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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-22 · Heft 25 (22.6.1880) · p. Seite 386

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 25 (22.6.1880)
Date
1880-06-22
Page
Seite 386 (sequence 2)
Language
German
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386 dreien Geisteshelden es allein Lessing war, der in Berlin! Ein Wort über die Versammlung der sogenanuleu orthodoxen Labdiner in Pest. Wer den Gang der Dinge seit etwa einem halben Jahrwiederholt Jahrelang wirkte, und zwar für Berlin unmittelbar durch seine Redaction des literarischen und wissenschaftlichen Theiles der Bossischen Zeitung. Allerdings bot damals Berlin, das Berlin Friedrich des Großen, dem großen hundert in Betracht zieht, dem wird sich die Frage aufdrän- Schriftsteller weder einen seiner würdigen Wirkungskreis, gen: woher kommt es, daß gegenwärtig in allen Confessionen noch die nöthigen Subsistenzmittel dar, und er mußte eine die klerikale und orthodoxe Partei mit einer Schroffheit der Zufluchtsstätte als gewandte Feder in Breslau, als Drama- Ansprüche und Aussprache austritt, die vordem seit langen turg in Hamburg, als Gelehrter und Dichter in Wolfenbüttel Zeiten in solchem Maße sich nicht kundgab? Es gab eine suchen. Soll sich ihm dasselbe Schicksal auch betreffs seines lange Zeit, wo diese Partei zwar bestand, sich aber vor der Denkmals wiederholen? In Braunschweig steht längst die klassische Bildsäule Ritsch el's, eine Zierde der deutschen Bildhauerkunst; in Hamburg ist man gegenwärtig sehr thätig, eine Lessingstatue herzüstellen; in Berlin — ist Alles still davon. Und doch wäre es außerordentlich an der Zeit, gerade jetzt in Berlin einen Lessing aufzurichten. Auf welche Weise könnte dem in Berlin so regsamen pietistischen Zelotismus ein schlagenderes Dementi als hierdurch gegeben werden? Wo wäre den Wühlereien eines Stöcker und Genossen gegenüber ein neuer Lessing, ein neuer Anti - Götze nothwendiger als in der „Metropole der Intelligenz"? Und Entschiedenheit der öffentlichen Meinung kaum in die Oeffentlichkeit wagte. Dies ist längst vorüber, und sie ist dahin gelangt, die öffentliche Meinung zu keinem geringen Theile zu beherrschen. Man srägt sich daher wohl, woher dies gekommen? Die Antwort muß dahin lauten: die clerikale und orthodoxe Partei ist zu der Ansicht gekommen, daß jedes Pactiren mit dem, was die Zeit herausgebildet hat und fordert, ihren Untergang, ihre allmählige Zersetzung und Auflösung bewirke, und daß sie folglich ihren Bestand nur durch die schärfste Abgrenzung und Trennung sichern und durch den Kampf um die Herrschaft sich wenigstens ihren wenn ein solcher neuer Lessing nicht ersieht, so beweiset doch Kreis erhalten könne. Wir haben dies betreffs anderer Rewenigstens durch die Errichtung einer Lessingstatue, daß die Gesinnung und die erleuchteten Anschauungen Lessing's noch nicht in Euch erloschen sind, sondern volle Lebenskraft besitzen! Wir sprechen hier nicht von den judenfeindlichen i Bestrebungen der Stöckerianer, der Pastoral-Conferenzen u. s. w. Diese sind doch nur eines der Elemente in dem Gebräu dieser Partei, das Element, durch welches sie der orthodoxen kirchlichen Beeiferung Nahrung zuzuführen gedenken. Wir sprechen vielmehr vom allgemeinen und nationalen Gesichtspunkte aus, und halten uns überzeugt, daß, wenn nur von Berlin aus ein neuer Anstoß gegeben wird, im ganzen deutschen Vaterlande sich die Herzen öffnen und die Hände regen werden, um dos schöne Werk zu vollenden. Es ist aber auch eine Ehrenschuld aller deutschen Juden, im In- und Auslande, ganz besonders der Berliner Juden, zur Herstellung der Lessingstatue in Berlin nach Möglichkeit zu wirken und die Mittel darzubieten. Lessing ist noch heute der Leuchtthurm ligionen oder Kirchen wiederholt nachgewiesen. Irrig wäre es jedoch, wenn man die jüdischen sog. Orthodoxen hierin der Nachahmung zeihen wollte. Vielmehr sind sie von dem ersten Erscheinen einer reformatorischen Tendenz im Judenthume an ungescheut vorgegangen. Als die correkte deutsche Uebersetzung des Pentateuchs von Mendelssohn erschien, verbrannten sie dieselbe, obschon sie in hebräischer Quadratschrift und in Begleitung eines hebräischen Commentars auftrat, weil sie wohl fühlten, daß in dieser Übersetzung eine neue Welt aufgehe» die von der ihrigen weit abliege. Ebenso entschieden traten sie gegen den „Hamburger Tempel" bei dessen Entstehen auf und fragten nicht das Geringste darnach, als diese Cultusneuerungen ihre Berechtigung aus dem Talmud selbst nachwiesen. Kaum war die Rabbinerversammlung zu Braunschweig (1844) in Aussicht genommen, als sich gegen 200 orthodoxe Rabbiner aus Deutschland, Ungarn und Galizien verbanden, den Bannstrahl gegen diese Versammlung zu wahrhaft humaner Gesinnung und Anschauung; Lessing war! schleudern. Gleiches geschah wiederholt z. B. gegen die Cultuses, der in noch sehr dunkler Zeit schon als neunzehnjähriger Veränderungen der Wiener Gemeinde, gegen den galizifchen Jüngling die rechtliche und soziale Gleichstellung der Juden! Gcmeindetag u. s. w. Man sicht hieraus, daß die jüdischen forderte und vertheidigte und der kurz vor seinem Tode! Orthodoxen kein Vorbild aus anderen Kreisen entnahmen. den „Nathan" schuf, dem wir aber auch zu einem nicht geringen Theile unseren Moses Mendelssohn verdanken. Bezahlen wir also diese alte und immer erneuete Ehrenschuld! sondern in eigener Fühlung, Strenge und Consequenz von Anfang an bis heute vorgingen. Jndeß sieht man doch auch, daß sie in diesen ihren Maßnahmen geographisch zurückweichen. Von Berlin, Hamburg, Braunschweig. Wien find sie jetzt bereits auf Ungarn und Galizien beschränkt. Deutschland haben sie verloren. Dies zeigte sich ganz besonders nach dem preußischen Austrittsgesetz, wo sie nur an zwei Plätzen eine

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