Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1880)
- Date
- 1880-06-29
- Page
- Seite 411 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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411 es ja, statt gegen sie anzukämpfen, in der verglimmenden Asche religiöser Gehässigkeit herumzustören. Und das steht demjenigen gar wohl an, der im Beginne seiner Laufbahn gegen die Gleichstellung der Juden auftrat, sich erst spät dazu herbeiließ, für dieselbe zu stimmen, durch seine fromme Gottesgelehrfamkeit aber immer wieder zum , Odium theologicum“ zurückgebracht wird. Da hörten wir denn unter Anderm neulich, daß es trotz der klaren Bestimmungen des Berliner Vertrages einem liberalen Führer unmöglich sei, ein Wort zu Gunsten der Gleichstellung ddr Juden in den „jungen, vielversprechenden Nationalitäts-Staaten des Orients" einzulegen, und zwar aus dem entsetzlichen Grunde, weil etwa 2lj2 Dutzend Bürger israelitischen Glaubens in Sheffield zufolge einer düsteren Bermuthung höchst wahrscheinlich für den ruffenfeindlichen, konservativ - liberalen Herrn Wortley in Sheffield stimmen würden!" Amerika. New-Hork, 5. Juni. (Privatmitth.) Die jüdisch-ameri kanische Presse, die verhältnißmäßig durch die Zahl der Blätter, wenn auch nicht ihrer Abonnenten, stark vertreten istgerieth seit einiger Zeit in eine ziemlich heftige Bewegung* Es find zwei Gegenstände, um welche sich der Streit erhoben hat, und wobei man nicht immer glimpflich gegen einander verfährt. Bisher nämlich hielten sich die Rabbiner bei der Behandlung der Mischehen zwischen Juden und Christen, wenn der Uebertritt des letzteren nicht stattgefunden, an die in Europa herrschende Sitte, gegen eine solche durch die Civilehe vollzogene Verbindung nicht zu agitiren, die religiöse Trauung jedoch als an gemischten Paaren nicht statthaft vorzuenthalten. Zwei vorgekommene Fälle, in welchen die religiöse Trauung vollzogen ward, erregten die Aufmerksamkeit und den Streit. Es regnet Gutachten für und wider, wobei ich beiläufig bemerke, daß unter den Bertheidigern der Trauung gemischter Ehepaare auch ehemalige Zöglinge des Breslauer Seminars sind. Es versteht sich, daß dieser Streit in der Presse zu keinem Endziele gelangt, denn schließlich bleibt Jeder bei seiner Meinung und handelt vorkommenden Falles danach. Das große Publikum neigt sich in der Mehrheit auf die Seite derer, welche die religiöse Trauung den religiösen Mischehen verweigern. Den anderen Gegenstand bildet der Sabbath. Während auf der einen Seite die Stärkung der Sabbathheiligung angestrebt wird, machen sich einige Stimmen vernehmbar, welche die Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag befürworten. Sie können sich natürlich nur auf den unverkennbaren Umstand stützen, daß der Sabbath in immer größeren Kreisen nicht mehr nach dem Gesetze gehalten wird. Die amerikanischen Gemeinden halten jedoch, meines Wissens sämmtlich, an der gottesdienstlichen Feier des Sabbaths fest. Nicht allein gegen das Gesetz, sondern auch gegen den Charakter und die Stellung des Judenthums erachten sie jene Verlegung, und stützen sich dabei auf die Erfahrung, daß Sonntagsgottesdienste, wie sie einige Male neben dem Sabbathgottesdienste versucht worden, nicht stärker besucht wurden als der letztere. Neben diesem, etwas geräuschvollen Hader, wächst aber im Stillen das orthodoxe Element in der Union, und zwar durch die steigende Einwanderung polnischer und russischer Glaubensgenossen, nur daß sich diese in ihrer Mehrzahl öffentlichen Kundgebungen entziehen und den Versuchen, sie zu einer besonderen Partei zu stempeln, z. Beine Union orthodoxer Gemeinden herzustellen, die Hand wenig leihen. Immerhin find die gedach. ten Discussionen charakteristisch gegenüber den gegenwärtigen Debatten in den Londoner Blättern über die Abschaffung resp. Beschränkung der Piutim, worüber man in London noch immer nicht zum Schluß gelangen kann. Es ist eben in der nordamerikanischen jüdischen Preffe, wenn sie auch zum größten Theile in englischer Sprache erscheint, das deutsche Element vorherrschend. Bonn, 20. Juni. tNotizen.) Man schreibt uns aus Preßburg: Tie in Nr. 24 über den Schulinspector I. von Roth gegebene Notiz ist dahin zu berichtigen, daß derselbe kein Jude ist, auch nicht von jüdischer Abkunft. — Man schreibt uns aus Brüssel: Als ein Zeichen vollständiger Gleichberechtigung, wie sie hier zu Lande verstanden und geübt wird, ist wohl anzusehen, daß zu der am 16. d. vom Könige und der k. Familie mit glänzendem Gefolge eröffneten National-Ausstellung vom Minister des Innern auch der Großrabbiner und der erste Cantor der Gemeinde (es ist dies der Herr M. Moses, früher zu Potsdam) eingeladen wurden und ihren Platz auf der königlichen Tribüne erhielten. — Man schreibt uns aus Haigerloch vom 16. d.: Heute verstarb hier Herr Rabbiner Hilb, der 1606 hier geboren, seit 1836 bei der hiesigen Gemeinde als Rabbiner sungirte. Der Dahingeschiedene nimmt die volle Anerkennung Aller, die ihn kannten, mit ins Grab. Ohne Unterstützung des Staates ist die hiesige Gemeinde nicht im Stande, die Stelle wieder zu besetzen. Seit dem 1. September 1879 erhielt der Verstorbene monatlich 25 Mark von der k. Landeskaffe, eine Subvention, die er nicht lange genoß und die zur Neubesetzung nicht hinreicht. Vielleicht vereinigen sich Hechingen. Haigerloch und Dettensee zu einem gemeinsamen Rabbinate. — Am 6. Juni fand zu Nürnberg auf dem israelitischen Friedhöfe die Beerdigung des Di*. Ph. Feust, des verantwortlichen Redakteurs des „Correspondenten v. und f. D." unter großer Betheilignng vieler Freunde des hochgeachteten Mannes und Vertreter der Presse, besonders auch der israel. Cultusgemeinde, statt. Am Grabe hielt Rabbiner Dr. Levin 26*