findet es so vielen Wiederhall'. — Wenn ferner unsere Gegner, und so auch jener Artikelschreiber von dem „seichten, sentimentalen Deismus des Reformjudenthums" sprechen, so würden sie wohl in große Verlegenheit gerathen, wenn man ihnen die Erklärung abforderte, was sic denn eigentlich hierunter verstehen? Wenn unser Deismus „seicht" ist, weil er von allen Mysterien, von allen mythologischen Geheimnifien sich frei hält und nichts als eine vernunftgemäße und zugleich dem Herzen entsprechende Gotteserkennt' niß lehrt, so war schon Moses ein „seichter Deist" (vgl. 5. Mos. 30, 11 ff.) und ist das Judenthum in allen seinen Phasen ein solcher Deismus geblieben, mit Ausnahme etwa der Alexandrinischen Allegorien und der kabbalistischen Phantastereien. Wenn „sentimal" heißt, daß wir uns nicht mit den kahlen Definitionen des Rationalismus begnügen, sondern unsere Gotteserkenntniß zugleich auf die unverlöschlichen Empfindungen des Menschenherzens stützen und ihr Fundament in den Tiefen der menschlichen Gefühlswelt suchen, so folgen wir auch hierin nur den Impulsen, die uns schon Moses gegeben, der uns nicht blos aussorderte: „Erkenne den Ewigen, deinen Gott", sondern auch: „Ehrfürchte den Ewigen, deinen Gott", und noch mehr: „Liebe den Ewigen, deinen Gott mit deinem ganzen Herzen, mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Vermögen!" In dem Jahrhundert seit Mendelssohn haben wir eifrig danach gestrebt, das Judenthum durch alle Phasen seiner Entwickelung in seinem Wesen, seinen Grundlagen und Zielen zu erforschen und wissenschaftlich bewußt zu machen, und es so auf die Offenbarung und aus die Geschichte aller Geschlechter seines mehr als dreitausendjährigen Bestandes zu stützen, es ebenso als ein Product geoffenbarter Lehre und geschichtlicher Entwickelung wie wahrhaft menschlicher Erkenntniß nach allen Kräften und Richtungen des Menschengeistes sestzustellen; und wenn es euch nun beliebt, das Judenthum als „Deismus" zu bezeichnen, so haben wir unter obiger Voraussetzung nichts dagegen. Das Epitheton „seicht" könnet ihr nur für euch selbst in Anspruch nehmen, und „sentimental" kommt euch nur in dem Sinne zu, als alle eure Behauptungen aus dem Sentiment des blödsinnigsten Hasses entspringen. — Leipzig, 4. Juli. ^Privatmitth.) Der deutsch-israelitische Gemeindebund hat das in seiner Generalversammlung am 11. April vom Rechtsanwalt Emil Lehmann in Dresden erstattete Referat „lieber die judenseindliche Bewegung in Deutschland" drucken lassen. Es ist ein ebenso lichtwie maßvoller Vortrag, aus welchem wir die Stelle wiedergeben, die sich über den Umstand ausläßt, daß selbst die fanatischesten Hetzartikel von der Justiz unverfolgt geblieben, die doch bei anderen Preißerzeugnissen nicht immer eine solche Zurückhaltung beobachtet hat. Sie lautet: „Alles das geschah unter der Herrschaft eines Gesetzbuchs, das mit Strafen bedroht denjenigen, der in einer den öffentlichen Frieden gefährdenden Weise verschiedene Klassen der Bevölkerung zu Gewaltthätigkeiten gegen einander öffentlich anreizt, (8 130) wie denjenigen, der öffentlich eine mit Corporationsrechten innerhalb des Bundesgebietes bestehende ReligionSgeseüschast oder ihre Einrichtungen oder Gebräuche beschimpft (tz 166)." „Alles das ist auch ohne Privatanklage vom Staate direct