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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-29 · Heft 26 (29.6.1880) · p. Seite 405

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 26 (29.6.1880)
Date
1880-06-29
Page
Seite 405 (sequence 5)
Language
German
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405 die Phantasie beflügelt und die Berstandskräste schärft. Ihm! ist es nicht darum zu thun, zu zerlegen, zu zersetzen, zu zerfasern, den Zusammenhang im Organismus aufzuheben, das Leben zu ersticken, um dessen Schattenriß aus dem Todten zu zeichnen, sondern vielmehr sich mit dem Wesen der Dinge zu identifiziren, sich in dasselbe zu versenken und es sich erkennbar zu machen. Mögen daher die Worte des unsterblichen Dichters und Denkers, die wir hier angeführt haben, besonders bei unserer Jugend auf fruchtbaren Boden fallen. Wir wünschen dies um ihres eigenen Besten willen. Denn diese vor ungefähr 60 Jahren geschriebenen Worte haben eine ganz besondere Bedeutung für unsre Gegenwart gewonnen. Literarischer Wochenbericht. Die' Broschurenliteratur. IV. Es ist dem Kritiker wohl zu Muthe, wenn er einer ihm vorliegenden Schrift eine volle Anerkennung zuertheilen kann. Es ist dies mit folgender der Fall: „Anmuth und Würde in der alttestamentlichen Poesie. Ein Bortrag von Dr. Friedrich Baethgen. Kiel 1880. Lipsius & Tischer." Schönheit und Präzision des Ausdrucks, Unbefangenheit im Urtheil, tiefe Empfindung für alles Schöne und Erhabene, Einsicht in das Eigenthümliche des Volkes und seiner Dichtung auf dem Hintergründe des rein Menschlichen zeichnen diesen Bortrag aus, obschon er seinen Gegenstand in seinem engen Rahmen nur skizziren konnte. Allerdings schließt sich der Verfasier noch zu eng an die Schuläfthctik und deren Definitionen an. So ist es uns gar nicht erfindlich, wie der Berf. den Hebräern das Epos absprechen konnte, während er doch selbst S. 24 das Buch Ruth als eine an sich vollendete Dichtung charakterisirt, wenn auch ohne die (äußere) Form der Dichtung. Solcher kleinen Epopöen finden wir aber in der H. Schrift viele. So fehlt es der Erzählung von Simson an keinem Elemente des Epos, namentlich des volksthümlichen. Ueberhaupt ein Volk wie das israelitische, das von Beginn an zur Geschichtschreibung neigte, selbst die ganze Offenbarung nur in geschichtlicher Weise behandelte, und von dem neben seinen übrig gebliebenen Geschichtsbüchern noch viele andere verloren gegangen sind, konnte bei dichterischer Begabung gar nicht ohne Epos bleiben. Es beruht also auf einer einseitigen Auffaffung des Bolkscharakters, wenn der Berf. aus seiner sonst vielfach zutreffenden Definition desselben die Hebräer auf die Lyrik beschränken will. Abgesehen hiervon erkennt der Berf. die hervorstechenden Züge der hebräischen Dichtung in bestimmtester Weise. Sie bestehen in der Anmuth, die aus dem inneren Frieden, aus der Uebereinstimmung von Pflicht und Neigung, in der Freiheit und Zwanglosigkeit, das auszusprechen, was das Herz bewegt, beruht, und in der Würde, die sich in dem Siege des sittlichen Willens über den erregten Naturtrieb nach dem bestandenen inneren Kampf zwischen Neigung und Pflicht, nach dem beruhigten Ansturm tobender Affecte ausprägt. Anmuth und Würde sind die Kennzeichen der hebräischen Poesie. „Hier giebt es keine Poesie, die nur Formenschönheit aufweise, keine, welche die Niederlage des Geistes durch die Sinnlichkeit feierte, sondern die geistige Schönheit adelt auch die minder schöne Form und im Falle eines Conflikts wird den Forderungen der Ethik vor denen der Aesthetik der Borrang eingeräumt." Hierfür Beweise und Beispiele anzuführen ist die Aufgabe des größten Theils des Vortrages. Wir freuten uns, hier den von uns wiederholt gerühmten Psalm 23 vorangestellt zu sehen, wiffen aber nicht, warum der Vers, die schönen Berse 5 und 6 weggelaffcn hat. Was der Berf. über das Buch Hiob sagt, ist höchst zutreffend, ebenso wie er die Elegien Ovid's mit den Klageliedern Jeremia's und der Todtenklagc. Davids über Saul und Jonathan vergleicht, und vorzüglich ist feine Auffassung und Deutung des hohen Liedes. „Das Erscheinen einer schönen Seele in voller Unmittelbarkeit und Natürlichkeit ist in der Gestalt Sulamith's auf ewig gültige Weise veranschaulicht." „Es ergiebt sich als Moral der doppelte Satz, daß wahre Liebe alle Prüfungen überdauert und daß unwahre Liebe vergeblich auf Gegenliebe harrt." Nicht minder weiß der Berf. die hebräischen Dichter in ihrer Naturbetrachtung. sowohl der friedlichen als auch der stürmischen Natur zu würdigen, „wo ein solches Berständniß für die Erscheinungen der Natur und ein solches Durch - drungcnsein von der Unendlichkeit der göttlichen Macht miteinander verbunden waren." Bevor wir jedoch von dem Berf. scheiden, müssen wir noch eine Behauptung zurückweisen, die er am Schluffe aufftellt. Er sagt von Israel: „Mit dem Untergange seines Staatswcscns verstummte auch seine Poesie. Allerdings hat auch nach der endgültigen Auflösung des Staates, ja bis in unsere Tage hinein, die hebräische Dichtung Nachwüchse getrieben, aber man bemüht sich vergebens an diesem Spätling die Züge wiederzuerkennen, die bei der alten Dichtung das Bestimmende waren. Nur in ihren Zerrbildern treten sie hier auf, in affectirter Anmuth: als Ziererei; in affectirter Würde: als Gravität." Es ist dies ein wieder an Schuldefinitionen gebundenes falsches Urtheil aus, wie wir glauben, Unkenntniß. Wir berufen uns auf einen unparteiischen Kritiker in dem noch unübertroffenen „Zur Geschichte der Poesie von Franz Delitzsch «.Leipzig 1836)" z. B. S. VII; dann aber auf die Arbeiten von Zunz „Zur synagogalenPoesie", von Sachs „die religiöse Poesie der Juden in Spanien", auf die Arbeiten von Kaempf, Dukes, Steinschneider, Geiger, Meisel u. A. Würde der Berf. diese kennen, so würde sein Urtheil doch anders gelautet

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