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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-22 · Heft 25 (22.6.1880) · p. Seite 396

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 25 (22.6.1880)
Date
1880-06-22
Page
Seite 396 (sequence 12)
Language
German
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396 wolle. — Manche meinen, er sei gekommen als „Messadder Kidduschin" bei der ehelichen Verbindung des Banquier Lippmann, ein Nachkomme des Thosaphoth Jom-tow, mit der Tochter des Schriftstellers Alexander Dumas. Manche sind gar der Meinung, der berühmte Rabbiner sei von der französischen Regierung eingeladen worden, um einen moäns vivendi zwischen ihr und den Clerikalen anzubahnen. Der Wahrheit werden wohl diejenigen am nächsten kommen, meint das Blatt, welche die Ankunft des Rabbiners mit dem Projekt in Verbindung bringen, in Paris und Orleans aufs Neue wieder die Jeschiwa der „Thosaphisten" in's Leben zu rufen, gleichzeitig auch Frankreich mit einen neuen Industriezweig zu bereichern, nämlich einer ungeheuren Actienfabrik zur Anfertigung von achtdrehtigen Zizisfäden. Soweit der Spott des trefflichen, ja trefflichsten aller in der Gegenwart in hebräischer Sprache erscheinenden Blätter. Welche Vorstellung hat nun der Leser nach allen diesen Darlegungen von dem berühmten R. Jisröel Salanter gewonnen? Gewiß denkt er sich in ihm einen Lamdon (Talmudgelehrten) erster Qualität, dabei einen großen Zaddik mit wildfanatischer Gesinnung. Nichts von alledem. R. Jisröel ist offenbar nur ein sehr mittelmäßiger Talmudist, mit sehr lebhaftem Jntereffe für alle Wissenszweige. Er treibt Logik und Mathematik, Physik und Aesthetik, weiß von Allem etwas, selbstverständlich nicht viel, denn außer dem Hebräisch-Talmudischen und seinem Jargon, versteht er keine Sprache. Das Alles hat nun in feinem schwachen, dem Irrsinn als Familiengebrechen — eine ganze Anzahl seiner Anverwandten sind bereits in Wahnsinn untergegangen — zuneigenden Gehirne eine Verwirrung angerichtet, die, wie ein Chaos, das nach Gestaltung ringt, in seinem Kopfe wogt und wallt. R. Jisröel ist ein großer Kopf, sagen seine Anhänger. Wenn ein Chaos schon eine Welt ist, dann mögen sie Recht haben. R. Jisröel selbst ist durchaus kein Fanatiker: wir wissen das aus persönlicher Erfahrung, welche wir während seines Aufenthaltes in Kowno, woselbst er uns zuerst begegnete, zu machen Gelegenheit fanden; aber er ist der Spielball der Fanatiker, die mit dem lenksamen Manne machen, was sie wollen und ihn gebrauchen, wie sie wollen. Sie schwätzen und schwindeln ihm vor, die „Jüdischkeit" geht verloren, die Welt geht unter und der Mann glaubt's. In Kowno hat man ihn benutzt, um dem wirklich gelehrten und wirklich frommen Stadt-Rabbiner, R. Jizchak Elchonon, Opposition zu machen, und er hat sich auch widerstandslos dazu gebrauchen lassen. Wer nun aus diesen Darlegungen entnehmen zu können glaubt, dieser R. Jisröel sei ein schwaches, unselbständiges, lenksames Wesen, ein bloßes passives Werkzeug, der ist gleichfalls in schwerem Jrrthum befangen. Sein chaotisches Gehirn treibt gar wunderliche Blasen, seine Willensmeinung äußert sich in den tollsten Sprüngen, die verrücktesten Ideen spuken in seinem Kopfe, das widerspruchvollste Thun und Unternehmen bezeichnet seinen Weg. Was er heute bestehlt, widerruft er morgen und heute verdammt er, was er gestern noch als das verdienstlichste Werk gepriesen hat. R. Jisröel ist auch ein fleißiger und langathmiger Baal Darschan (Redner). Die entlegensten Gedanken und Materien holt er herbei und sucht sie zu verknüpfen, weiß gleichzeitig auch den Vortrag durch die verschiedensten Wiffensmomente zu schmücken, aber Alles ohne Reihenfolge, ohne Zusammenhang, ohne Disposition, ohne leitenden Gedanken, ein wirrer Knäul, wie die Nervenstränge seines kranken Gehirns. Alle seine Willensmeinungen, alle seine Gedankensprünge gelten aber in den Augen seiner Verehrer gleich einer neuen Offenbarung, werden hochbewundert und ohne Klügeln ausgeführt. Je verwirrter seine Ideen, um so mehr werden sie angestaunt. Der Mann selbst hat das klarste Bewußtsein von seinem Geisteszustände und macht gar kein Hehl daraus, daß es um sein armes Gehirn sehr schlecht bestellt sei; allein was hilft das — ein Narr macht bekanntlich viele. — Das ist das „große Licht", welches gegenwärtig in der großen Weltstadt Paris seinen Glanz oder Qualm verbreitet. Was will der Mann in Paris? Auch darüber wissen wir von daher selbst stammende, authentische Mittheilungen zu machen. Nicht ftanzösische, nicht russische Glaubensgenoffen waren es, welche den Rabbi nach Paris gerufen haben, — die ersteren kennen ihn nicht, die letzteren wollen ihn nicht, — sondern ein Deutscher, ein Prussien. einer jener fanatischen Rottengeister, welche gern die deutsche Sectirer- und Spaltungssucht auch auf ftanzöfischen Boden verpflanzen möchten, war es, welcher den R. Jisröel nach Paris berufen, um durch ihn seine jüdischen Landsleute bearbeiten zu laffen, damit sie sein Korachswerk unterstützen und fördern. Ob im Baterlande Crömieuxs, ob in der autochtonen Heimath der „Alliance Israelite Universelle* auch Spaltung und Ausschließung Platz greifen kann, muß abgewartet werden. Wir wollen indeß nicht verfehlen, unsre französischen Glaubensgenossen auf dies verwerfliche Treiben aufmerksam zu machen. Collectanea. Bon Dr. Aroner, Rabbiner in Brandenburg a. d H. 5. „Einzig und allein das Christenthum!" Ein Gymnasiallehrer richtet bei der Erläuterung eines deutschen Mufterstückes an seine Schüler die Frage, woher der in demselben angeführte Spruch: „Geben ist seliger denn Nehmen" stamme. Aus dem alten Testament, antwortet ein harmloser christlicher Schüler und bemerkte dabei, er vermuthe dies daraus, daß die Juden so gerne geben. Darüber

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