Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1880)
- Date
- 1880-07-06
- Page
- Seite 420 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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420 Mit den übrigen Fraubasereien des Artikels wollen wir uns nicht weiter beschäftigen: die Borwürfe vom Wucher, von der Verschlechterung der Presse, von dem Mißbrauch in den Parlamenten, Vereinen, Versammlungen u. s. w. gleichen den gemalten Kanonen und Festungsbauten der Chinesen, die ihre Schrecken nur auf Einfältige ausüben. Man kann den Werth derselben ermessen, wenn man die Aeußerung liest: „die Religion der Arier sei im letzten Grunde das Streben nach Vereinigung mit dem Göttlichen durch sittliche Läuterung, die der Juden dagegen ein Bertragsverhältniß, nach welchem der Mensch Gott seinen Willen thut und dadurch Anspruch erlangt, daß dieser ihm gebe, was er, der Mensch, will." Das kann doch nur ein Unwissender oder ein Böswilliger behaupten. Das Fundament aller „Bereinigung mit dem Göttlichen" ist die Vorstellung von der Gottebenbildlichkeit des Menschengeistes, und diese ist von den Juden gekommen. Die Grundlehre der sittlichen Läuterung ist: du sollst dich heiligen, denn Gott der Ewige ist heilig, und dieser ist von den Juden gekommen. Dies find die Fundamente der jüdischen Religion und keine anderen. Uebrigens ist die Religion der arischen Völker, wenigstens der europäischen — der Artikelschreiber scheint nicht zu wiffen, daß es auch außereuropäische arische Völker giebt, z. B. die Inder — auch von den Juden gekommen, die Urheber des Christenthums waren Juden, und der Apostel, der dem Christenthume die Dogmen formulirte, war ein Jude. An diesem Beispiel hat man wohl genug. Wir kommen daher zu dem, wovon wir oben sagten, daß es uns eigentlich allein interessire, nämlich zu dem „Was ist nun zu thun?" des Verfassers. Diese unvermeidliche Schlußftage setzt stets alle diese Judenhetzer in die ärgste Verlegenheit. Ihre eigentlichen Wünsche leiden an der Unmöglichkeit der Ausführung. Der Artikelschreiber der Grenzboten spricht sie unverhohlen ebenfalls aus. Die Juden mit einem Male zu verjagen, etwa nach Palästina, sei wünschenswerth, doch nicht auszuführen. Ihnen sämmtlich den Kopf abzuschlagen, ginge auch nicht, obgleich man schließlich, wie der Verfasser cs am Schlüsse auch thut, diese Aussicht als das letzte Mittel eröffnet. Was denn nun aber doch? Der Verfasser schlägt vor: alle Parteien sollen sich vereinigen, bei staatlichen und städtischen Wahlen keinem Juden ihre Stimme zu geben und keine „von jüdischen Händen redigirte oder den jüdischen Interessen das Wort redende Zeitung zu halten." Nun, das könnten wir Juden abwarten. Denn einentheils möchte die Bereinigung aller Parteien nicht über Nacht geschehen, aber auch dadurch unmöglich sein, daß es nicht wenige Parteien giebt, die nicht mit den „Grenzboten" überhaupt und mit den Ansichten und Behauptungen des Artikelschreibers insbesondere übereinstimmen. Und dann haben die Juden an Wahlen von Juden nur ein prinzipielles Interesse: die gewählten sind keine Vertreter der Juden, sondern ihrer Wähler. Ebenso haben sie kein spezifisches Interesse an den von Juden redigirten Zeitungen. Daß aber alle deutschen Zeitungen aufgeben werden, die Grundsätze der Gerechtigkeit und der gesetzlichen Freiheit zu vertheidigen, um sich gemeinschaftlich einer blinden Berfolgungssucht hinzugeben, glauben wir nimmer. Zweitens verlangt der weise Mann ein Wuchergesetz mit drakonischen Strafen, eine Reform des Actiengesetzes, ein Börsengesetz und die Aufhebung der Wechselfähigkeit für Alle, die nicht Kaufleute find. Wenn diese Gesetze den gesetzgeberischen Factoren gefallen sollten, haben wir Juden gar nichts dagegen. Würde hierdurch der Wucher und Schwindel für die Christen ebenso wie für die Juden unmöglich werden, so würde uns dies sehr freuen. Sollten die Folgen und Wirkungen dieser Gesetze, wie Einige meinen, und zwar nicht die einsichtslosesten Männer, für die wirthschaftlichen Verhältnisse bedeutende Nachtheile mit sich bringen, so würden die Christen so gut wie die Juden darunter leiden und die letzteren also sich gar nicht besonders zu beklagen haben. Drittens sollen Juden in Staatsämtern nur nach dem Bevölkerungsverhältniß angestellt werden. So viel wir wiffen, ist dieses Berhältniß noch lange nicht überschritten; es würde also dadurch an den gegenwärtigen Verhältnissen nichts oder nur wenig geändert. Der Verfasser ist aber mit seinen schlauen Maßregeln noch nicht zu Ende. Er empfiehlt viertens einen Abschluß der östlichen Grenze gegen die Einwanderung und Ansiedelung russisch-polnischer Juden und fünftens die Beschränkung der Freizügigkeit, indem man „den Gemeinden die Befugniß ertheilt, die Aufnahme von Juden in ihrer Mitte zu verweigern." Ueber den Werth dieses letzten Vorschlages brauchen wir uns kaum zu äußern. Sehr oft würde eine solche Weigerung gerade engherzigen, ansässigen Juden ganz willkommen sein, da sie hierdurch etwaiger Concurrenz oder der Ansammlung Bedürftiger enthoben würden. Derart sind die Vorschläge aller dieser Judenhetzer; denn wüßte Einer von ihnen noch mehr, so würden sie Alle es ebenso wiederholen, wie sie cs mit ihren Schmähungen und Anfeindungen thun. Es wäre überflüssig zu zeigen, daß alle diese Vorschläge gegen die Grundsätze des Rechtsstaates streiten und auf alte Beschränkungen und Ausnahmen zurückgehen, die sich in früherer Zeit nicht blos als unwirksam, sondern als dem Gemeinwohl schädlich erwiesen haben. Jedermann wird aber einsehen, daß um dieser Dinge willen ein so lautes und anhaltendes Geschrei nicht erforderlich gewesen wäre, und wir können einfach sagen, daß die Weisheit der Judenhetzer völlig Schiffbruch gelitten, und zwar an dem unerschütterlichen Fels des Rechts und der Wahrheit!