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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-29 · Heft 26 (29.6.1880) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 26 (29.6.1880)
Date
1880-06-29
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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Allgemeine Zeitung des Iudenlhums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diefe Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bis 2'/» Bogen. Preis Vierteljährig 3 Mart. Inserate werden mit 20 Pf. für die Petirzeile oder deren Raum berechnet. I Alle Postämter (Postzeitungsliste dir. 95.) und Buchhandlungen nehmen! Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. In redaktionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. f. Philipps»» in Bonn: hinsichtlich der Inserate an R.! Moffe in Leipzig und dessen Filialen i in Berlin, Breslau re. Znsirale, welche bis vonnerrlag eingehen,! finden in der darauffolgenden Rümmer Berücksichtigung. Beilagen werden mit 12 Mark berechnet. 44. Jahrgang Leipzig, den 29. Juni 1880. Xo. 26. loball. Leitende Artikel: Ein Blick in die Geschichte des jüdischen Geisteslebens. — Der Congreß zu Madrid. — Glaube und Unglaube. — Literarischer Wochenbericht. Die Broschürenliteratur. IV. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Bonn, Lübeck. Stuttgart. — Oesterreich-Ungarn: Wien, Pest. — Großbritannien: London. — Amerika: New-^)ork. — Bonn: Notizen, Literarische Notizen. — Feuilleton: Antipessimistische Denksprüche. ^aitairc)» Olrtilret. ( Bonn, 23. Juni. 1 Ein Slick in feie Geschichte fees jüdischen Geisteslebens. Wer die mehr als dreitausendjährige Geschichte des jüdischen Stammes in seinem Geistesleben durchforscht, gewahrt, daß in ihr zwei Epochen mit einander abwechseln: die eine energischer Evolution, thatkrästiger Entwickelung, frischen neu- und umgestaltenden Schaffens, und die andere des unbedingten Autoritätsglaubens, des festen Beharrens im Ueberlieferten und Herkömmlichen, unter welchem der schöpferische Geist zu Boden lag und höchstens seine Gebilde seitwärts trieb und verästelte. Man wird begreifen, das; gerade das Vorhandensein beider Kräfte und Tendenzen den Bestand des jüdischen Stammes und seines geistigen Inhalts sicherte. Denn wenn ununterbrochen dieses Hangen an der Autorität,an dem Bestehenden obgewaltet hätte, so würde das Judenthum längst verknöchert, von den Einflüssen und Stürmen der Zeiten verwittert und zerbröckelt worden sein. Ebensowenig konnte ihm eine immerwährende Beweglichkeit, ein steter Drang nach Erneuerung und Umwandelung die Dauerhaftigkeit verschaffen, die Herrschaft über die Geister seiner Bekenner unter den mannigfaltigsten und ungünstigsten Umständen. So aber mäßigte das eine Moment die Wirkung des anderen, und bereitete eines immer wieder den Eintritt und den Werth des anderen vor. Freilich verleugnen die Anhänger der starren Orthodoxie das Vorhandensein jeder Entwickelung und Bersatilität im Judenthume, und lasten dieses völlig fertig und in der Gestalt, die es noch im vorigen Jahrhundert hatte, bis auf die Melodien der Vorsänger, von der Höhe des Sinai kommen. Dies ist aber Blendwerk, das vor dem ersten Strahl der Geschichte sich auflöst, und ein Blick nicht blos in die heilige Schrift, sondern auch in den Talmud lehrt das Gegentheil. — Wir vermögen nicht, im engen Rahmen einer Zeitschrift die ganze Geschichte des jüdischen Geisteslebens von diesem Gesichtspunkte aus zu beleuchten. Nur einige Winke sollen hier Platz finden. Es bedurfte sicherlich eines, wahrhaft vom göttlichen Odem beseelten Geistesaufschwunges, um aus dem Niveau aller Völker aus dem Polytheismus heraus eine Nation zum reinen Monotheismus zu erheben und ihn ihr so cinzusenken, daß er trotz immer wiederholter Ankämpfe des Heidenthums in ihr dauernd lebendig blieb, der Monotheismus, der mit der Lehre vom einzigen, nnkörperlichen Gotte die Gottebenbildlichkeit des Menschengcistes, die Nächstenliebe, die persönliche Freiheit und Gleichheit aller Bolksglieder, als Consequenz verband. Hierzu war naturgesetzlich nothwendig, daß sich sofort mit dieser Lehre die unbedingte Autorität vereinigte, daß sie von bleibender Heilighaltung ' umgeben und geschützt ward. Und eine solche Autorität for- derte und erlangte das schriftliche Gesetz für sich, ohne jedoch [ den Gang der Entwickelung hemmen zu wollen. Es wäre

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