Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1880)
- Date
- 1880-07-06
- Page
- Seite 427 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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427 und obgleich er an andern Orten die Furcht vor dem Einfluß der Juden geradezu eine fixe Idee nennt (S. 502), verräch trotzdem selbst eine solche kindische Gespensterfurcht vor demselben, daß er im 5. Abschnitt, wo er von der Entstehung des Christenthums aus dem Judenthum spricht, und der Erfolge gedenkt, welche die vom Christenthum so lange unterdrückten Juden heute aufzuweisen haben, das Bekenntniß ablegt, das Christenthum sei nun „auf dem Punkte oder in Gefahr, wenn man will, in Hinsicht der Geld- und Preßherrschaft, und vielleicht einmal in noch anderweitiger Machtausübung (!) durch die von ihm früher Unterdrückten überflügelt zu werden!" (S. 162)." „Henne-Am Rhyn protestirt allen Ernstes dagegen, daß der moderne Staat Juden, und wären sie wissenschaftlich noch so befähigt dazu, das Richteramt übergebe (S. 504); Henne- Am Rhyn protestirt dagegen, daß Kinder orthodoxer Juden ohne Schädigung der andern Kinder die Simultanschule besuchen könnten (S. 486); Henne-Am Rhyn macht es dem Abgeordneten Laster zum Borwurf, daß er im sogenannten „Kulturkampf", wo es sich doch thatsächlich nicht nur um spezifisch katholische und protestantische Angelegenheiten, wo es sich namentlich im Punkt der Ehe- und Schulgesetzgebung um allgemein menschliche Angelegenheiten gehandelt hat, überhaupt mitgesprochen, — er nennt das geradezu eine „bodenlose Frechheit" (S. 504) *); — l) Wozu, glaubt denn dieser Mann, haben die deutschen (in der ungeheuren Mehrheit christlicher) Wähler Lasker gewählt? Soll er sich etwa von Henne-Am Rhyn sein Mandat auslegen lassen? Wir mochten wissen, auf welcher Seite die „Frechheit" lregt? er wirft ihm aber auch vor, daß er sich in den politischen Angelegenheiten Deutschlands überhaupt in einer Weise vorgedrängt habe, die in gar keinem Berhältniß zur Anzahl Juden den Christen gegenüber stehe; und um das Beste zuletzt zu nennen, Henne-Am Rhyn billigt durchaus nicht die neueste Agitation gegen die Juden, aber er begrüßt sie nichtsdestoweniger als einen „wesentlichen Fortschritt in der Humanität" (S. 501), und zwar deswegen, er meint, die Juden hätten alle Ursache, dafür Halleluja zu singen, daß sie jetzt nur mit Worten und Pamphleten verfolgt würden, während sie früher „ausgeplündert, vertrieben, gemordet und ihre Häuser verbrannt worden seien." „Henne-Am Rhyn spricht es ganz gelassen aus: „Keinem Juden ist bei der jetzigen Hetze etwas zu leide geschehen" (S. 501), und setzt sich dadurch bei jedem nur halbwegs menschlich Fühlenden und Denkenden dem Vorwurf aus, daß er trotz all seinem Wissen und all feiner sonstigen Freisinnigkeit kein Berständniß hat für jenes tiefere Leid, das auch ohne äußere Gewaltthat, durch Verkennung, Hohn, Haß, Lüge und Verleumdung sich unserer bemächtigen kann!" Und ein solcher Skribler wagt es, im Vorwort seine Wissenschaftlichkeit (!!!) zu rühmen, so wie seine Absicht, „den Juden stets gerecht zu werden" (!!!) Wir fragen daher jenen freundlichen Leser, ob er uns noch zumuthen werde, uns mit „Henne-Am Rhyn" zu beschäftigen? Ieuilleton. Moritz Rappaport. Nachdem wir in voriger Nummer das Hinscheiden dieses trefflichen Arztes und Dichters gemeldet haben, gebührt es sich, dem verdienstvollen Dahingeschiedenen an dieser Stelle noch einen Denkstein der Erinnerung zu errichten. vr. Moritz Rappaport war am 17. Januar 1808 zu Lemberg geboren. Sein Vater, Simche Rappaport, war ein feingebildeter, aufgeklärter Mann, in dessen Hause der begabte Knabe ftühzeitig geistige Anregung fand. Eine besondere Vorliebe widmete er den hebräischen Poesien, eine Vorliebe, die ihn schon als Jüngling und auch später zu metrischen Uebersetzungen veranlagte, deren viele, wie auch polnischer Gedichte, sich im Nachlasse R.'s befinden. Er studirte in Wien, in enger Freundschaft mit Ludwig August Frankl verbunden, Medicin und promovirte daselbst 1833. Bon da ab wirkte er bis 1872 als Arzt in seiner Vaterstadt, wo er in unermüdlicher Thätigkeit einer bedeutenden Praxis oblag. Hervorheben wollen wir, daß er in diesem fast vierzigjährigen Zeiträume dem jüdischen Spitale theils als Primärarzt, theils als leitender Direktor unentgeltlich Vorstand. Dabei richtete er seine Anstrengungen mit voller Kraft auf Verbreitung echter Bildung unter seinen Glaubensgenossen, und fast alle Anstalten in Lemberg, wie Tempel, Schule, Waisenhaus, Kleinkinderbewahranstalt, Speiseanstalt u. s. w. sind durch seine Anregung, seinen Feuereifer und seine Munisicenz ins Leben gerufen worden. Neben dieser Thätigkeit opferte er mit Hingebung der Muse, und unter mehrfachen größeren und kleineren, stets mit Anerkennung aufgenommenen Dichtungen wollen wir nur seinen „Mose, ein episch-lyrisches Gedicht" von größerem Umfange hervorheben, welchem diese Zeitung eine lebhafte Würdigung in Deutschland bereitete. 1872 siedelte er nach Wien über, wurde jedoch bald durch seine Sehnsucht nach der Heimath zu derselben wieder zurückgeführt und feierte hier seinen 70. Geburtstag, welchen die Nähe und die Ferne benutzten, ihm ihre dankbare Huldigung zu erkennen zu geben. Von schwerem Augenleiden befallen, siedelte er wieder nach Wien über; allein die vorgenommenen 27*