Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1880)
- Date
- 1880-06-29
- Page
- Seite 408 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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408 blatt", wie die „Germania" die „N. sr. Pr." regelmäßig betitelt. Wohin geräth gegenwärtig überhaupt jene oftmals gehörte Behauptung, die Juden seien die Hauptträger des Culturkampfes? In das Reich der absichtlichen Lügen und Fabeln, erfunden, um die Gemüther des Volkes gegen uns mit Haß zu erfüllen, und aufrechterhalten wider besseres Wiffen und den schlagendsten Gegenbeweisen gegenüber! — Berlin, 18. Jnni. (Privatmitth.) Wenn die Ausführungen in Ihrem Leitartikel Nr. 24, daß die protestantischen Orthodoxen jetzt immer von Neuem das Feldgeschrei gegen die Juden erheben, weil sie dadurch den kirchlichen Sinn des Volkes zu entzünden glauben, richtig sind, und die Thatsachen sprechen allerdings dafür, so scheint sich die Hoffnung dieser Herren trotz der fleißig angebrachten Hetze nicht zu erfüllen. Denn in einer soeben abgehaltenen Kreissynode klagten die Herren in einem ofstziellen Berichte nicht allein über den schwachen Kirchenbesuch, so daß die Prediger teere Bänke vor sich hätten, sondern auch über die Zunahme derer, welche sich den kirchlichen Handlungen entziehen. Uebrigens haben Sie ein Motiv unbeachtet gelassen, nämlich das der Nachahmung, welche die protestantischen Orthodoxen so häufig den Ultramontanen angedeihen lassen. Sie sahen, daß die letzteren die Hetzereien gegen die Juden seit Jahren als ein Kampfmittel im „Culturkampfe" betrachten und üben, und so meinen sie, daß dieses Mittel doch von Nutzen sein müsse, um es auch ihrerseits anzuwenden. Gott weiß, wie gern wir aller dieser Bemerkungen ledig wären; aber die Selbsterhaltung legt es uns als Pflicht aus, unsere permanenten Gegner als solche zu bezeichnen, die sich daraus ein Geschäft machen. Wir haben schon bemerkt, daß man zwischen den Kreissynoden «zu Berlin und den Pastoralkonferenzcn daselbst einen Unterschied machen müsse. Auf der Kreissynode Berlin II. erhob sich der Gymnasialdireetor Dr. Schottmüller scharf gegen die Berliner Stadtmission, die ein Parasitengewächs der Kirche sei, und gegen die christlich-sociale Agitation des Hofpredigers Stöcker. Auf seinen Antrag beschloß die Synode: „Die Kreissynode erklärt: 1) daß die Erfolge der Stadtmissivn überschätzt seien und daß es nothwendig ist, die Frage nach dem Fortbestehen der Berliner Stadt- Mission auf der nächstjährigen Kreissynodc Berlin 1l. zu erörtern; 2) daß sie die Bewegung der sogenannten Christlich- Socialen nicht als etwas Ersprießliches zu bezeichnen vermag, in derselben vielmehr den Hcerd vielfacher Zwistigkeiten erblickt und der Ueberzeugung ist, daß das Christenthum um deswillen vielfach verlästert wird." — Auch eines Vorfalls im „preußischen Frauen- und Jungsraucnvereine" müssen wir hier gedenken. Derselbe veranstaltet jährlich am 1«'. Juni eine Festspeisung von Veteranen und Invaliden. In den letzten Jahren hielt dabei der Hofprediger Stöcker Gebet und Ansprache. Einige im Vorstände befindlichen jüdische Damen stellten das Gesuch, dieses Amt dem p. Stöcker nicht mehr zu übertragen. Das Gesuch wurde nicht berücksichtigt, und die jüdischen Damen schieden deshalb aus dem Vorstände und dem Vereine aus. — Bonn, 18. Juni. (Bemerkungen.) Den so eben empfangenen Bericht über die Lehrerversammlung in Hagen können wir erst in 9!r. 27. geben. — Das in Chicago erscheinende Blatt „The Jewish Advance,“ das in anerkennenswert!) er Weise die Quellen nennt, aus denen es Artikel entlehnt, machen wir darauf aufmerksam, daß es auf die richtige Angabe dieser Quellen achten möge, weil sonst die Quellenangabe irrenicht zurechtführt. So schon öfter, so wieder in Nr. I(>3 vom 28. Mai, wo eine ganze Reihe von Nachrichten „dein Mainzer Israelit" zugeschrieben werden, die allein der Allg. Ztg. d. Jud. entnommen sein können, da sie zu einem großen Theile aus unsrer Feder geflossen. Einmaliges Vorkommen hätten wir nicht beachtet, wiederholt, legt cs die Pflicht zur Mahnung auf. — Wir erhallen soeben aus Milwaukee eine Broschüre: „Pros. Dr. Hermann Cohen in Marburg und sein Bekenntniß in der Judensrage. Eine Reminiszenz und Kritik von Rabbiner Adolf Moses, Mobile. Alabama. Milwaukee 1880." Es ist ein Separatabdruck aus dem „Zeitgeist." So entschieden der Verfasier das Cohen'sche Bekenntniß zurückweift und bekämpft, ist er andrerseits von einer naiven Sentimentalität erfüllt, da er ein Jugendfreund und Studiengenofse Cohen's, diesen mit einer außerordentlichen Verehrung betrachtet und ihm Epitheta beilegt, welche bei dem nichtjüdischen Leser ein spöttisches Lächeln über die „jüdische Selbstüberhebung" Hervorrufen könnten. Um so mehr verdient jedoch der kräftige Widerspruch, den der Vers, gegen Cohen erhebt, Beachtung und Würdigung. Lübeck, 14. Juni. (Privatmitth.) Am 10. d. wurde die neue Synagoge unter großer Betheiligung der Bevölkerung eingeweiht und nahmen die höchsten Spitzen der Behörden daran Theil. Die Feier verlief in der gewohnten Weise erhebend und das Jnteresie aller Anwesenden nachhaltig anspannend. Der Akt hat für Lübeck eine, man kann sagen, geschichtliche Bedeutung. Lübeck hat bis 1848 das Verbot der Niederlassung für die Juden mit eiserner Strenge aufrecht erhalten, so daß sich dieselben nur in benachbarten Dörfern ansiedcln konnten. Man wird sich errinern, daß unter der Herrschaft der Franzosen sich eine Anzahl Israeliten in Lübeck niederließen, die jedoch — unter ihnen befand sich auch der Vater Gabriel Rießers mit seiner Familie — gleich nach der Befreiung Lübecks vom fremdländischen Joche wieder ausgetrieben wurden. Damals richtete der Staatskanzler von Hardenberg das bekannte ziemlich drohende Schreiben an den Senat von Lübeck zu Gunsten der Juden,