Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 26 (29.6.1880)
- Date
- 1880-06-29
- Page
- Seite 402 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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402 zu verwundern, wenn in einem Schriftthume, das dreizehn Jahrhunderte besaßt, wir meinen im biblischen, sich nicht die Spuren und Schöpfungen neuer Evolutionen finden sollten. Eine solche gewahren wir in der Lehre von der Nichtigkeit der Opferinstitution gegenüber den wahrhaft religiösen und sittlichen Gesetzen, wie sie bereits von Samuel, aufs Nachdrücklichste von Jcsaias und anderen Propheten und in einigen Psalmen ausgesprochen wird, und die positiv zu dem Gedanken führte, daß „ein neues Lied" das schönste Gott dargebrachte Opfer sei, sich also in der Schöpfung der Psalmen verkörperte. Vollendet ward in einer späteren Evolutionszeit diese Lehre durch den Gebetcultus und die ofsicielle Erklärung, daß im Gebete eine höhere Weihe als im Opfer liege. Eine andere Evolution spricht sich im Hiob aus, wo die alte rigoröse Vorstellung von der götrlichen Gerechtigkeit, welche jedes Mißgeschick als die Strafe für eine böse Handlung, jedes Glück als den Lohn einer tugendhaften That betrachtete, bekämpft, beseitigt und durch eine neue Anschauung ersetzt wird. Nicht minder giebt sich eine solche in Koheleth kund, wo gegenüber der alten Werthschätzung irdischen Wohlbehagens die Nichtigkeit aller Güter und Genüsse des Erdenlebens nachdrücklich gelehrt wird. Schon früher trat als eine kräftige Fiber des jüdischen Geisteslebens die Vorstellung einer messianischen Zeit, einer allgemeinen glücklichen Zukunft, des Resultats der unter göttlicher Leitung sich vollendenden Menschenentwickelung auf, bis die altprophetische Verkündigung (Jes. 2, 2. Mich. 4, 1.) sich zu dem Glauben an einen persönlichen Messias innerhalb der nationalen Stürme und Mißgeschicke verdichtete; wie dasselbe auch mit der in einigen Psalmen und in Koheleth bereits geklärten Unsterblichlichkeitßlehre zum Glaubenssatz an die Auferstehung der Todten geschah. An alle diese Neu- und Umgestaltungen schloß sich sofort wieder der Autoritätsglaube, der die Bücher der heiligen Schrift als ein unantastbares Ganze umfaßte. — Auch die ganze talmudische Zeit trägt den Charakter einer bald stärker, bald schwächer pulsirenden Evolution. Sie hatte zum einheitlichen Ziele, das Leben der Juden als einer Gesammtheit. wie als Einzelner einem consequent geordneten und umfassenden Normativ zu unterziehen, das von einem Rechtsbewußtsein erfüllt und gestaltet sei, in welches alles religiös-sittliche Bewußtsein verlegt werde. An der Erreichung dieses Zieles arbeiteten sieben Jahrhunderte. Aber mit dieser ganzen Entwickelung war ein intensiver Autoritätsglaube auf's Engste verschmolzen, so daß jedes Geschlecht bei dem nachfolgenden auf fast unbedingte Geltung rechnen konnte. Und als erst die talmudische Niederschrift beendet war, legte sich der Autoritätsglaube wie eine dichte Kruste um dieselbe, von der kein Theil sich ablöste, so daß selbst die Religionsphilosophie und die Kabbalah, die seitwärts kräftig hervorsproßten, den Körper der Halachoth nicht anzurühren wagten. Daß erst in dem letzten Jahrhundert unter weltgeschichtlichen Veränderungen und den Einflüssen der Weltkultur ein mächtiger Entwickelungsgeist im Judenthume wieder erwachte und die engen Fesseln des Autoritätsglaubens so weit sprengte, als dies dem Wesen des Judenthums entspricht, ist bekannt. Nur durfte die Reform sich nicht auf den negirenden Theil gegen das Ritualgesetz beschränken, wie es bei hervorragenden Reformern geschehen, noch weniger auf die bloße Umgestaltung des öffentlichen Gottesdienstes, vielmehr vorzugsweise auf die Belebung, Erneuerung und Klärung des Lehr- und Gedankeninhalts, auf die Durcharbeitung und Sicherung der jüdischen Weltanschauung in religiöser, sittlicher und sozialer Beziehung ausgehen. Es ist ein verbreiteter Jrrthum, als ob der Talmud selbst seine Existenz im Autoritätsglauben gipfeln mache. Vielmehr liegt die Wahrheit in der, von uns oben gezeichneten eigenartigen Verschmelzung der Entwickelungstendenz und des Autoritätsglaubens. Dessen waren sich auch die Talmudisten bewußt, und wir finden daher für beide Momente kräftige Aussprüche bei ihnen, wobei man sich erinnern mag, daß solche Sentenzen meist eine Spitze gegen bestimmte Gegner richteten, so daß sie zugleich ein Zeugniß für das Vorhandensein engegengesetzter Meinungen abgeben. Auf der einen Seite stellt sich der Ausspruch des Rabba bar Simuna dar: „Wenn die Borvordern Engelssöhne waren, so sind wir Menschenkinder, und wenn die Borvordern Menschenkinder gewesen, so sind wir Esel, und zwar ganz gewöhnliche Esel".') Man wird zugcstehen, daß die Selbstdemüthigung und die Anerkennung der Autorität keinen stärkeren Ausdruck finden konnte, und doch fand er so vielen Beifall, daß wir ihm öfter begegnen, so Babli Sabbath 112, 2. Jeruschalmi Dem. 21, 4. Schekalim 48, 3. Dennoch können wir dieser, die Ahnen weit über das lebende Geschlecht erhebenden Sentenz eine ausführliche Kundgebung im Midr. Koh. zu 1, 4 „ein Geschlecht geht und ein Geschlecht kommt" gegenüberstellen (61,2.): R. Abba bar Kehana oder nach Anderen R. Ada bar Huna sagte: Es sei in deinen Augen das Geschlecht, das gekommen (d. h. das gegenwärtige) wie das Geschlecht, das gegangen;*) das Geschlecht, das in deinen Tagen gekommen, und der Weise, der in deinen Tagen lebt, gelte dem Geschlechte gleich, das vergangen und den früheren Weisen, die vor dir waren" .1 2 3) 1) :xi -.'2 i;n d*d«$>o a\*itrjnri 2« 3vncnr V2 wozu, um keinen Zweifel zu lassen, der Zusatz hinzugefügl wird: "1 «DH p NJ’Jn 'Dl bv HlDP.D VN’ 1cn:D (von denen man Absonderliches erzählte,) i«BO C,'ion Ter Zusatz ist original, denn auch an den beiden cit. Jeruschalmistellen wird er, wenn auch mit anderen Worten, hinzugefüg». 2) “.HD MD* PH 'HP 3) O'DDm phd odhi "po'2 «Dir -n «$>« r.-its* DH.trN-r..