Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1880)
- Date
- 1880-06-29
- Page
- Seite 409 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227312--38151-3307360- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
409 in dem nicht undeutlich auf eine preußische Execution hin-! gewiesen wurde. Der Senat blieb beharrlich bei seiner Ber-: fügung der Austreibung, und der Staatskanzler schwieg.! Jetzt hat der Senat von Lübeck zum Bau dieses Gotteshauses 20,000 Mark auf 30 Jahre unverzinslich hergegeben. Dieser Umstand allein bezeugt eine so große Umwälzung' der Ansicht, eine so bestimmte Herrschaft der Grundsätze der! Toleranz und Gerechtigkeit, daß dadurch der Akt seinen! speziellen Charakter verliert und wir mit Recht sagen können,! daß er einen allgemeinen geschichtlichen Werth enthält. Trösten ' wir uns vor solchen Thatsachen über die Angriffe der Judcnhetzer, die doch nur die letzten Ausläufe mittelalterlicher; Vorurtheile, den Groll überwundener Gehässigkeiten bedeuten! Stuttgart, 13. Juni. (Privatmitth.) Der hiesige „Beobachter,^ ein seit einem halben Jahrhundert für die liberalen Gedanken, insbesondere für Glaubens- und Gewissensfreiheit wacker kämpfendes Blatt, liegt seit einiger Zeit mit dem ultramontanen „Deutschen Volksblatt" in Hellem Streite, was auch ganz naturgemäß ist. In der Sonntagsnummer befindet sich ein Aufsatz von Ludwig Pfau, „Ein zweiter Empfangsschein" betitelt. Da die A. Z. d. I. sich jeder Einmischung in den Streit der christlichen Parteien grundsätzlich enthält, so kann ich hier die scharfen, vernunftgemäßen Argumente, welche Pfau gegen den Nltramontanismus ins Feld führt, nicht verfolgen. Das deutsche Bolksblatt hat, wie es eben bei diesen Leuten Sitte ist, auch die Juden in den Streit hincingezogen und in der bekannten Weise maltraitirt. Pfau wendet sich daher zum Schluffe auch gegen dieses Manoeuvre der „frommen" Männer. Er sagt: „Es liegt im Interesse der öffentlichen Intelligenz und Moral, die bodenlose Dreistigkeit des klerikalen Obskurantismus von Zeit zu Zeit „an den Pranger zu stellen", um mich seines eigenen Ausdrucks zu bedienen. Ohnehin verlangt der vom Zaun gebrochene alberne Ausfall gegen das Judeuthum, der mir erst nach Absendung meiner ersten Antwort zu Gesicht kam, noch eine Abfertigung. Das kirchliche Blatt wäre natürlich all' seinen frommen Instinkten untreu geworden, wenn es sich dieser pfäffisch - junkerlichen Judeuhatze nicht angeschloffen hätte. Besser freilich wäre es ihm angestanden, sich an die Brust zu schlagen und zu rufen: ,mea culpa!' „Denn wer trägt die Schuld, daß der Handelsgeist und Erwerbssinn der Juden sich so spezifisch entwickeln mußte? wer anders, als jene fanatischen Dunkelmänner, deren wilde Berfolgungswuth den Kindern Israels kein anderes Feld der Wirksamkeit übrig ließ, als den Verkehr? War nicht Jahrhunderte lang das Geld die einzige Waffe, mit der sie sich ihrer Hetzer erwehren konnten? Im Uebrigen ist der Besitz der Juden die Frucht angestrengter Thütigkeit: sie schafften und schanzten, während Adel und Geistlichkeit auf der faulen Haut lagen, und wenn der Herr ihr Werk gesegnet hat, so beweist das nur, daß ihm das Streben und Arbeiten besser gefällt, als das Beten und Faullenzeu. Jedenfalls kann ihnen der Mammon nicht vom Teufel kommen, da sie mit diesem bekanntlich in keiner Verbindung stehen." „Aber auch sonst sind die Juden gar keine so Übeln Leute: sic glauben an keine Unfehlbarkeit, als an die des Einmaleins; ihr Mitmensch darf an Moses und den Propheten zweifeln, ohne gebraten zu werden; sie haben keine Angst vor dem Fegfeuer, ersparen sich also das Losbeten und sind schließlich damit zufrieden, in Abrahams Schoß zu kommen. Das ist ein bescheidener Wunsch und ihnen wohl zu gönnen. Ihr erübrigtes Geld verwenden sie zur Unterstützung ihrer Familienangehörigen und Glaubensgenossen und zu anderen wohlthätigen Werken. Ueberleg ich die Sache ganz genau, so will mich schier bedünken, die Juden seien bessere Christen, als die Herren vom ,Deutschen Volksblatt/ Auch stehen sie in Reih und Glied, wenn es die Bertheidigung des Vaterlandes gilt, und schlupfen nicht in eine Kutte, um sich dieser patriotischen Pflicht zu entziehen. Nicht minder haben sic die politischen Kämpfe ihrer Heimathgenoffen muthig mitgefochten und ihr redlich Theil zur Entwicklung des staatlichen Lebens beigetragen. Sie sind daher ohne Frage weit bessere Deutsche, als jene Pseudogermanen. Zudem haben die Juden an der geistigen Cultur der Nation getreulich mitgearbeitet und sich in Kunst, Literatur und Wissenschaft eine ehrenvolle Stellung errungen. Sie haben Männer hervorgcbracht wie Moses Mendelssohn, Börne, Heine, Moriz Hartmann, Heinrich Simon, Jacoby, Bendemann, Felix Mendelssohn, Meyerbeer — um nur die geläufigsten Namen zu nennen, wie sie mir in die Feder kommen; von dem Makkabäer der Gedankenfreiheit, von Spinoza, gar nicht zu reden. Welcher Beitrag zum deutschen Geistesleben ist denn aus den Sakristeien gekommen?" — Ich habe hier allerdings einige Kernsprüche zur Charakterisiruug der Gegner ausgelassen, nm nicht unsrerseits der gewöhnlichen Behauptung der llltramontanen, daß wir die Kirche beschimpfen, einen Vorwand zu leihen. Der deutschen Männer, die sich unumwunden und ohne Scheu anssprechen, sind aber jetzt nicht allzuviele, um ihnen nicht überall nach Kräften Gehör schaffen zu sollen. Q esterreich-Ungarn. Wien, im Juni. (Privatmitth.) Zu der Notiz, die ich in meiner jüngsten Correspondenz gegeben, daß im Herrenhause ausgesprochen wurde, die große Mehrzahl der Unteroffiziere in den galizischen Regimentern seien Juden, füge ich heute eine andere, noch allgemeinerer Art, hinzu. Nach einer officiellen Mittbeilung dienten im Jahre 1878 im gesammten österreichisch-ungarischen Heere: 20,410 Israeliten, ohne die 26