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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-15 · Heft 24 (15.6.1880) · p. Seite 370

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 24 (15.6.1880)
Date
1880-06-15
Page
Seite 370 (sequence 2)
Language
German
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370 Geister und Herzen hineinzublicken. Wir müssen uns begnügen, auf die Handlungen und Thaten zu schauen. Wodurch haben nun die modernen Juden jene schmähliche Anschuldigung erwiesen? Bekennen sie sich nicht heute noch in ihrer ungeheuren Mehrheit trotz aller Mißhandlungen und Verlockungen zum Judenthumc? Vergleichet doch die Zahl derer, welche ihre Knaben unbeschnitten laßen, mit der Zahl der Christen, die ihre Kinder ungetanst lassen, die Zahl der jüdischen Eheschließungen ohne religiöse Trauung mit der in anderen Consessionen! Bauen sich nicht mit den größten Opfern in großen und kleinen Städten, in Flecken und Dörfern die Juden, wo sie auch nur zu zehn oder zwanzig zusammen find, ihre Gotteshäuser und erhalten ihren Cultus, ihren Religionsunterricht, ihre wohlthätigon Anstalten, ihre Friedhöfe aus eigenen Mitteln, opferwillig in einem Maße, von dem Ihr keine Ahnung habt, während ihnen Staat nnd Stadt nicht allein die Mithülfe versagt, sondern ihnen selbst den Parochialzwang genommen, und sie mit höchst geringer Ausnahme durchaus keinen einträglichen Grundbesitz und Stiftungen für ihre Gemeinden und deren Ausgaben haben. Endlich vergleichet doch wie zu den hohen israelitischen Festen in allen größeren Gemeinden, z. B. Berlin, Wien, Paris, Pest u. s. w., die vorhandenen Synagogen nicht ausreichen, um die Andächtigen zu fassen, und es jedes Jahr nothwendig wird, ein Dutzend Rebensynagogen für diese Festtage herzustellen. Und alles dies nicht blos in Europa, sondern auch in Amerika und Australien, am Cap und am Ganges. Solche Thatsacben sprechen laut und nachdrücklich und erklären alle Gegenbehauptungen für unrichtig. Wie sollen nun diese Juden dem protestantischen Volke ein verderbliches Beispiel gegeben haben zur Gleichgültigkeit gegen die Kirche und ihre Institute, zur Abschwächung des kirchlichen Sinnes! — In der That können ja die Herren über die eigentliche und wesentliche Ursache des kirchlichen Verfalls nicht zweifelhaft sein. Seit anderthalb Jahrhunderten, also viel länger als die Juden nur eine Ahnung davon hatten, ist die gcsammte Richtung des Geistes, der Wissenschaft, der Literatur, des öffentlichen Lebens antikirchlich; in einem unwiderstehlichen Strome nahm die Entwickelung ihren Lauf nach einem der Kirche entgegengesetzten Ziele, und nun sollen die paar Juden, die so spät erst in diesen Entwickelungsgang eingetreten und ihn auf sich influiren ließen, die Ursache sein? Wären wir irgend agressiver Natur, so würden wir sagen: was können wir dafür, daß Ihr es nicht verstanden habt, diesen Entwickelungsgang zu leiten oder zu begleiten oder sich ihm mit Erfolg entgegenzustämmen? Wir wollen hierüber gar kein Urtheil fällen, aber zurückweifen müssen wir als eine, vor aller Welt zu Tage liegende und darum plumpe Unwahrheit, daß der Unglaube der christlichen Welt seine Quelle im Unglauben der Juden gefunden und fände. Gerade im Gegentheile, was wir Juden in unseren Reihen an Unglauben haben, ist uns nachweislich aus der christlichen Welt gekommen und bis jetzt haben wir Juden vermocht, diesem Unglauben unter uns einen viel nachhaltigeren Widerstand eutgegenzuhalten, als es der protestantischen Kirche gelungen ist — vielleicht eben, weil wir uns diesem Geiste der Entwickelung nicht schroff entgegenstämmten, ihm nicht den formulirten Glaubensbuchstaben als schwächlichen Schild entgegenhielten, sondern den Geist dieser Entwickelung in die Adern des Judeuthums hineinzuleiten und ihn da organisch zu verarbeiten uns redlich bemühten. — Nicht minder ist die Behauptung unwahr, daß die Juden durch ihre Schmähungen auf das Christenthum den Verfall desselben herbeiführtcn. Würden Schmähungen auf eine Religion oder Confession den Untergang derselben auch nur fördern, so würde das Judenthum schwerlich noch bestehen. Denn seit den Tagen Justin's des Märtyrers wurden Tag für Tag die schmählichsten Anklagen und Beschimpfungen auf das Judenthum geschleudert — und Katholicismus und Protestantismus hätten sich auf diesem Wege längst gegenseitig aus der Welt geschafft. Im Gegentheil, jede ungerechte Behandlung stärkt die Widerstandskraft der angegriffenen Partei. Aber es ist auch eine reine Erfindung, daß die Juden das Christenthum schmähen. Wir stehen uns ja nicht seit Gestern und Bor gestern gegenüber. Die Juden begriffen ihre Stellung zu aller Zeit genugsam, und wenn sie diese nicht begriffen hätten, würde man es ihnen fühlbar gemacht haben, um dem Christenthume ag gressiv oder gar injuriös cntgegentzutreten. Fürwahr, man braucht die Literatur nur seit etwa Voltaire zu mustern, um zu erkennen, daß unter den zahllosen Angreifern des Christenthums kaum ein und der andere Jude von Belang sich befand. der einen schwächlichen Versuch hierzu machte. Wir nehmen natürlich ernste, würdig gehaltene wissenschaftliche Discussioncn aus, auf welche wir unser volles Anrecht aufrecht erhalten; jedoch auch hier mit dem Vorbehalte, daß es nur gelte, vom Standpunkt des Judenthums aus die vorhandenen Differenzen mit dem Christenthume zu untersuchen und festzustellen. Kein Vernünftiger wird dies für einen böswilligen Angriff oder gar für eine Schmähung ansehen. Haben wirklich einige frivole Feuilletonisten jüdischer Abkunft sich in nicht angemessener Weise über die christliche Kirche und deren orthodoxe Bertheidiger geäußert, so find es dieselben Menschen, welche nicht minder gegen das Judenthum und dessen Satzungen ins Feld zogen und einige Male auf eine uns Juden sehr verletzende Weise. Wie können also wir für solche Auswüchse verantwortlich gemacht werden, und welches Gewicht überhaupt haben derartige Pygmäen den großen welthistorischen Erscheinungen gegenüber, deren Existenz durch Jahrtausende reicht und die ihre Basis in ganzen Erdtheile» haben! Es ist also nichts als ein böser Wille, welcher der-

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