Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1880)
- Date
- 1880-06-29
- Page
- Seite 404 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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404 „Marokko verdankt zum Theil diesen Proteges seine Industrie, seinen Exporthandel mit Europa; alle Reisenden sind einig über diese Dienste, welche dieselben dem Lande erweisen; in gewissen Städten veranstalten sie auf eigene Initiative und eigene Kosten Arbeiten von öffentlichem Nutzen, bauen Straßen, Brücken rc>; sie tragen namentlich in großem Maaße zu dem Gedeihen der Küstenstädte bei." „Die bis jetzt einer Anzahl Juden gewährte Protection hat zugleich vielen Anderen Sicherheit der Person und der Existenzmittel verschafft; die.Furcht in einem Juden einen Proteg« zu treffen, hat manchen Mord verhindert und die Juden gegen die Gewaltthätigkeit der Mauren geschützt. Eine sehr große Anzahl von Familien lebt von der Arbeit, die ihnen die Protegvs oder ihre Häuser bieten; so interessirt die Ausrechterhaltung der Protectionen im höchsten Grade alle Israeliten des Landes." „Was soll aus ihnen ohne die Protectionen werden? Ihr Handel wird ruinirt werden, ihre Beziehungen zu Europa werden aufhören, sie werden ins größte Elend stürzen, ihr Vermögen und Leben wird allen Gefahren und Gewaltthätigkeiten preisgegeben sein. Schon daß die Aufhebung der Protectionen drohte, hat das abscheuliche Attentat von Fez zur Folge gehabt; man sah dort eine ausgehetzte Bevölkerung sich auf einen siebzigjährigen Greis stürzen, ihn auf dem öffentlichen Platze, wenige Schritte vom Kaiserlichen Palaste, tödten und verbrennen, ohne daß der Gerechtigkeit und der Familie des Opfers eine andere Genugthuung gegeben worden, als eine Geldentschädigung, welche zum Theil den Juden selbst auferlegt worden ist." Als Mittel, für die Nichtmuselmänner einen befferen Zustand herbeizusühren, werden angegeben: die Beseitigung der oppressiven Gesetze und Gebräuche für Nichtmuselmänner, die Ausführung der Versprechungen, welche in den wiederholten Edicten der Sultane enthalten sind, und als wesentliche Garantie zur Sicherstellung der Wirkung dieser Maßregel, die Schöpfung von Consulaten im Innern. Außerdem hat das Centralcomit4 die Herren Charles Netter und E. F. Beneziani nach Madrid gesandt, um dort für die Sache der marokkanischen Israeliten zu wirken. Glaube und Unglaube. Eine Ansicht Goethe's. Gerade daß wrr jüngst veranlaßt waren, eine Ansicht über Goethe's Faust kundzugeben, welche einigen Schatten auf den großen deutschen Dichter zu werfen im Stande wäre, bewegt uns, hier einen bedeutungsvollen Ausspruch des Altmeisters anzuführen, dem wir in den „Noten und Abhandlungen zum west-östlichen Divan" (Ausgabe in 6 Bänden von 1863 Bd. I. S. 380) begegnen: „Das eigentliche, einzige und tiefste Thema der Welt- und Menschengeschichte, dem alle übrigen untergeordnet sind, bleibt der Conflict des Unglaubens und Glaubens. Alle Epochen, in welchen. der Glaube herrscht, unter welcher Gestalt er auch wolle, sind glänzend, herzerhebend und fruchtbar für Mitwelt und Nachwelt. Alle Epochen dagegen, in welchen der Unglaube, in welcher Form es sei, einen kümmerlichen Sieg behauptet, und wenn sie auch einen Augenblick mit einem Scheinglanze prahlen sollten, verschwinden vor der Nachwelt, weil sich Niemand gern mit Erkenntniß des Unfruchtbaren abquälcn mag." Wir glauben nicht, daß Jemand für diese These Belege fordern werde, denn die ganze Geschichte bringt sie in Fülle dar. Auch ist es ein feiner Zug in dieser Bemerkung, daß Goethe auf die Geschichtsschreibung selbst recurirt, die uns eben aus den Epochen des Glaubens so viel, aus denen des Unglaubens so wenig zu berichten hat, es sei denn, daß der Verfall und die Zersetzung ausführlich beschrieben werden. Die Erklärung und Motivirung überläßt der weltweise Dichter jedem Leser, für so selbstverständlich mußte er sie halten. Was hier Goethe von den Epochen aussagt, hat unsre Beobachtung und Erfahrung uns an zahlreichen einzelnen Personen erwiesen, und wir haben es daher, wo es am Platze war, niemals unterlaffen, unsre Jugend darauf aufmerksam zu machen. Wir haben es als sicher erfahren, daß selbst begabte Geister, wenn sie sich den Wegen des Unglaubens überließen, an productiver Kraft, an schöpferischem Gehalte so viel verloren, daß sie Bedeutendes hervorzubringen nicht vermochten und ihre Leistungen weit hinter den Hoffnungen zurückblieben, die sie erregt hatten. Der Zweifel, der Skeptizismus und die übermüthige Kritik verstopften die Quellen, aus denen die Psyche in ihrer geheimen Werkstatt die großartigen Anschauungen, die Auffaffung der Erscheinungen als lebendiges Ganze, die bildende und gestaltende Kraft schöpft. Es ist, als ob der Unglaube die eigenen Flügel stutzt und bindet, daß er sich vom Boden und über das Gemeine und Gewöhnliche nicht mehr zu erheben vermag. Es versteht sich, daß Goethe nicht jenen erstarrten und verknöcherten Glauben meint, der sich an den Buchstaben und an das formulirte Dogma klammert und hiermit zum I Aberglauben wird. Er meint vielmehr jenen vollen, ja! glühenden Glauben an den Gottgeist, der das Universum I gebildet und die Geschichte mit seinem Odem erfüllt, an die höhere Natur des Menschen, die das Sinnliche, die Leidenschaft, die gemeinen Jntereffen des Lebens überwindet und im Suchen nach Wahrheit und im Streben nach Veredlung und im Wetteifer für das Recht und die Freiheit, für edles Thun und bedeutendes Schaffen seine Befriedigung und das Bewußtsein sucht, nach Kraft und Pflicht gestrebt zu haben, selbst wenn das Ziel noch fern bleibt. Dieser Glaube ist es, welcher alle Fibern des Geistes beseelt, die Gefühle befeuert.