Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1880)
- Date
- 1880-06-22
- Page
- Seite 391 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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391 arten endlich einmal aufhören, schließe ich die Versammlung." Die Zuhörer werden wahrscheinlich sehr in Zweifel sein, von wem die meisten „thörichten Redensarten" ausgegangen. — Bonn, 9. Juni. (Privatmitth.) Wir haben bereits in vor. Nr. (d. d. Rom) des Artikels des neuen päpstlichen Blattes, welches unmittelbar ans dem Batican inspirirt wird, der „Aurora", gedacht, in welchem die preuß. Staatsregierung heftig bekämpft wird, und der, um Fürst Bismarck persönlich anzugreisen, sich einen bitteren Ausfall auf die Juden erlaubt. Er stellt nämlich die römische Kirche als unwandelbar in ihren Rechten nnd Grundsätzen dar, und wer nun von ihr Concessionen verlange, verfahre nach jüdischer Handelsweise. Bemerkenswerth ist, daß gerade die „Germania", die doch sonst mit Schimpfereien auf die Juden reichlich um sich wirft, in ihrer Uebersetzung des Aurora-Artikels diese Stelle abschwächt und nur von der Verwandlung der Rechtsfrage in eine Handelsfrage schreibt. Nach dem Wortlaute, wie ihn die „Köln. Z." bringt, lautet der Passus folgendermaßen: „In dieser Art, die Fragen zu behandeln, sehen wir etwas von dem Einfluß, den die Söhne Abrahams auf die Gesellschaft der Gegenwart ausüben. Meist ungemein reiche Leute und zum großen Theil Herren der Presse, kommen sie oft in Berührung mit den Staatsmännern, theils wegen öffentlicher Angelegenheiten, oft auch wegen privater Speculationen, und wie schlechte Gesellschaft den Jüngling verdirbt, so erschüttern sie deren christlichen Sinn. Der Hebräer ist vor allen Dingen Handelsmann. Er will von euch profitiren, will, so viel er kann, von Eurem Gelde gewinnen, er verlangt von Euch hundert Thaler, dann hundert Franken und geht schließlich aus einen Soldo herab. Es scheint als habe die preußische Regierung etwas von dieser häßlichen Gewohnheit angenommmen." Es ist dies nichts als das alte ultramontane Geleier über die Juden. Am wenigsten kann man sich wundern, daß das italienische Blatt den Schacher so genau zu beschreiben versieht, da bekanntlich in Italien, und am meisten in den Tbeilen, in welchen seit Jahrhunderten keine Juden wohnten, z. B. in Neapel, aller Detailverkauf in dieser Weise betrieben wird, so daß man diese viel eher als „italienisch", wie als „jüdisch" bezeichnen könnte. Dabei beschäftigt sich der jüdische Schacher nur mit materiellen Gegenständen, nicht mit religiösen und kirchlichen Handlungen. Daß es übrigens mit obiger Auslassung nur auf eine Beleidigung des Fürsten Bismarck abgesehen war, sagt auch die „K. Z.": „Der höchst sinnreiche Seitenblick auf das Juden thum in der deutschen Politik ist offenbar darauf berechnet, den Reichskanzler persönlich zu beleidigen und etwaigen späteren „praktischen" Anknüpsungspunkten ein Hinderniß zu werden." — Fürwahr, all' das Gerede der Ultramontanen über die Einmischung und die Einwirkung der Juden in den „Culturkampf" müßte doch vor den Thatsachen verstummen wie sie jetzt in den Vorgängen bei der neuen kirchenpolitischen Vorlage im preuß. Abgeordnetenhause zu Tage treten.' Keine jüdische Stimme läßt sich vernehmen, kein jüdisches Blatt spricht eine Meinung aus — und doch diese Zerfahrenheit und Verwirrung, dieses Gegeneinander der Parteien! Nein, wir Juden haben niemals die Anmaßung gehabt, zu meinen, irgend welche Art von Einfluß auf die Angelegenheiten des Christenthums zu üben und zu besitzen, und es war nur die niedrige Kampfweise unsrer Feinde, uns dergleichen zuzuschreiben. Was der „Aurora"-Artikel über die Hülfe gegen den Socialismus schreibt, gleicht ganz denselben Verheißungen, die lange Zeit gegen den Constitutionalismus, gegen alle liberalen Gedanken gegeben wurden, und doch gänzlich unerfüllt blieben. Gegen diese socialistische Krankheit, wie gegen alle Siechthümer, muß die Gesellschaft aus sich selbst und durch ihre eigenen Kräfte die Heilung suchen und finden. — Die „Germania" vom 7. Juni bringt ein „Programm der jüdisch-russischen Socialisten", ohne jedoch die Quelle anzugeben, aus der sie das Machwerk gezogen. Es habe am 26. Mai in Genf eine Versammlung der socialistischen russischen Coryphäen stattgefunden, in welcher eine Fusion der verschiedenen Parteien angestrebt worden. Die „jüdischrussischen Socialisten" hätten sich aber davon losgesagt und unter dem Namen „Anarchisten" ein besonderes Programm aufgestellt, in welchem sie auch den Socialismus verwerfen, nur den Umsturz des Bestehenden anstreben, die Zukunft aber den Entschlüssen des fteigewordenen Volkes überlaffen. Es ist möglich, daß sich einige verirrte Nachkommen Abrahams in Genf zu solchem wahnsinnigen Spiele zusammengefunden haben. Diese haben aber längst aufgehört, Juden zu sein, indem sie alle Lehren und Grundsätze des Judenthums verleugnet haben. Das Judenthum für sie verantwortlich machen, wäre dasselbe, wie dem Christenthum alle diese Ausgeburten des Nihilismus und Socialismus zuschreiben. — Stuttgart, 11. Juni. (Privatmitth.) Vom K. Ministerium der Justiz wurden in den letzten Monaten vier Referendäre jüdischen Glaubens angestellt, nämlich die Herren Rosengart und Maier in Ulm, Hirsch in Tübingen und Kallmann in Heilbronn, so daß in Württemberg mit dem schon länger angestellten Amtsrichter vr. Löwenstein in Weinsberg nun fünf Richter jüd. Glaubens richterliche Aemter bekleiden. Tie „Württ. Landeszeitung" veröffentlichte vor einigen Wochen einen größeren Artikel über den Conflict zwischen der isr. Gemeinde Buttenhausen und dem dortigen Rabbiner Stern, daß dort seit dem Monat Januar kein Gottesdienst mehr stattgefunden habe und die Gemeinde alle Mittel anwende, um ihres Seelsorgers los zu werden. Dieser bedauernswerthe i Conflict dauert schon ca. 1V 2 Jahr und hat schon verschiedene, die jüdische Gemeinde Buttenhausen und die württ. Israeliten überhaupt in ihrem Ansehen bei den Bekennern anderer