Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1880)
- Date
- 1880-07-06
- Page
- Seite 424 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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424 In der Oeconomie-Section wird Herr M. Schweiger, und in der Fachsection Herr Ober-Rabbiner Steinhardt den Vorsitz führen. Ein Antrag des Herrn v. Gutmann (Kanizsa) auf Errichtung von Talmud-Thora Anstalten wird behufs Borberathung der Fachsection zugewiesen. Die Sitzung wird hierauf bis nach Beendigung der Berathungen der Fachsectionen vertagt. Hamouna, 2t). Juni. (.Privatmitth.) Eine Feuersbrunst, die am 16. d. M. einen großen Theil der Stadt in Asche legte, hat leider größtentheils die hiesige Gemeinde betroffen. Die große Synagoge und das Bet Hamidrasch wurden ein Raub der Flammen. Ein Familienvater ist im Rauche erstickt und die zurückgebliebenen Kinder schreien nach Brot. Ein kranker Mann kam in den Flammen um. Hunderte von jüdischen Familien irren obdachlos in den Straßen umher und haben nichts als das nackte Leben gerettet. Das Elend ist groß. Frankreich. Paris, im Juni. Die Gesellschaft „Societe des etudes juives“ hat ihren materiellen Bestand gesichert. Der zum Vorsitzenden gewählte Baron I. E. von Rothschild hat 10,00 Frcs. gezeichnet, b Anonyme je 10UO Frcs. als Gründer, 8 zu 400 Frcs. als lebenslängliche Mitglieder, und eine ansehnliche Zahl von IO) bis 25 Frcs als Mitglieder. Die finanziellen Mittel find da, um die beabsichtigte Revue herauszugeben. Mag auch die geistige Leitung eine der schönen Zwecke entsprechende werden'. Großbritannien. London, 22. Juni. (Privatmitth.) Wenn ich in meinem letzten Briefe des seit lange andauernden Streites, im Gottesdienste in der großen Synagoge einen bedeutenden Theil der Piutim zu streichen, wenn auch nur mit wenigen Worten erwähnte, so füge ich heute hinzu, daß der Streit geschlichtet ist, indem der Oberrabbiner vr. Adler nachgegeben und der beabsichtigten Streichung seine Zustimmung erlheilt hat. Es mag dem greisen Vertreter des jüdischen Non Possuraus hart angekommen sein, dem starken Andrängen seiner sonst treuesten Anhänger zu weichen; aber er bat es gethan, und der Friede ist dadurch einstweilen wieder hergestellt. Man sieht, daß man im Westen Europas noch beharrlich zu verweigern sucht, was, von Deutschland garnicht zu reden, selbst im Osten für irrelevant erachtet wird. — Man telegraphirt der „Wiener Presse" unter dem 19. von hier: „Das hiesige Bankhaus Rothschild hat in officieller Weise dem Finanzministerium in Petersburg erklären lasten, daß es die Anlehensunterhandlungen mit Rußland abbrechen müßte, wenn die gegen die Juden in Angriff genommenen Maßregeln nicht ihr Ende nehmen sollten." Hier weiß man nichts davon und hält die Angabe, noch dazu in so schroffer Form, für erfunden. (Dieses Dementi ist auch bereits von anderen Blättern gegeben worden. Der Zweck der Erfindung ist durchsichtig: man will die Geldmachk der Juden so recht ins Licht stellen! Redact.) — Das Oberhaus hat die Aufhebung des Verbots der Verehelichung eines Witwers mit der Schwester seiner verstorbenen Frau mit 101 Stimmen gegen 90 abgelehnt. Diese kleine Majorität giebt der Bill bei wiederholter Genehmigung durch das Unterhaus die Aussicht auf die spätere Genehmigung auch durch das Oberhaus. Italien. Mantua, im Juni. Zu den Eigenthümlichkeiten unserer Zeit gehört es, daß die Gegensätze in unverhüllter Weise auftreten und so kommt es, daß wir Israeliten nicht minder auf die vorurtheilsvollsten Gegner wie auf die vorurtheilslosesten Bertheidiger stoßen. Bei den Kundgebungen dieser Gegensätze huldigen die Parteien durchaus nicht immer den Prinzipien, die sie als die ihrer Partei vorautragen. Wenn das liberale Ministerium Gladstone in England jetzt judenfeindlich gesinnt ist, weil eine Anzahl israelitischer Liberalen ihm in seinem Feldzug gegen die Türken nicht Folge leisten wollten, so haben wir hier in Mantua kürzlich in kleineren Umriffen daffelbe erlebt. Biele der hiesigen Israeliten gehören der conservativen Partei an — was in Italien lange nicht das bedeutet, was z. B. in Deutschland unter dieser Bezeichnung verstanden wird — und deshalb schleuderte ein Journal, das sich progressiv nennt, gegen Judenthum und Juden die gifttgsten Pfeile. Dies bewog den Aeltesten der italienischen Patrioten, den 90jährigen Senator Graf Arrivabcne, der seinen Kampf gegen die österreichische Herrschaft mit einem langen Exile bezahlte, an die Gazetta de Mantua folgenden Brief zu senden: Mantua, 29. Mai. Herr Direktor! Seit meiner Jugend habe ich die wahre Freiheit und die wahre Gleichheit, ohne Unterschied des Standes, noch des Glaubens verehrt; ich habe stets mit der größten Freude alle diejenigen bei mir ausgenommen, welche ich der Achtung und der Zuneigung für würdig hielt. Ich kann also meinen Schmerz nicht verhehlen, den ich beim Lesen eines Schreibens empfand, in dem man den Ostracismus gegen eine religiöse Gemeinde erklärt, weil sie sich selbständig in der Ausübung eines politischen Rechtes gezeigt hat. Vor wenigen Monaten glaubte ich noch, daß der langsame, aber wirksame Fortschritt der liberalen Ideen und der Prinzipien der Gleichheit in der bürgerlichen Gesellschaft die alten Borurtheile des Mittelalters in die tiefste Vergessenheit vergraben habe, aber der Artikel „Ein Unglück von Mantua", dprch das Journal