Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1880)
- Date
- 1880-07-13
- Page
- Seite 435 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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den jede Hand nach ihrem Willen formen kann, so müßte man es sich auch gefallen lassen, daß sic unter der Hand zerfließt, und jeder Festigkeit ermangelt. Dies ist der Jdeengang unseres Correspondenten, den er ausführlich und mit mannigfachen Belegen entwickelt, und aus welchem ganz besonders hervorgeht, daß die gedachte Angelegenheit auch in Amerika keine allgemeine Bedeutung und Tragweite besitzt und lediglich aus persönlichen Motiven aufgcbaufcht wird. Unruhe und Hast führen stets noch eine andere Eigenschaft mit sich, die Selbstüberhebung. Denn ohne solche hat der „Thatendrang" keine Wurzel und rindet keine Befriedigung. Die große Mehrzahl der amcrik. Rabbiner sind Deutsche, und nicht wenige von ihnen haben noch vor Kurzem auf den deutschen Schulbänken gesessen. Nun sie in Amerika sind, stellen sie sich gern den deutschen Collegen gegenüber, das amerikanische Judenthum dem deutschen, bei welcher Parallele das letztere gar arg wegkommt'. Wir lesen z. B. einen Artikel in der, seit einigen — nicht Jahren, sondern — Monaten zu Milwaukee erscheinenden Wochenschrift „der Zeitgeist." Da heißt cs: „Die Entwickelung des Judcnthums in der neuen Welt geht rascher vor sich als in der alten. Tort bewegt sich das Judcnthum in den breitgctretencn Geleisen, die der Beginn der neuen Zeit ihm gezogen; dort blickt das Judcnthum ehrfurchtsvoll und hosinungsreich zum Staate, als der alleinseligmachenden Gewalt, empor. Tort muffen die Juden, die in den großen Städten wohnen, von Staatswegen zu einer Gemeinde gehören und für die Erhaltung derselben beitragen. Dort ist der Rabbiner stark und einflußreich durch seine Anlehnung an die Staatsgewalt und es genügt ihm das Schaffen in dem bescheidenen Kreise seiner Gemeinde. Dort stehen sich die Lehrer und Führer in Israel fremd gegenüber. Für den Rabbiner in Fürth oder Regensburg ist das Judenthum in Berlin oder Breslau meist eine ganz andere Welt. Sie häufen Schätze von Wissen an, durchstöbern die reichen Fundgruben der Wissenschaft, aber das Judenthum schreitet bei alledem nicht vorwärts." Also die Entwickelung des Judenthums in der neuen Welt ist „rascher" — will uns der Schreiber wohl sagen, worin diese „raschere Entwickelung" besteht'? in welchen Erscheinungen und Thaten? welche „Entwickelung" sich die Herren nicht aus Deutschland mitgebracht oder hergeholr? Will er uns nicht irgend ein, ja nur ein einziges amerikanisches Product nennen, für das nicht — wir schließen die Jrrthümer mit ein — ein Vorbild in Deutschland gefunden wird? Ja. wir bewegen uns in den „breitgetretenen Geleisen," — und Ihr? Ihr geht uns nach, Ihr gehr in den Geleisen, die wir Euch geebnet und breitgetreten. Von den neu entdeckten Ländern des Judenthums, welche amerikanische Pioniere auffanden, haben wir noch nichts gehört. Dies war - Einbildung; jetzt kommt — Unwahrheit. Wo blickt in Deutschland das Judcnthum als solches zum Staate „als der allein seligmachenden Gewalt" empor? Der Staat kümmert sich gar nicht um uns, außer der Formalität der Rcchnungsrevision; die Gemeinden können machen was sie wollen — so gut wie in N. A., können Rabbiner ein- und absctze», den Gottesdienst reformircn oder nicht, der Staat giebt keinen Heller dazu, und von wem man nichts erhält, von dem ist man doch auch nicht abhängig und erwartet keine „SeligmachungTa der Schreiber des Artikels ein Schüler des Breslauer Seminars war, so konnte er das doch wissen. Und auch vom Austrittgesetz mußte er gehört haben. Es braucht in Preußen kein Jude mehr zur Gemeinde zu gehören, so wenig wie in N. A. Und darum soll sich das Judenthum „rascher entwickeln?" — Zur Unwahrheit kommt nun der Hohn'. „Ter Rabbiner ist stark und einflußreich durch seine Anlehnung an die Staatsgewalt." Welcher deutsche Rabbiner ist stark und einflußreich, wenn nicht durch sein persönliches Wirken? Welche Anlehnung gestattet ihm der Staat? Außer in Württemberg und Sachsen - Weimar ignorirt der Staat den Rabbiner gänzlich. Durch das Reichs- Standes-Gesetz ist dem Rabbiner jede Wirksamkeit genommen, die ihm nicht von seiner Gemeinde eingeränmt wird. Der deutsche Rabbiner ist von seiner Gemeinde gerade so abhängig wie -- der nordamerikanische, von dem Einer gewitzelt hat, er sei nicht der „Hirt," sondern das einzige „Schaf" der Gemeinde. In Deutschland stehen sich die einzelnen Rabbiner fremd gegenüber — meint der Art. — in Amerika frägt aber wohl der Rabbiner in Milwaukee, was der Rabbiner in Selma Ala. für eine Meinung hat, und ordnet sich ihm unter? Doch wozu diese lächerliche Selbstüberhebung noch weiter bestreiten. Gewiß, Niemand würde sich über ein rüstig fortschreitendes, über ein frisches, lebendiges Judcnthum in N. A. mehr freuen, als wir. Rur gewahren wir ein solches leider', noch nicht. In einem Lande, wo nur ein Drittel der Juden sich den Gemeinden anschließt, zwei Drittel sich um deren Existenz gar nicht kümmern, ihre Institutionen unbenutzt und ununtcrstützt lassen, kann man doch von einem starken Leben nicht sprechen. Und wäre cs anders, muß sich denn gleich wieder das alte Beispiel wiederholen, daß die Tochter sich über die Mutter erhebt, der sie doch alles schuldet? . . . Doch wir wollen diese und andere unreife Erpecrorationcn nicht tragisch nehmen. Ihre Absicht ist klar: sie wollen den amerikanischen Juden schmeicheln und ihnen zurufen: „WirWilden sind doch bessere Menschen.'" Deshalb schweigen wir über das, was der Herr über die jüdische Presse in Europa und in N. A. sagt. Wir sollen uns von der Staatsgewalt unsere Bahnen vorschreiben lasten'. Sic, die züd. Presse, soll in N. A. „aus einem freieren und