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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-15 · Heft 24 (15.6.1880) · p. Seite 372

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 24 (15.6.1880)
Date
1880-06-15
Page
Seite 372 (sequence 4)
Language
German
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372 alten Israel keine Ehre erweisen würden, wenn wir sie gegen die Beschimpfungen des Missionars in Schutz nehmen wollten. Die Geschichte Israels steht doch auf einem zu hohen Piedestal, als daß die Kothwürfe eines solchen Männleins bis zu ihr hinaufreichten. Nur wenige Bemerkungen daher. Wenn wir die Geschichte der Völker, aller Völker seit Constantin dem Großen, durch die Brille des Herrn de le Roi betrachten wollten, was würden wir da zu schauen bekommen, welch' ein Bild nicht blos voll dunkler Schatten, sondern voll großer blutrother Flecken, voll Barbarei, Grausamkeit, Unterdrückung und Laster jeder Art! Und wenn das alte Israel öfter zum Götzendienste abfiel, kehrte nicht dasselbe nach kurzer Zeit immer wieder zur Anbetung des einzigen Gottes zurück und vergoß sein Blut in der Bertheidigung seines Glaubens? Und wenn die Propheten die sittliche Entartung des Volkes in ihren Reden züchtigten, war es nicht dasselbe Volk, welches den Propheten Gehör schenkte, sich um sie schaarte und das Panier derselben hoch hielt gegen alle feindlichen Mächte, so daß dieses selbige viel geschmähte Israel doch seinen Beruf erfüllte und unter den überwältigenden heidnischen Völkern den reinen Monotheismus durch die Jahrtausende aufrecht erhielt? Jndeß, wie gesagt, wir wollen uns mit einem Herrn de le Roi nicht herumstreiten. Kommt doch am schlimmsten bei ihm Gott selbst weg, der, trotz dieser Schlechtigkeit Israels, sich nicht ein-, sondern nach der Meinung dieser Herren zwei Mal dieses unfähige, niedrige, unfügbare Werkzeug auserwählte! Zwar weiß der Redner eine Ausrede vorzubringen: Gott that dies „um sich ein Denkmal der Barmherzigkeit zu setzen!" Aber was hat Er mit dieser Wahl dem Menschengeschlechte, das Er doch begnadigen wollte, für Schwierigkeiten erhoben. Wie schnell würde die Gotteslehre sich ausgebreitet haben, wie geringe Hindernisse würde sie im Schooße einer hochbegabten, hochsittlicken Nation gefunden haben, wenn z. B. die Römer, die Gothen und Hunnen, die Araber, die Spanier u. s. w. auserwählt worden wären, die es ganz anders verstanden hätten, wie das bescheidene Israel, um des Glaubens willen die Welt in Brand zu stecken statt sich zu begnügen, einen Moses, einen Samuel, die Reihe der Propheten und der heiligen Sänger u. s. w. hervorzubringen und deren Geifieserzeugnisse für die Menschheit aufzubewahren und ihr zu überliefern! Daß ein Mann wie der Redner, der so tapfer auf das alte Israel zu schimpfen vermag, dies in noch erhöhterem Maße auf die gegenwärtigen Juden, die in ihrer „Verstocktheit und Halsstarrigkeit" auf alle schönen Reden des Herrn de le Roi und seiner Genossen nicht die geringste Aufmerksamkeit verwenden, zu Stande bringen konnte, wird Niemand bezweifeln. Neues wußte er nicht vorzubringen; er begnügte sich mit aufgewärmtem Kohl, und daß sich die Mitglieder der Konferenz daran labten, wie die Debatte erweist, zeugt von ihrer Genügsamkeit. — Und was soll man an diesen groben Jnvectiven widerlegen, die schon hundert Male wiederlegt worden, ohne daß diese Leute sich daran kehren — weil ihnen das nicht passen würde. Es ist ja so bequem, immer frisch weg zu verleumden, und wenn man dasselbe Geschrei immer und immer wiederholt, so glaubt es am Ende der große Haufen — und das ist doch der Zweck! — Jndeß ist die Sache ernst genug. Denn es ist doch die Absicht dieser Herren, die alten Scheiterhaufen für die Juden wieder aufzurichten, und sie richten sie bereits auf, wenn nicht aus Holz, doch aus Worten. Der Gedanke ist derselbe: der Glaube wird erneut und erfrischt, wenn die Juden verbrannt werden. Man bringt den Judenhaß wieder auf die Straße, um die Herzen des Volkes wieder erglühen zu machen. Doch sie werden sich verrechnet haben. Wir leben nicht mehr im Mittelalter, und die Orgien, welche der Fanatismus feiert, haben keine Dauer mehr! — — Als ein neuer Beleg zu Obigem kann die „Kreis-Synode Friedrichs-Werder" vom 2. Juni dienen. Derselben hatte das Confistorium eine Vorlage über die „Heidenmisfion" gemacht, für welche die Beiträge nur sehr spärlich fließen. Der Misfionsinspektor Plat wünschte, „das Confistorium hätte neben einer Vorlage für die Heidenmisfion, gleichzeitig eine Vorlage für die Juden- Mission gemacht. Ganz abgesehen davon, daß die christliche Kirche berufen sei Mission zu treiben, nicht blos unter den Heiden, sondern überhaupt unter allen Nichtchristen, so sei es ganz besonders jetzt nothwendig Judenmisfion zu treiben, in einer Zeit wo die Judenfrage auf den Höhepunkt der Tagesordnung stehe. Gerade jetzt wäre es unsere Pflicht Judenmission zu treiben, um einer drohenden Lösung dieser Frage in nichtchristlichem Sinne vorzubeugen. Er spreche die Hoffnung aus, daß das Confistorium bei der nächsten Synode eine Vorlage für die Judenmisfion machen werde". In den Synoden zu Berlin führen aber die Orthodoxen nicht das alleinige Regiment. Daher antwortete Kammergerichtsrath Schröder, indem ee nachdrücklich die Heidenmisfion bekämpft. Redner „beklagt es nicht nur nicht, sondern freut sich, daß das Consistorium keine Vorlage über die Judenmission gemacht hat. Die Agitation auf dem Gebiete der Judenfrage, wie sie augenblicklich in Berlin betrieben wird, ist weder der Kirche noch des geistlichen Amtes würdig. Redner will hier nicht persönlich werden, auch nicht näher auf die Frage eingehen, sondern habe nur einige Worte zur Abwehr sagen wollen." Der Longreß zu Madrid. Es ist bekannt, daß die Verhandlungen des gegenwärtig in Madrid tagenden Congresses vorzugsweise das Schicksal der Marokkanischen Juden betreffen, welche neben dem

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