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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-29 · Heft 26 (29.6.1880) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 26 (29.6.1880)
Date
1880-06-29
Page
Seite 407 (sequence 7)
Language
German
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407 55ei/l'i/i vi cj >vv<xc fj tcw. Deutschland. Berlin, 14. Juni, (Privatmitth.) Bei der am 11. stattgefundenen Reichstagswahl im 5». Berliner Wahlkreise war auch die „christlich - soziale Arbeiterpartei" mit dem Candidaten Hofprediger Stöcker aufgettcten, und Stöcker erhielt wirklich — 1 Stimme, sage eine, während es die Ulttamontanen für Freih. von Schorlemer Alst es bis auf 2 Sttmmen brachten. Gewählt wurde der Candidat der Fortschrittspartei Träger mit 4266 Stimmen von 4ö71. Uebrigens wäre es doch irrig, hiernach über Stöcker zu urtheilen. Es ist immer ein Fehler, einen Gegner zu unterschätzen. Stöcker hat sich zu einem sehr geschickten Demagogen entwickelt. Die einem solchen nothwendigen Eigenschaften besitzt er in einem nicht geringen Maße: Muth, Schlagfertigkeit, Phrasen, mit denen man das Volk lockt, und die Kunst zu arrangiren. Seine Erfolge würden ohne seinen exclusiven Standpunkt gewiß nicht unbedeutend sein. Daß alle seine Reden mit Judenhaß gewürzt sind, braucht man nicht erst zu bemerken, sowie daß sie hierdurch dem Pöbel nicht unschmackhafter werden. Jetzt ist er in schlauer Weise auf eine andere Manier gefallen. Er hält seinen Borttag, nachdem er um Ruhe gebeten, da ja später discutirt werden solle. Hat er ihn gehalten, was nicht ohne Beifall auf der einen, ohne geschickte Weise mit einander vermischt, und Versprechungen gemacht, deren Erfüllung nicht abzusehen. Allein selbst die hiesige Masie ist für solche Lockrufe nicht mehr unreif genug. Wenn übrigens die Mahnungen zur Religion solche Wirkungen haben, wie in den Versammlungen des Herrn Stöcker, nämlich Tumult, Geschrei und Schlägerei, so kommt die Religion am schlimmsten dabei weg. Bemerken will ich nur noch, daß jeder Einttetende 10 Pf. Entt«^ geben muß, was immerhin eine hübsche Summe abwirst. — Die Conferenz der Großmächte, die in diesen Tagen über die türkisch-griechische Grenzfrage hier eröffnet wird, hat auch einiges Jntcreffe für uns. Im eigentlichen Griechenland wohnen nur einige hundert Juden, in Athen nur wenige, mehrere im Innern des Landes, z. B. im alten Theben. Wenn unter der Herrschaft der Römer sich vor und nach der Zerstörung Jerusalems in den hellenischen Städten, z. B. in Athen, Corinth u. a. zahlreiche Judengemeinden gebildet hatten, so verschwanden diese doch im Mittelalter unter den furchtbaren Bölkerstürmen, welche das alte Hellas heimsuchten. Ein uralter Haß beseelte den griechischen Pöbel gegen die Juden, und machte sich selbst in neuerer Zeit bisweilen Lust, namentlich in einigen, von Griechen stark besuchten Hafenstädten des schwarzen Meeres, in Smyrna u. a. O. Dies war wohl auch die Ursache, daß selbst unter der türkischen Herrschaft die Schreien, Pfeifen, Einsprachen und Schlägereien auf der! Juden die eigentlichen griechischen Städte vermieden, was anderen geschieht, so macht er eine Pause, zahlreiche Redner' wiederum deren Aufblühen nicht förderte. Hingegen muß melden sich zum Wort, aber Herr Hofprediger Stöcker tritt! man bemerken, daß die griechische Regierung sich gegen die vor und schließt die Versammlung. So hat er sein Ziel! zahlreichen Juden in Corfu, nachdem diese Insel ihr von erreicht, seinen Borttag zum Gehör und in die Zeitungen j England abgetteten worden, stets anerkennenswerth verhielt gebracht. Natürlich folgt darauf ein furchtbarer Tumult! und sie in der Gleichberechttgung beließ, die sie unter eng mit wüstem Lärmen, unter Prügeleien wälzen sich die Maffen! lischer Herrschaft erhalten hatten. Bekanntlich handelt es sich aus die Sttaßen, und die Schutzleute haben alle Hände voll; bei obiger Conferenz namentlich um das Paschalik Janina, zu thun, um die Ruhe auf der Straße herzustellen. So geschehen z. B. am Abend des tl. Juni in der Tonhalle. Qb sich diese Manier lange wird Hallen können, ist fraglich. Das Thema des Abends war „die Religion und die Parteien." lieber den Inhalt des Vortrages ist kaum viel zu sagen. Es läuft Alles oberflächlich untereinander. Die politischen Parteien, meint er, decken sich mit den religiösen, wobei die Nattonalliberalen mit den Protestantenvereinlern, die Fortschrittler mit dem Reform-Judenthum zusammenfallen. Das Heil wird eintteten, wenn alle conservativ-christlich geworden. Dann werden auch die Arbeiter glücklich sein: Die Uebermacht des Capitals wird vermindert, eine allgemeine Aufbefferung der Lohnverhältniffe und eine genügende Versorgung der Arbeiter in Fällen des Unglücks, der Arbeitslosigkeit, der Invalidität u. s. w. tritt ein. Man sieht, Kirche, Polittk und Sozialismus werden hier auf eine ganz ob es der Türkei verbleibe oder an Griechenland abgetreten werde. In diesem Paschalik wohnen über 3000 Juden. Ob die Conferenz auch Bedingungen über die Gleichberechttgung aller Religionsparteien wie im Berliner Verttage aufftellen werde, kann uns sehr gleichgültig sein, da jene doch von Rumänien beseittgt und von Serbien noch heute nicht ausgeführt worden. Aber wir können zu der griechischen Regierung das Vertrauen hegen, daß sie in dieser neuen Provinz ebenso wie in Candia Vorgehen werde. — Wie die Ultramontanen mit zweifachem Maße meffen, zeigt sich in diesen Tagen. Die „Germania" citirt mit Befriedigung und Lobeserhebungen die Aufforderungen der „Schles. Ztg." und der „N. fr. Pr." an die Nationalliberalen für die kirchenpolitische Vorlage, selbst für den Art. 4 zu stimmen. Da find dies vernünsttge und wohlmeinende liberale Blätter, durchaus nicht mehr „Judenblätter", oder gar „das offizielle Juden-

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