Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1880)
- Date
- 1880-06-22
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
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387 geringe Zahl zur Trennung von den bestehenden Gemeinden bewegen konnten und die Hirsch'sche Excommunikation ohne jede Wirkung blieb. Abgesehen von Galizien, wo ihnen noch die Herrschaft verblieben, ist Ungarn ihr Tummelplatz geworden. Hier ist es ihnen gelungen, eine dreifache Spaltung hervorzurufen: die Congreß-, die Status quo- und die orthodoxe Partei, woraus sich wiederum ergiebt, daß auch in Ungarn ihre Geltung bereits eine beschränkte geworden. Während in Böhmen und Mähren das Vorhandensein eines jüdischen Landesmaffafonds durch eine angemesiene Organisation und Verwaltung auch nicht den geringsten Anlaß zu einer Friedensstörung innerhalb der jüdischen Kreise gab, bildet derselbe in Ungarn den Angelpunkt des heftigsten Streites. Das Beispiel jener beiden österreichischen Kronländer erweist, daß in dem Fond an sich nicht die Ursache, sondern nur das Mittel des Kampfes liegt. Die eigentliche Veranlassung gab die Berufung des jüdischen Congresies 183tt, welcher eine vollständige Organisation der gesammten ungarischen Judenheit erzielen sollte. Allein in der Zeit, wo in der allgemeinen und religiösen Bildung so viele Gegensätze und Abstufungen vorhanden sind, ist bei der unbeschränkten Autonomie, bei der bedingungslosen Freiheit, welche die Juden innerhalb ihrer Gemeinden bis dahin genossen, eine solche Organisation un möglich und dient nur dazu, die Gegensätze zu schroffem Widerspruche herauszufordern. Dies zeigte sich schon bei den Wahlen zum Congreffe, und als die Orthodoxen wahrnahmeu, daß sie bei den Wahlen die Mehrheit nicht erlangt hatten, schieden sie aus dem Congreffe und organisirten sich als Gegenpartei. Obschon das Congreßstatut vom Kaiser und Könige bestätigt ward, gab doch die ungarische Staatsregierung dem stürmischen Andrängen der Orthodoxen nach, überließ es den Gemeinden, sich das Congreßstatut anzueignen oder nicht, machte also die orthodoxen Gemeinden oder die Theile von Gemeinden, die sich dafür entschieden, autonom. Von hier aus wurde der jüdische Landesschulfond zum Mittelpunkt des Streites. Die Orthodoxen verlangten mit Recht auch die Be rücksichtigung ihrer Lehranstalten von den Erträgnissen des Fonds, und nachgewiesener Maßen erhielten sie von dem für die Elementarschulen bestimmten Theile einen sehr reichlichen. Aber sie gingen weiter: nachdem das Rabbiner-Seminar in Pest gegründet, und vom Schulfond mit Mitteln ausgerüstet worden, verlangten sie die vollständige Theilung des Fonds in zwei Hälften. Dies ist nun völlig unzulässig, da von vornherein der König die Mittel des Fonds bei dessen Gründung für ein Rabbiner-Seminar bestimmt hat, die Statusqno-Gemeinden als ein dritter Bewerber um den Schulsoud austraten und endlich ein stattstischer Nachweis nicht vorliegt, auch bei dem oftmaligen Wechsel der Gemeinden in ihrer Richtung unmöglich ist. Die Orthodoxen waren es, welche eine Entscheidung Seitens des Abgeordnetenhauses durch Petitionen verlangten, und hier fielen sie vollständig durch. Das Rabbiner-Seminar wurde belobt und bestätigt, und ihnen, den Orthodoxen und ihren Schulen, der Makel des Antimagyarismus und des Gegensatzes zu aller Cultur angeheftet. Die Versammlung in Pest und die in vor. Nr. mitgetheilte „Erklärung" derselben war die Folge. Niemand wird es diesen Männern verargen, daß sie sich vereinigen, um die gegen sie geschleuderten Borwürfe zu entkräften, und sie waren in ihrem vollen Rechte, eine desfallsige Erklärung zu erlaffen. Soweit diese mit allem Nachdruck behauptet, daß es bei dem Juden auf seine spezielle religiöse Richtung nicht ankomme, um wahrhaft patriotisch zu sein, daß es dem orthodoxen Juden ebenso nahe liege, Patriotismus zu hegen und zu bethätigen, als einem religiös Andersgesinnten, können wir der Erklärung nur beiflichten. Dagegen ist es, was Cultur fragen betrifft, sehr zu bezweifeln, ob das starre Festhallen der Orthodoxie die jüdische Masse von ihrer mitelalterlichen Culturstuse aufwärts zu steigen ermöglicht. Leider können nun solche extreme Männer bei dem Rechte und der Billigkeit nicht stehen bleiben; die sie beherrschende Leidenschaft führt sie sofort über das rechte Maß hinaus. Ihre Behauptung, daß die Provokation zum Streite von der anderen Partei ausgegangen sei, während umgekehrt die Herausforderungen stets von den Orthodoxen ausgegangen sind, wie erst jüngst durch ihre Petitionen an das Abgeordnetenhaus, ist ebenso falsch, wie die, daß die Schmähung auf die Orthodoxen im Reichstage von der Con greßpartei erwirkt worden. Die Leser dieses Blattes wiffen (s. Nr. 13—15), daß derjenige Abg., der sich so heftig gegen die Orthodoxen ausließ, im Grunde ebenso gegen die Congreßpartei sprach, indem er sich als Gegner des ganzen Judenthums bekundete. Geschickt, aber nicht redlich ist es daher, wenn die „Erklärung" dies benutzt, wenn sie den Umstand, daß dieser Gegner des Judenthums für das Rabbiner- Seminar votirte, als einen Beweis hinstellt, daß das letztere auch auf die Vernichtung des Judenthums ausgehe. Es ist dies geradezu hinterlistig. Lächeln kann es nur Hervorrufen, wenn diese „Erklärung" den „Seminargedanken" für „unjüdisch" erklärt. Was ist denn der „Seminargedanke"? Doch kein anderer, als daß das Judenthum in wissenschaftlicher Methode gelehrt werde. Diese Leute geben also ein Uriheil ab, feindlicher dem Judenthume als die ärgsten Judenfeinde. Tenn dahin hat sich noch Keiner von diesen verstiegen, zu behaupten, das Judenthum sei gar nicht fähig, wissenschaftlich behandelt zu werden und falle bei jeder wissenschaftlichen Berührung in Trümmer! Die Arbeiten eines Jahrhunderts haben das Gegentheil erwiesen, fteilich ohne daß die in Pest versammelten Männer eine Spur des Verständniffes dafür hätten. Nun, dieses Unverständniß weicht immer weiter nach Hinterungarn zurück. Eines geht aus dieser „Erklärung" überklar hervor, daß ihre Abfasser die sog. Mittelpartei, zu