Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1880)
- Date
- 1880-07-06
- Page
- Seite 418 (sequence 2)
- Language
- German
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418 gangen gehörte. Selbst ganz moderne „Erscheinungen" im Osten und Westen Deutschlands, in Frankreich und Belgien lasten die den Mond mit harmlosen Sprüngen begrüßenden polnischen Juden noch weit hinter sich, denn die Umgebung, in welcher dergleichen auftritt, giebt doch auch einen Maaßstab zur Beurtheilung ab. Was nun die Einwanderung von Tausenden und Abertausenden dieser polnischen Juden betrifft, über deren unheilvolle Einwirkung man sich so schwer beklagt, daß diese Klage bereits zu einem stehenden Motiv der Judenhetzer geworden: so hat man diese noch mit keiner einzigen Zahl erwiesen. Sie besteht nur in der freilich absichtlich thätigen Phantasie unsrer Gegner. Die offizielle Volkszählung erweist nur einen höchst geringfügigen Prozentsatz für das Wachsthum der jüdischen Bevölkerung im preußischen Staat und ebenso ist statistisch erwiesen, daß dieses unbedeutende Mehr durch die geringe Sterblichkeit bei den Juden hervorgebracht wird. Auch ist die Auswanderung von Juden aus Preußen geringer als die christliche. Wo stecken also die tausend und abertausend eingewanderten polnischen Juden, vor denen man so gewaltige Furcht heuchelt? Sollte vielleicht der Artikelschreiber der Grenzboten dieser Einwanderung nicht ferne stehen und die Concurrenz fürchten? .... Unserer Erfahrung nach betrachtet die große Mehrzahl der wirklich die preußische Grenze überschreitenden polnischen Juden Preußen nur als Durchzugsland, durch welches sie bettelnd nach Amerika, nach England und, eine kleinere Zahl, auch nach Frankreich ziehen. Jndeß hiervon genug. Wenden wir uns vielmehr zu Nr. 18, wo sich der Schlußartikel mit der Ueberschrift ankündigt: „Die deutschen Juden in der Gegenwart und was nun?" Jndeß gestehen wir, daß die Expectorationen der Judenfrester uns kein großes Jntereste mehr abgewinnen. Sie sind sich alle gleich an Inhalt und Form. Sie nehmen auf Widerlegungen keine Rücksicht, und je schlagender diese sind, desto weniger. Sie wiederholen ihre „Sprüchlein" in mehr oder weniger ausgedehntem Maaße. Wenn sie vermeinen, dadurch bei dem großen Haufen den Glauben zu verstärken, so vergesten sie, daß sie dadurch auch den Eindruck ihrer Tiraden abstumpfen und zwar bei Freund und Feind. Bekanntlich gewöhnt man sich auch an Gifte. Hierzu kommt nun im vorliegenden Falle, daß sich der Grenzbotenartikelschreiber jetzt auch als Berfaster des dickleibigen Pamphlets „die Juden und die Gojim" erklärt, das seitdem in derselben Berlagshandlung (F. W. Grunow) erschienen ist, so daß jene nur Auszüge aus diesem seien. Damit ist aber genug gesagt. Was uns noch an solchen Ergüssen des Haffes interessirt, ist immer der Schluß: „Was nun?" Sie müssen doch endlich irgendwo münden, d. h. sie müssen ihre Vorschläge kundgeben, die aus ihren vermeintlichen Voraussetzungen und Behauptungen sich ergeben. Der anonyme Verfasser will zunächst eine Geschichte der Reformbewegung bei den Juden während des letzten Jahrhunderts geben. Er karrikirt dieselbe aber nur. Da ist nach ihm Alles seicht, oberflächlich, gleißnerisch, ohne alle Wahrheit und Tiefe, und das einzige Motiv — der Ehrgeiz. Bon einem Bildungstriebe, von einer Hingebung an das Ideale, an die Bereicherung des Wissens und der geistigen Kräfte hat der anonyme Verfasser keine Ahnung; ebensowenig von den Mühseligkeiten und Opfern, welche zahllose Juden als Autodidakten zu bestehen und zu bringen hatten. Und was waren denn die Ziele, nach denen ihr vermeintlicher Ehrgeiz streben sollte? waren ihnen nicht noch drei Viertel des Jahrhunderts alle öffentlichen Carrieren und alle gesellschaftlichen Kreise verschlossen? Sie hatten gar nichts zu erreichen, was ihrem Ehrgeize hätte genügen können. Doch bei diesen Leuten wiegt die schwerste Versündigung an der Geschichte, an der geschichtlichen Wahrheit wie Flaumfeder, sobald dieselbe der Parteiintrigue entspricht. Alle jüdische Bildung von Mendelssohn an ist seichter sentimentaler Deismus, ist Firniß, und alle Erzeugnisse jüdischer Gelehrten, Literaten und Künstler von der Oberfläche weg, unter welcher Leere und Werthloses entgegenstarrt. Eine solche Beurtheilung muß man ruhig hinnehmen, in der Ueberzeugung, daß sie schließlich vor der. Wirklichkeit und Wahrheit verschwindet. Man ist leider in Deutschland auf allen Gebieten schon an derartige leichtfertige, einseitige und gehässige Kritik und Darstellung gewöhnt und blickt bereits mit tiefem Bedauern auf die immerhin etwas pedantische, aber wahrheitsliebende deutsche Kritik und Wissenschaft der Vergangenheit zurück. Der Verfasser reiht seiner Schilderung einige aus dem Zusammenhang gerissene Sätze aus einem vor 30 Jahren in der Brockhaus'schen „Gegenwart" erschienenen einseitigen Artikel, gegen den wir damals schon protestirten. Nun, 30 Jahre sind in einem, ein Jahrhundert bespannenden Zeitraum schon von großer Bedeutung. Außer auf Mendelssohn führt der Verfasser die jüdische Culturbewegung besonders auf die französische Revolution zurück. Wenn er hieraus den Juden einen Vorwurf schmiedet, so fällt dieser auf die ganze deutsche Nation. Denn wer die Zustände in Deutschland während der letzten zwei Dezennien von Friedrich des Großen Regierung und während der seines Nachfolgers mit den gegenwärtigen vergleicht, der wird, ohne die deutsche Eigenart zu verkennen, doch die Impulse zu den gewaltigen Umwandelungen auf die französische Revolution zurückführen müssen, und, was man auch sagen möge, die Jahre 1830 und 1848 sind auch aus der deutschen Geschichte nicht auszustreichen. Doch dies Alles läßt uns kalt, da wir die Kritik eines solchen Anonymus für irrelevant erachten. Wir können dies aber nicht bleiben, wenn derselbe sich zu der Behauptung versteigt: alle diese Arbeit habe an dem inneren Menschen des