Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1880)
- Date
- 1880-07-06
- Page
- Seite 419 (sequence 3)
- Language
- German
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419 Juden nichts verändert, denn sie hätte ihm nicht das Gewissen, die Scham, das Ehrgefühl gegeben, die allein das ELgenthum der Arier seien! Durch welche Thatsachen erweist er diese ungeheuerliche Schmähung? Durch keine einzige; denn die einzige Thatsache, die er kundgiebt, ist die, daß er selbst kein Gewissen, keine Scham, kein Ehrgefühl besitzt — sonst hätte er Anstand genommen, Millionen Menschen diese eigentliche Grundlage aller Sittlichkeit und Tugend abzusprechen. Wir suchen selbst nach den Zeugnissen für die Gewissenlosigkeit der Juden. Finden wir sie vielleicht in den Zuchthäusern, in der unverhältnißmäßigen Zahl der Verbrecher? Nein. Ein Freund schreibt uns z. B. soeben: Unter den 400 Sträflingen des hessischen Landeszuchthauses zu Marienschloß befindet sich im Augenblick nicht ein einziger Jude, obschon die Juden im Großherzogthum 3"/» der Bevölkerung bilden. So günstig steht es nicht überall; aber überall zeigen die statistischen Tabellen einen wesentlich geringer Prozentsatz der Verbrecher seitens der Juden. Könnte die Ursache davon eine andere sein als Gewissenhaftigkeit, die der Verfasser der „semitischen Volksseele" abspricht? Weiter. In allen Ländern ist es eine alte, durch die Statistik erwiesene Thatsache, daß die Zahl der unehelichen Kinder bei den Juden eine bedeutend geringere, als bei der anderen Bevölkerung ist, selbst bei den polnischen Juden, z. B. in Galizien, daß bei den deutschen Juden die Ehescheidungen sehr selten find, wie erst jüngst selbst die ultramontane Presse aus dem Elsaß, den Katholiken und Protestanten gegenüber, hervorhob und alle deutschen Gerichtshöfe bestätigen. Zeugt dies nicht für Gewissenhaftigkeit und Ehrgefühl gerade in der Mehrheit der Juden? — denn Ausnahmen giebt selbst der Artikelschreiber nach der gewöhnlichen Methode solcher Scribenten zu. Ist doch das Familienleben ein Fundament der Bolkssittlichkeit und ein wesentliches Kriterium der Pflichttreue, der Gewissenhaftigkeit. Ein nicht minderes Zeugniß für diese giebt der Wohlthätigkeitssinn der Juden ab, wenn auch der Verfasser ihn mit dem „Ehrgeiz" abzuschwächen sucht. Wer die Pflicht lebhaft empfindet, der Noth seines Mitmenschen abzuhelfen, hat ein echtes menschliches Gewissen, hat und bethätigt es, begnügt sich nicht mit schönen Redensarten, sondern entspricht seinem Gewissen durch opferwillige That. Oder erweisen die Juden ihre Gewissenhaftigkeit nicht in den staatlichen und städtischen Aemtern, die ihnen anvertraut find? Werden sie zu den letzteren, selbst bei der ihnen feindlichen Zeitströmung nicht wieder gewählt? War bis jetzt ein einziger Jude unter den allzu zahlreichen Cassendeftaudanten in den Communalämtern? Alle diese Umstände zusammen und noch viele andere zeugen nachdrücklich für — die Gewissenlosigkeit jener Behauptung. Und was man auch sagen mag, im Handel und Verkehr zeigen sich in der alten und in der neuen Welt, in England, Holland, in Frankreich und Italien ebenso wie in Deutschland dieselben Maximen und Handlungsweisen, in Ländern, wo nur wenig oder gar keine Juden wohnen, wie da, wo sie zahlreich sind. Daß es jetzt Mode geworden, auf die deutsche Industrie und den deutschen Handel zu schimpfen, diese herunterzusetzen und zu denunziren, um schließlich die Juden zu Urhebern des Verfalls machen zu können, dafür können wir Juden nichts, das geht von Deutschen selbst aus. Die deutsche Industrie und der deutsche Handel haben ihre Vorzüge und ihre Schwächen, gerade wie der amerikanische, der englische, der russische u. s. w. Um den Liberalismus, der in Deutschland doch nur so kurze Zeit Gewicht und Einfluß besaß, und um die Juden zu brandmarken, ist es jetzt an der Tagesordnung, alle deutschen Zustände herabzusetzen und zu erniedrigen. Darum das Geschrei über die Presse, während doch die deutsche Presse große Vorzüge vor der der anderen Länder besitzt und gerade ihre Schwächen bei der anderer Nationen nicht minder gefunden werden. Darum das Geschrei über die Finanz, die in Paris, London und New-Aork gerade so beschaffen ist wie in Berlin und Wien. Gewiß ist es ein Zeichen von zeitweiser Schwäche des deutschen Nationalgeisles, daß Deutsche es lieben, in den eigenen Eingeweiden zu wühlen, und am wenigsten ein Zeugniß für die Gewissenhaftigkeit und das Ehrgefühl. Aber da wir Juden die Prügelknaben und Sündenböcke abgeben müssen, können wir es doch nicht selbst sein, die solches antinationale, unpatriotische Handwerk treiben!-Und nun erst die horrende Phrase von den Ariern, die allein Gewissen und Ehrgefühl besitzen sollen! Also drei Viertel der Menschheit entbehren dieser Grundpfeiler der menschlichen Gesellschaftlichkeit, vermenschlichen Tugend! Lieferten denn die arischen Völker wirklich einen Beweis hierfür? Haben sie in der Handhabung der Gewalt, beider Besitzergreifung der Länder, z. B. gegen die Ureinwohner Amerikas Gewissenhaftigkeit geübt? War es diese, welche sie dahin führte, Millionen nach Millionen Neger aus Afrika nach den überseeischen Eolonien zu bringen und sie, ihre Weiber und Kinder, als Sklaven zu mißhandeln und zu Grunde zu richten? Bethätigten sie in ihren Kriegen, z. B. im Dreißigjährigen, bei der Verwüstung der Pfalz, bei der Besitzergreifung der Länder durch die Napoleonischen Franzosen oder sonstwo eine höhere Gewissenhaftigkeit? Es ist gewiß nicht unsre Absicht zu schmähen und zu schmälern. Aber solchen nichtswürdigen Behauptungen gegenüber treibt doch das Gewissen und das Ehrgefühl, sich einige durchgreifende Fragen vorzulegen. Fürwahr, unsre Zeit ist leider noch nicht so weit, um auf der Wage der Gerechtigkeit den Werth oder Unwerth der Nationen oder gar ganzer Völkerracen abwägen zu können. Die Gewissenhaftigkeit und das Ehrgefühl sind noch nicht so weit verbreitet, so allgemeines und sicheres Eigenthum der großen Menschenmassen geworden, um Tugend und sittliche Herrlichkeit der einen zu-, der anderen absprcchen zu dürfen, und all' dieses Gefasel ist nur gewissenlos. 27*