Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1880)
- Date
- 1880-06-29
- Page
- Seite 410 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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410 zahlreichen Officiere mitgerechnet. Es bedarf nur eines Überschlages, um zu erkennen, daß diese Zahl über das Bevölkerungsverhältniß hinausgeht, so daß die Juden ihres Theiles eine größere Zahl an Soldaten liefern, als ziffermäßig auf sie käme. Man sieht, daß auch die oft gehörte Behauptung, die Juden entzögen sich möglichst und durch ungesetzliche Mittel dem Militärdienste, zu jenen Lügen gehört, die über uns verbreitet werden und sich nur dadurch erhalten, daß das Borurtheil sie gern entgegennimmt und der Haß sie wiederholt. Pest, 13. Juni. (Privatmitth.) S. Sie möchten wissen, welchen Eindruck die Versammlung der sog. orthodoxen Rabb. hier hinterlasien habe? Bei aller Unparteilichkeit muß ich antworten: gar keinen; sie ist bereits vergessen. Das jetzige Leben ist so bewegt, daß es über noch bedeutendere Erscheinungen schnell hinweg geht. Man verdenkt es den Führern der orthodoxen Partei durchaus nicht, daß sie sich gegen die Angriffe, die sie im Abgeordneten Hause erfuhren, ihrer Haut wehren. Damit ist aber auch die Sache zu Ende. Die Schmähungen ihrer „Erklärung" auf die „Neologen" ist man gewohnt und legt kein Gewicht darauf. Dahingegen zeigten ihre Beschlüsse, daß sie nicht die ihnen zugcfchriebene Energie besitzen, und daß sie nicht einmal den Muth haben, ihre eigene Linie einzuhalten. Daß sie ihre Rabbinatskandidaten auf Gymnasien und Universitäten schicken wollen, ist ein Beweis vollständiger Schwäche. Der Spruch, womit sie erklären, die von anderen Rabbinen geschiedenen Eheleute bei anderweitiger Wiederverheirathung nicht trauen zu wollen, ist geradezu kindisch, denn jeder andere Rabbiner kann sie auch trauen. So bleibt von ihren Beschlüssen nichts weiter übrig, als daß sie abermals bei dem Minister um Gelder aus dem Schulfond betteln, um ihre beabsichtigte Präparandenschule zu gründen. Die Berge haben gekreist, und die Maus ist geboren. — Großbritannien. London, 18. Juni. (Privatmitth.) Die Allg. Ztg. des I. hat es stets als ihre Aufgabe betrachtet, den Strömungen der Zeit sorgfältig zu folgen und sie zum Bewußtsein zu bringen. Wenn daher früher die englische Staatsregierung, insbesondere das auswärtige Amt, es stets als eine heilige Pflicht angesehen, den in orientalischen Ländern unterdrückten Juden zu Hülfe zu kommen und nachdrücklich für sie die Forderungen der Humanität und Gerechtigkeit geltend zu machen, so muß es auffallen, daß das gegenwärtige Ministerium den entgegengesetzten Weg eingeschlagen hat und jedes derartige Gesuch rundweg abschlägt. Man wird nur die früheren Blaubücher mit den zukünftigen zu vergleichen haben, um diese Beobachtung zu machen; aber gegenwärtig haben wir beretts bestimmte Aeußerungen in der rumänischen wie in der marokkanischen Angelegenheit zu verzeichnen. Die Ursache haben wir in der Persönlichkeit Gladstone's zu suchen, der, schon aus feiner theologischen Richtung heraus, den Juden übel gesinnt, denselben nicht verzeihen kann, daß sie seinem fanattschen Türkenhasse nicht folgten. Wir haben das eigenthümliche Schauspiel, daß ein sich lieberal nennendes Ministerium den antiliberalsten Standpunkt einnimmt, und erfahren abermals, daß eine Partei, um der Partei willen, ihre eigenen Grundsätze verleugnet. Daß dies nicht blos unsre Ansicht ist, ergiebt sich aus den Beobachtungen eines Unparteiischen in einem Artikel der „N. Fr. Pr.", aus welchem wir folgende Stelle hervorheben: „Als bei den Wahlen von 1874, wo es sich wesentlich um inneren Fortschritt handelte, eine Versammlung von Männern israelittschen Bekenntnisses sich gegen die Tories aussprach und Gladstone davon benachrichtigt wurde, da sputete er sich, dies als den Ausdruck der politischen Gesinnung sämmtlicher Juden in England zu betrachten. Dies war insofern ungehörig, als sich die einzelnen Bekenner des mosaischen Glaubens in England gerade so gut das Recht des persönlichen Urtheils in Staatsdingcn wahren, wie die Protestanten, die Katholiken oder die Freidenker. Es giebt in England keine politische Judenpartei. Unter den Bürgern des Landes, die der Zufall der Geburt innerhalb einer israelitischen Gemeinde das Licht der Welt hat erblicken lassen, giebt es Liberale, Radicale und Conservattve, auch Conservativ-Liberale, und was der Spielarten noch mehr sind. In der orientalischen Frage stehen sie ohne Zweifel in ihrer überwiegenden Mehrheit auf dem Standpunkte, den die Masse der freisinnigen Parteien des Festlandes einnimmt - ein Standpunkt, der ftüher den beiden großen Parteien in England gemeinsam war, den die Liberalen und Radicalen ganz vorzugsweise im Krimkriege behaupteten, der noch heute von Männern der entschiedensten demokratischen Gesinnung vertreten, um der gefährdeten Reichsinteressen willen aber durch die Regierung verfochten wird. Das Verbrechen, bei dieser alten liberalen Ansicht geblieben zu sein, scheint also nicht sehr groß. Gleichwohl hat Gladstone, der ganz unvermittelt eine Schwenkung vollzog, den Juden aus ihrer Folgerichtigkeit ein Verbrechen gemacht. Sie sollten nicht da» Recht haben, das sich — um nur ein paar Beispiele zu nennen — mehrere radicale und liberale Unterhausmitglieder, mit Herrn Joseph Cowen an der Spitze, ferner der republikanisch gesinnte Dichter Swinburne (neben Tennyson der bedeutendste des Landes), desgleichen die radicale Westminster Review, die im Geiste John Stuart Mill's und des Geschichtschreibers Grote fortgeführt wird, wie auch die whiggistische Edinburgh Review während des letzten russisch-türkischen Krieges gewahrt haben. Das waren und sind Alles Gegner der russenfreundlichen Bestrebungen Gladstone's. Aber bequemer ist