Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 28 (13.7.1880)
- Date
- 1880-07-13
- Page
- Seite 434 (sequence 2)
- Language
- German
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434 ruhe besonders der fast sämmtlich aus Deutschland herübergckommenen Rabbiner, namentlich des jüngeren Theiles derselben, bemächtigt. So kam es, daß die ältere Linie dieser Rabbiner, die zu den hervorragendsten Reformern gehören, wie Einhorn, S. Adler, S. Hirsch, M. Lilienthal 11. A. bereits in die zweite Linie zurückgcdrängt ist. Sicher ist es, daß die Masse unserer Glaubensgenossen jenseit des Seeaus diesen Drang nicht theilt, und die Produete desselben nur ungern sicht, ein Umstand, der vielleicht den Heißspornen mit der Zeit zur Abkühlung gereichen wird. Denn in der Natur der Sache liegt es. daß der Rabbiner, der geistliche Rührer der Gemeinden vielmehr einen festen, erhaltenden Standpunkt einnimmt und sich nicht zum Eelairenr in die unbeschränkte Weite macht. Wenn ein Rabbiner seine Gemeinde bewegt, ihren Tempel einer christlichen Gemeinde zum Gottesdienst zu gewähren, und der Pfarrer dieser Gemeinde nimmt die Gelegenheit wahr, gegen Judcuthum und Juden zu donnern und zu schmähen, und der Rabbiner dennoch während der Reparatur des Tempels den jüdischen Gottesdienst in der Kirche jenes Pfarrers vornimmt' > — so mag dies immerhin theoretisch ein Zeugnis; der Toleranz sein, praetisch ist es - trotz aller Phrasen — ein Zeugniß für einen gründlichen Jndisserentismns. Im Leben muß die Toleranz sich kräftigst bethätigen: auf dem religiösen Gebiete muß Entschiedenheit bestehen, sonst ist die Existenzberechtigung der Glaudensgenossenschaft in Frage gestellt. Einen weitern Beweis liefern die Controversen über die Mischehe und den Sabbath, die neuerdings die jüdische Presse amerikanischen Glaubensgenossen repugnirt die Angelegenheit im höchsten Grade. Jnstinctmäßig fühlen sie das theoretisch und praetisch Mißliche derselben. Und die Einzelnen, die eine „schone Nicht-Jüdin" (-;Nr> rs-1 rvs) heimsühren wollen, kümmern sich wenig um Rabbiner oder Pfaffen — Mischehen kommen im Uebrigen hier zu Lande keinesfalls häufiger als sonst wo vor, ja factisch seltener." — Das Judenthum war von seinem Beginnen an den Stamm geknüpft, und dies sicherte ihm durch die Jahrtausende den Bestand, während es ihm nicht die Möglichkeit nahm, seine großen Lehren und Wahrheiten der Menschheit;u übergeben. Selbst in dem Einzelnen, in welchem der Glaube sich abgeschwächt oder gar ganz verflüchtigt hat, ist die Reminiscenz noch lebhaft vorhanden und er geräty in Entrüstung, wenn er von dem traurigen Schicksal erfährt, das man in entfernten Gegenden seinen Stammesgenossen bereitet, sei es in Rumänien, sei es in Marokko. Wer die gegenwärtigen . Zustände in der alten und neuen Welt unparteiisch prüft, die Herrschaft, welche Wahn und Aberglaube noch üben, die erbitterten Kämpfe, die von den schroffen religiösen Gegensätzen angezettell und geführt werden, sowie den breiten Raum, den Unglaube und Materialismus in unserer Zeit wieder einnehmen, der wird von der Nothwendigkeit des dauernden Bestandes des Judenthums mit seinem einfachen, vernunftgemäßen Lehrinhalt tief überzeugt sein, und deshalb nicht leichtsinnig mit dem umgehen, was noch immer ein fester Mörtel für die Masse seiner Bekenner auSmacht, die Masse, in welcher das bloße Prineip und einige allgemeine Lehrsätze in den Ber. St. mit Kriegsgeschrei und Schwerterklang erfüllen. Wir erhalten hierüber einen ausführlichen Artikel von Rabj diner Flügel, gegenwärtig in Kalamazoo, Michigan, den j unsere Leser bereits aus früheren Eorrcspondenzen kennen. Aber wir halten es durchaus nicht für opportun, auch uns weitläufig mit der „Mischehe" zu beschäftigen, und wollen deshalb nur einige Bemerkungen unseres geschätzten Eorresp. hier ansühren. Tie Thatsachc war, daß ein Rabbiner, und zwar ohne Einverständuiß mit seinem Gemeindevorstande, und deswegen außerhalb des Weichbildes seiner Gemeinde, die Ehe- , Verbindung eines Juden mit einer Christin durch die religiöse Trauung schloß, und hieran knüpften nun Feind und Freundi die literarische Controvcrse. Herr Rabb. Flügel meint daher: I „Es cxistirt, meines Erachtens, gar keine Mischehe-Frage in j Amerika. Eine solche ist vielmehr künstlich und gewaltsam! herausbeschworen. Sie kommt mir ganz wie die Judenfrage in Deutschland vor; nur von wenigen Persönlichkeiten in den Vordergrund gedrängt, einem Änustseuerwerke gleich, das auflodert, schillert und erlischt. Ten Massen unserer 1", Sie uns so eben berichtet wird, bat die jüdische Gemeinde (in St. Louis) das Anerbieten, ihren Gottesdienst in gedachter Kirche abzuhatlen, abgetehnl. nur schwache Bollwerke gegen die Fluth der Zeit abgeben. Von diesem Gesichtspunkte betrachtet unser Eorrespoudent die Mischehe, und führt die Erfahrung an, daß sie in der Regel für die Verbundenen ungüitstig ausgefallen sei und ihre Unhaltbarkeit besonders bei der Kindererziehung erweise. Auch Or. Einhorn, als. nicht im Leben, sondern in der amerikanischj jüdischen Presse vor längerer Zeit schon einmal die Frage der Mischehe ausgeroorfen wurde, wies dieselbe in ihre Schranken zurück. Mögen doch die jungen Stürmer zum Programm dieses gewichtigen Reformers zurückkehren, und sich nicht auf- und vordrängen, wo es der Bor- und Umsicht bedarf." Die Mischehe hat auch den Fall des Abrahamitischen Bundes zur Folge, und dann bleibt endlich nur ein wasferdünner Extract übrig, der weder Heilnoch Nahrungskraft enthält. Niemand legt denen ein Hinderniß in den Weg. j die eine Mischehe eingehen wollen, und der nächste Friedensrichter genügt, ihre Verbindung zu schließen. Zumeist sind diejenigen, welche einen solchen Ehebund beabsichtigen, religiös indifferent. Nun aber kommt irgend ein Verwandter und wünscht auch die religiöse Trauung, und das Judenthum soll sofort die Hand bieten, um solcher nebensächlicher Wünsche willen! Wenn die Religion erst zu bloßem Wachse geworden,