Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 24 (15.6.1880)
- Date
- 1880-06-15
- Page
- Seite 374 (sequence 6)
- Language
- German
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374 erwirkt, daß die privilegirten Eingebornen dieser Kategorie in dem ganzen Umfange des marokkanischen Gebietes ausgewählt werden können. Der marokkanische Gesandte hat, da er den Widerstand der Gesandten Frankreichs, Italiens und Portugals gegen jede Einschränkung des Schutzrechtes zu Gunsten der Kaufleute voraussah, der Conferenz mehrere Vorschläge unterbreitet, welche darauf abzielten, diesen Schutz zu regeln, ihn lediglick auf die Vermögensinteressen, welche der europäische Kaufmann den einheimischen Agenten anvertraut hat, zu beschränken und die Letzteren sonst den übrigen Unterthanen Marokkos durchaus gleichzustellen. Er verlangt ferner, daß die Kaufleute ihre Agenten nur in den Städten und Häfen, nicht aber auf dem flachen Lande wählen dürfen. Diese Einschränkungen werden von England, Spanien, Deutschland und den Bereinigten Staaten genehmigt werden, wogegen Italien, Portugal und Frankreich sie bisher ablehnen. Ueber die Frage der Juden soll später verhandelt werden. Die Regierungen von Oesterreich, Portugal, Italien und England dringen darauf, daß in den Conferenzprotokollen von dem Versprechen des Sultans von Marokko ausdrücklich Act genommen werde, die Gewissensfreiheit, das Vermögen und die Personen seiner jüdischen und christlichen Unterthanen zu respectiren, seinen Firman von 1664 zur Ausführung zu bringen und Gewaltthätigkeiten gegen die Juden in Marokko ein Ziel zu setzen. Der Lou-reß der soyenannten orthodoxen Rabbiner in pell. Die bei der Verhandlung im ungarischen Abgeordnetcnhause über den jüdischen Landesschulfond gegen die sog. orthodoxen Juden in Ungarn gefallenen Reden, welche die letzteren als ein anti-ungarisches und anti-culturclles Element bezeichneten, mußten selbstverständlich die gedachte Partei in die größte Aufregung versetzen, wozu kam. daß die Abstimmung zu Gunsten des Pester Rabbiner-Seminars aussiel. Es wurde deshalb eine Versammlung sowohl der sog. orthodoxen Rabbiner als auch der Parteihäupter ausgeschrieben und seit dem zweiten Juni sind 162 solche Rabbiner in Pest versammelt, die ihre Sitzungen der Oeffentlichkeit entziehen, und sich gegenseitig Stillschweigen auferlegt haben. Doch haben sic eigenthümlicher Weise den Romanschreiber und Abg. Jükai eingeladen. Es versteht sich von selbst, daß sie Alles, was im Abgeordnetenhause gegen sie gesprochen worden, den jüdischen »Neologen" in die Schuhe schieben. Jndeß ist die Versammlung bereits mit einem Schriftstück in die Oeffentlichkeit getreten, welches wir hier nach dem »Pester Lloyd" vom 4. Juni wiedergeben wollen. Erklärung. (Uebersetzung.) Die Reichstagsdebatte anläßlich der Schulfond-, respective der Seminarfrage hat eine tiefgehende Aufregung in allen Kreisen der jüdisch-orthodoxen Bevölkerung wachgerufen. Es wurde eine eminent religiöse Frage gewaltsam zu einer socialen und culturellen gestempelt. Anstatt einer Klärung der Situation wurde eine Verwirrung derselben herbeigcführt. Die Rabbinen der jüdisch-orthodoxen Gemeinden Ungarns und Siebenbürgens, wie die respectiven Landes - Ausschüsse fühlten sich dadurch gedrängt, sich zu versammeln, um eine gemeinsame Kundgebung zur Abwehr zu veröffentlichen. Wir drücken vor Allem unser Bedauern darüber aus, daß der Conflict, der von unseren Gegnern auf religiösem Gebiete provozirt wurde, nun auch in das sociale Leben übertragen werden soll. Es hat gewissen Deputirten beliebt, anstatt Motive Jnvektiven gegen eine Religions-Genossenschaft ins Treffen zu führen, die deren patriotisches Gefühl tief verletzen. Wir erachten es als unsere unabweisliche Pflicht, gegen diese Angriffe Verwahrung einzulegen. Der rechtgläubige Jude hat selbst in Zeiten, als er Fremdling war in dem Lande, in welchem er seine Heimstätte aufgeschlagen, eine alle Fibern seines Herzens pulfirende Anhänglichkeit an dieses Land bekundet. Er war immer bereit für dieses Land mft Gut und Blut einzustehen. Der beste Werthmesser für den Patriotismus der rechtgläubigen Juden ist die Geschichte, ihr Zeugniß muß bei jedem Unbefangenen schwerer ins Gewickt fallen, als die Angriffe von Leuten, deren egoistische Ziele es ihnen gebieten, Hader und Zwietracht auszustreuen. Die Geschichte beweist es zur Genüge, daß selbst der härteste Druck die Liebe der Juden zu ihrem Baterlande nicht wankend machen konnte; mit um wie viel mehr Wärme tritt der Jude für den Staatsgedanken in einem Staate ein, in welchem er alle Rechte, die ihm zukommen, genießt! Solche Angriffe sind geeignet, das friedliche Zusammenleben von Bürgern zu stören, in einem Lande, welches der Eintracht und des harmonischen Zusammenklanges aller seiner Kinder so sehr nöthig hat. Es ist keineswegs in der Natur des Ungars gelegen, seinen jüdischen Mitbürger zu hassen. Soll es unseren Stammesgenossen und ihren Helfern Vorbehalten gewesen sein, diesen Haß künstlich herbeizuführen? Wir können es wahrlich nicht begreifen, wie selbst die kühnste Phantasie einen Causalnexus zwischen dem ungarischen Staatsgedanken und dem jüdischen Seminargedanken ausfindig machen konnte. Der ungarische Staatsgedanke füllt unser Herz aus und sind wir immer bereit, für denselben mit allen dem Menschen innewohnenden Kräften einzustehen, der Seminargedanke wird aber von uns mit allen im Gesetz gebotenen Mitteln bekämpft und pcrhorrescirt werden.