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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-29 · Heft 26 (29.6.1880) · p. Seite 406

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 26 (29.6.1880)
Date
1880-06-29
Page
Seite 406 (sequence 6)
Language
German
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406 haben. — Mit Vergnügen erwähnen wir hier noch einer „Gedächtnißrede auf Adolph Cremieux", die Adolf Wahrmann am letzten Pefsachtage in der großen alten Synagoge zu Bottnschan (Rumänien) gehalten und welche ebenso durch schönen Ausdruck wie durch den Reichthum an Gedanken und Empfindungen sich auszeichnet. Dem Heftchen angeschloffen ist noch eine Rede als Aufruf zur Bekleidung armer Schulkinder. — Der unermüdliche L. R. Landau in Pest hat zu seiner, auch in dies. Zeit, besprochenen Sammlung kleiner Schriften einen Nachtrag „Religion und Politik" (Pest, Aigner 1880) herausgegeben, in welchem über Theismus und seine Gegner, über den ffttlichen Einfluß der Religion, ausführlich über die Zukunft der französischen Republik gehandelt wird. Auch hier spricht der Verf. manchen schönen Gedanken aus, wenn wir ihm auch nicht in seiner Meinung beipflichten können. Entscheidendes und Ausschlaggebendes kundgegeben zu haben. Wenn man die Einwände des Gegners selbst aufstellt und widerlegt, so glaubt man oft, diese Einwände erschöpft und den Gegner stumm gemacht zu haben, während dies nur aus die Folgerungen, nicht aber auf die Voraussetzungen richtig ist. — Es wird in unserer Zeit allerdings viel Zeug geschmiert, und das Schlimmste ist, daß ihm bei dem bereitliegenden außerordentlich reichen Material leicht der Schein von Belegen, also gründlicher Behandlung gegeben werden kann, ein Schein, von welchem das große Publikum sich täuschen läßt. Hierhin rechnen wir: „Drei Ideale menschlicher Vollkommenheit nach der Mischna, den Satzungen Loyolas und der Ethik des Aristoteles von F. R. Cond er, C. E. > Leipzig, Otto Schulze 1880.)" Mit einem Paar Citaten aus der lateinischen Uebersetzung des Surenhuys (1690 - 1703) ausgerüstet, die gerade den realen Boden gar nicht berühren, theils Aeußerlichkeiten betreffend, theils übertrieben verstanden find, will der Berf. ein Bild des wahrhaft frommen Juden entwerfen. Er legt dabei das zweifelhafte Einschiebsel Pirke- Aboth 5, 21 zu Grunde, ein Ausspruch, der gar keinen normativen Werth besitzt; glaubt — gegen alle Sentenzen der Talmudisten selbst — daß dem Versöhnungstage die Sühnkraft für alle Sünden und für das ganze Leben zugeschricben worden und wählt noch einige nur theoretische Enden des Reinigkeitsgesetzes aus, um hiermit das Leben eines frommen Juden gezeichnet zu haben. Man kann sich denken, welche Folgerungen aus diesem Zerrbilde nach verschiedenen Richtungen hin gezogen' werden. Die Wirkung selbst der verschleierten Wahrheit ist aber so mächtig, daß der Vers, doch zugestehen muß (S. 31): „Der erste und höchste Anspruch des Charakters eines idealen Juden auf Achtung ergiebt sich aus der Tiefe seines religiösen Gefühls, seines frommen Gehorsams gegenüber dem göttlichen Gesetze und dem Vertrauen auf göttliche Führung." Viel schlimmer kommt bei dem Verf. das Ideal des frommen Katholiken weg. das er auf Grund des Eölibats und der das Fleisch tödtenden Askese entwirft, wobei er die willkührlichen Aenderungen des mosaischen Gesetzes im römischkatholischen Kanon, wie es scheint, mit besonderem Vergnügen hervorhebt. Um so leuchtender tritt ihm das Ideal nach der aristotelischen Ethik hervor, wo ihm die Doctrin von der Tugend, die in der Mitte zwischen zwei Lastern steht, als die höchste sittliche Erkenntniß erscheint. Die Verblendung des Berf.'s geht so weit, daß er in Alexander von Macedonien, den Aristoteles bekanntlich erzogen hat, eine glänzende Probe auf die Tugendlehre des Aristoteles erblickt! Er sagt S. 57: „Es ist wahr, daß die glänzendste Laufbahn, die je ein Mensch durchlief, von dem inaugurirt wurde, der Alexander aufzog, die Welt zu erobern und der in der Classification der Nationen, im Buche seiner Politik, die Bahn andeutete, welche nachher von seinem berühmten Schüler fast mit der Genauigkeit astronomischer Borhersagung eingehalten wurde." Zum Unglück hat Alexander jenen Extremen, also den Lastern mehr gehuldigt als der Mitte der aristotelischen Tugend, und sich jeder Leidenschaft, nicht blos dem unbändigen Ehrgeiz, sondern auch dem Zorn, der Rachgier, der Herrschsucht und jeder Art von Ausschweifung ergeben, und hierin seinen frühen Tod gefunden. Ties ist keine große Empfehlung für das Ideal des Berf.'s. — Um so mehr wollen wir — zum guten Schluß heute — auf ein glänzendes Stück Beredtsamkeit Hinweisen, das so ehen die Preffe verlaßen hat: „Der Abfall vom Judenthum. Mahnrede am 1. Tage des Wochenfestes 5640. Gehalten von vr. Ad. Jellinek. Wien, Schloßberg. 1880." Eigentlich bezeichnet der Titel den Inhalt der Predigt nicht genau. Der Redner hat zum Thema genommen: „Die Bedingungen unseres Fortlebens in der Geschichte." Die erste Bedingung ist die Einigkeit. Dieser entgegen stehen die „Ueberläufer", die „Uebereisrigen" und die „Gleichgültigen." Der Redner markirt diese drei Claffen mit wenigen, aber energischen Strichen. Die zweite Bedingung ist die Geschichte Israels, seine Vergangenheit, die lebendige Erinnerung, von deren Spuren sich auch die nicht frei machen können, welche dem Judenthume den Rücken kehren. Endlich die dritte, die Zukunft, unsre große Sendung für alles Ideale, eine Sendung, die, wie ein Blick auf die Wirklichkeit lehrt, noch lange nicht zu Ende ist! Diese kurze Skizze wird genügen, um dem Leser erkennbar zu machen welche schöne und reiche Gedanken und Gefühle, ausgedrückt in der eindringlichsten Weise, er in dieser Predigt antrifft. —

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