Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1880)
- Date
- 1880-06-22
- Page
- Seite 397 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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397 lächelt der Lehrer und sagt dann mit Salbung: Daß die Israeliten gerne geben, ist unbestreitbar, was aber unsern berühmten Spruch betrifft, so kann solch eine prächtige Blüthe des Gemüths einzig und allein das Christenthum treiben, der Spruch ist aus der Apostelgesch. 20, 35 entnommen! Mit gerade nicht edlem Stolze blicken manche christliche Knaben auf den einzigen jüdischen Mitschüler der Claffe, den nun der Lehrer fragt, ob er vielleicht wisse, wo dieser Spruch im jüdischen Schriftthum vorkommc. Ich glaube, erwidert der Gefragte, das jüdische Schriftthum enthält einen ähnlichen Spruch. Ich würde mich gern belehren laffen, bemerkt stolzbescheiden der Lehrer. Der jüdische Gymnasiast erzählte mir hierauf den Vorfall. Allerdings, belehrte ich den Knaben, enthält unsere jüdische Literatur eine Parallelstelle zu jenem Dictum, die — eine noch prächtigere Blüthe des Gemüths ist. In Wajikra rabbah c. 34 heißt es in Bezug auf 3. M. 25, 35 und ebenso in Ruth rabbah in Bezug auf Ruth 2,19: nzry vyr, r.rv r/'zzr “cc ~nv. Das heißt deutsch etwa: Mehr als der Geber an dem Armen, thut der Arme an dem Geber; oder: Der Arme, der von dir die Gabe empfängt, hat dir mehr, als du ihm gegeben. Tags darauf theilte der Knabe dem Lehrer, der am Gymnasium auch im Hebräischen unterrichtet, genau mit, was er von mir gehört, und der Lehrer sagte zu nicht geringem Staunen der Schüler: „Ich muß gestehen, die Faffung des Originals ist noch viel prägnanter als die des zweifellos nachgebildeten Dictums in der Apostelgesch." Fürwahr, die ganze Majestät jüdischen Empfindens der Armuth gegenüber, wie es fich bei jedem Anlaß bcthätigt und selbst solchen Judenfeinden, in denen sich kaum noch ein Funken von Gerechtigkeitsgefühl regte, Bewunderung eingeflößt, bringt der Spruch aus dem Midrasch höchst charakteristisch zum Ausdruck. Wie durchaus gefühls- und lebenswahr erscheint es, wenn „in Einfalt ein kindlich Gemüth" vermuthct, der Spruch aus der dlpostelgesch. sei jüdischen Urspruugs, weil die Juden so gerne geben, wie durchaus gefühls- und lebenswahr, wenn Lessing Daja zu Nathan sagen läßt: „Wenn ihr nur schenken könnt! nur schenken könnt!" — und darauf Nathan erwidert: „Nimm du so gern, als ich dir geb'!" Eben weil der Spruch aus dem Midrasch dem Boden jüdischer Lehre, jüdischer That und jüdischer Empfindung entsproffen, besitzt er eine so eigenartige Prägnanz. — Der erwähnte Gymnasiallehrer äußerte mir gegenüber später einmal die Ansicht, daß doch entschieden unter allen Religionen einzig und allein das Christcnthum sich als der freien Forschung geneigt erwiesen habe. Er mochte wohl merken, wie schwer es mir wurde, bei dieser Ansichtsäußerung ernst zu bleiben, und fragte mich: Können Sie etwa das Gegentheil darthun? Anknüpfend an den Berdammungsspruch des Kirchenvaters Augustin, daß „alle Tugenden der Heiden (also auch ihr Forschungseifer) nur glänzende Laster waren," erörterte ich die Frage an der Hand geschichtlicher Thatsachen. Nachdem der Versuch, meine Darlegungen zu entkräften, mißglückt war, wurde mir bemerkt, daß, wenn ich auch den Geist jüdischer Forschung genügend gekennzeichnet, es mir doch wohl nicht gelingen würde, aus dem jüdischen Schriftthum einen Beleg für die Hochschätzung freien Forschens zu bieten, einen Beleg von der Bedeutsamkeit der Midraschstelle über die Seligkeit des Gebens. Ich glaube, erwiderte ich, dienen zu können: Nach jüdischem Gesetz hat der Israelit beim Anblick eines großen Weisen nichtjüdischen Bekenntniffes, selbst wenn dieser ein Heide ist, Gott dafür zu preisen, „daß er den Sterblichen von seiner Weisheit gegeben." Ich bitte, diese Benediction mit Augustin's Berdammungsspruch und mancherlei Thatsachen, die ich vorhin constatirt, zu vergleichen; ferner bitte ich, mir eine ähnliche Benediction in irgend einer andern Religion der Welt nachzuweisen! Irren Sie sich auch nicht, entgegnet erstaunt mein Besuch, das Äudenthum sollte wirklich die Weisheit selbst eines Heiden als Gabe Gottes ansehen und Gott dafür zu preisen vorschreiben? Das wäre freilich eine Glorification der freien Forschung, eine Glorification ohne Gleichen! Verzeihen Sie aber, wenn ich das mit eigenen Augen sehen möchte! Ich zeigte ihm sofort in einem Gebetbuch die Benediction hebräisch und deutsch und bemerkte: Nicht ohne Grund, mein Verehrter, schrieb schon Ehr. Fr. Schubart, der Mann von hohem Geistes- und Herzensadel, in seiner Vaterlandschronik vom Jahre 1788: Die wahre Auf klärung, die ihren strömenden Glanz in die Ewigkeit hinauswirft, haben wir - nicht den Griechen und Römern, sondern den Juden zu verdanken. Gewiß ist's, das Gott mit den Juden noch was großes vorhabc. Der unsterbliche Moses Mendelssohn hat cs in seinem „Jerusalem" geahnt und der echte Schriftforschcr zittert seiner Ahnung zu. Wenn die Geschichte der Welt einmal ganz und vollendet dasieht, wird man gestehen müffen, daß die Juden das wichtigste Volk in der Menscüengeschichtc gewesen seien. Nicht ohne Grund schrieb der verewigte Diesterweg, der begnadigte Pädagog, in seinem pädag. Jahrbuch für 1864: Der freie Forschergeist ist am ersten in den Juden zu erwecken, weil sie durch kein Dogma abgehaltcn werden, sich der Bezweiflung dessen, was bezweifelbar, weil unbewiesen ist, zu überlaffen. Der Zweifel ist der Vater der freien Forschung. Der Glaube an die Möglichkeit des selbsteigenen Irrens macht übrigens den Menschen vorsichtig in Behauptungen und tolerant gegen die abweichenden Meinungen Anderer. Beim Abschied dankte mein Gast für die ihm gewordene Aufklärung und fügte hinzu: Ten heutigen Tag werde ich in meinem Kalender roth anstreichen. — Vor längerer Zeit wurde neben Anderen auch ich ersucht.