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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-22 · Heft 25 (22.6.1880) · p. Seite 395

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 25 (22.6.1880)
Date
1880-06-22
Page
Seite 395 (sequence 11)
Language
German
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395 überall die Gegensätze abzuschleifen und sich den Borurtheilsi losen und Gerechten zu nähern, ohne ihre Selbständigkeit aufzugeben. Man wird einwenden, daß dies im Interesse der Juden selbst geschah; sie suchten Oel in die aufgeregten Wellen zu gießen, um sie zu beruhigen. Dies ist richtig; wer aber kann inmitten eines leidenschaftlichen Parteikampfes, im Gefühle erlittenen und nicht veranlaßten Unrechts und harter Verfolgung dafür einsiehen, daß sich nicht Einzelne von der Empörung, die sie empfinden, getrieben, zu heftigen Gegenangriffen Hinreißen lassen? Das Verhalten der Juden erweist daher thatsächlich, wie sehr in ihnen das Bedürfniß nach Verständigung und Annäherung vorhanden ift Einen Beleg hierfür liefert: „Zur Versöhnung der positiven Religionen und ihrer Bekenner. Bortrag, gehalten im Mendelssohn-Verein zu Frankfurt a. M. vr. Benj. Hochstädter, Bezirksrabbiner aus Bad-Ems. Selbstverlag." Der Redner sucht die Uebereinstimmung der drei Hauptreligionen über die Gotteserkenntniß, der Menschenliebe, das mesfianische Friedensreich und die Unsterblichkeit der Seele nachzuweisen, wobei er selbstverständlich von allen eigentlichen Dogmen absehen mußte. Man kann nicht sagen, daß ihm der Versuch mißlungen sei; aber es versteht sich, daß im engen Rahmen eines Vortrages das große Thema nur oberflächlich behandelt werden konnte, wobei denn auch im Einzelnen die Auslegung von Stellen, z. B. vom „Sohne Gottes" willkürlich erscheint. Auffallend ist die ungelenke und bisweilen incorrekte Ausdrucksweise des Redners, z. B. (S. 5.) „Die belohnungs- oder bestrafungswürdige Zurechnungsfähigkeit," (eine bloße Fähigkeit ist weder zu belohnen noch zu bestrafen; was „Bekenntnißschriften des alten Testaments" bedeuten, wissen wir ebenso wenig wie „Bekenntnißschriften des neuen Testaments" und „Bekenntnißschriften des Koran."*) *) Was der Berf. S. r> in_etner Anm. lagt, ift für uns irrelevant. da wir das nassauische <-chulblatt von 1875 niemals gesehen und die beiden „religionsphilosophischen Lchriftchen" nur einmal übersichtlich angesehen haben. Iseuilleton. Live russische Serühmtheit. Bon A. II. Kennt der Leser auch den berühmten „Zaddik und Lamj den" Rabbi Jisroel Lipkin, vulgo Rabbi Jisroel Salanter genannt? Es ist dies ja auch sonst bei den Deutsch-Orthodoxen eine nicht unbekannte Persönlichkeit, die in Süd- und Mitteldeutschland schon mehrfach ihr Wesen getrieben hat. Eine Stelle als Rabbiner hat er niemals annehmen mögen; er konnte auch ohne dies leben, dafür sorgten und sorgen seine Verehrer, deren er auch in Deutschland manche sehr reiche und angesehene besitzt. Stellenlos fühlte er sich um so freier und ungebundener, um in alle jüdischen Angelegenheiten sich zu mischen und überall, wohin er, thcilweise gerufen, theilweise freiwillig auf seinem ruhelosen Wanderleben kam, Zank, Verwirrung, Feindschaft, Spaltung und fanatische Gehässigkeit hervorzurufen. In Petersburg hatte man mit dem Manne und seinen Wühlereien kurzen Proceß gemacht. Das ist ja in Rußland sehr leicht zu bewerkstelligen; man ließ ihn ganz einfach polizeilich ausweisen. Ueberhaupt hielt er sich in Rußland nicht mehr so recht sicher; er wandte seiner Heimath den Rücken und ließ sich in Preußen dicht an der Grenze, in Memel, nieder, wo er mit seinen Landsleuten in Beziehung bleiben und so unter der Hand, wie man erzählt, auch in Memel allerlei Verwirrung und Unruhe stiften konnte. Dieser Mann ist jetzt der Gegenstand der Unterhaltung in den russischen, jüdischen und nichtjüdischen Blättern, welche nicht müde werden, die Lauge ihres Spottes über den Mann auszugießen. Er hat nämlich Memel plötzlich verlassen und sich nach Paris gewandt, wo selbst ja auch Tausende seiner jüdischen Landsleute sich eingenistet haben, um diesen die Segnungen seiner etwas verhängnißvollen Gegenwart angedeihen zu lassen. Es sollen nämlich unter diesen auch allerlei Zwistigkeiten ausgebrochen und deren „Jüdischkeil" stark in der Abnahme begriffen sein, so daß man seine 'Anwesenheit für nöthig hielt, um die eingeriffene Verwirrung nicht etwa zu beseitigen, sondern womöglich noch zu steigern zu unentwirrbarem Knäuel, zu einem wahren Weichselzopf. Dieses Moment ist es, welches besonders das in russischer Sprache in St. Petersburg erscheinende Blatt „Ros-Swjet" (Morgenröthe) hervorhebt. Paris, meint das Blatt, sei wahrlich um diese Acquisition nicht zu beneiden, Preußen viel eher über diesen Verlust glücklich zu preisen. In überaus trefflichem und treffendein Spotte ergeht sich der gleichfalls in St. Petersburg erscheinende „Hamelitz" über diese Angelegenheit. „Vor etwa zwei Monaten, sagt das Blatt, ist der berühmte Rabbiner, R. Jisroel Salanter nach Paris gekommen und Niemand hat bislang so recht gewußt, was derselbe in Paris wolle". Nun bringt das Blatt dies in der geistreichsten Weise mit Angelegenheiten, die vorher besprochen wurden, in Beziehung. — „Manche meinen, der Rabbi sei das „Bathkol", die Himmelssttmme, gewesen, welche (nach der Vorstellung des Talmud) die Berkündigerin war, daß der Bruder des Baron Hirsch die Tochter des russischen Eisenbahntönigs, Poliakon, der seiner Tochter sechs Million Frcs. als Mitgift ausgesetzt, heirathen solle, wofür er sich seine Spesen holen

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