Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1880)
- Date
- 1880-06-08
- Page
- Seite 359 (sequence 7)
- Language
- German
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359 schiedene Mchtungen, nicht aber getrennte und entgegengesetzte Secten gebe. In anderen Gemeinden bestehen reformistisch Gesinnte und Orthodoxe und die Hauptgemeinde versorgt beide Richtungen mit den nöthigen Mitteln zu ihrer gottesdienstlichen Befriedigung. Hier, in Berlin, haben wir dreifache Körperschaften der Reformer, der Gemäßigten und der Orthodoxen, und alle drei finden fich jetzt in der Hauptgemcinde vereinigt. Möchte dock dieses Beispiel in Ländern nachgeahmt werden, wo sich die beiden Richtungen noch immer feindlich gegenüber stehen. I. G. — Ein Hauptbestreben der Reaktionäre und Clericalen geht bekanntlich dahin, das ganze Unterrichtswesen in die Arme der strengsten spezifischen Confesfionalität wieder zurückzuwerfen. Nichts erregt daher den Grimm ihrer Preßorgane mehr als wenn sich irgendwo ein einheitliches, gemeinsames Werk auf dem Boden der Pädagogik zeigt. In Strasburg (Westpreußen) hat sich ein Kindergartenverein gebildet, dessen Vorstand aus 2 Protestanten, 1 Juden und 1 Katholiken besteht. Nach einem § des Statuts sollen „bei sich darbietenden Gelegenheiten religiöse Anregungen gegeben werden, jedes nähere Eingehen auf ein confessionelles Gebiet muß aber unterbleiben." Für einen Kindergarten gewiß eine vernünftige und pädagogisch richtige Bestimmung, was jedoch nicht verhindert, daß das „Westpr. Volksblatt" die Schale des Grimmes darüber ausgießt, und die „Germania" willig einige Tropfen desselben aufnimmt. — In Berlin kam es jüngst vor, daß, während der 5. Schulkreis 8 Schulen umfaßt, zur Prüfung an 6 dieser Schulen als städtische Deputirte Juden gewählt waren, für 2 Schulen christliche Deputirte. Obgleich nun diese Deputirten nicht mitzuprüfen, sondern der Prüfung nur anzuwohnen haben, ist doch die „Deutsche Landeszeitung" höchlichst erzürnt, da dies doch jedenfalls dem prüfenden Lehrer sehr genant sein müsse! Hoffen wir, daß dieser künstlich wicdererweckte Geist, der Spaltung und Hader in alle Kreise hineinzutragen sich bemüht, zu keiner dauernden Herrschaft gelange, denn wo sein Fuß hintritt, wachsen Dornen und Disteln statt der segensreichen Saat! — Der Privatdocent Dr. Ludwig Geiger ist zum außerordentlichen Professor in der philosophischen Facultät in Berlin ernannt worden. — Die königliche Akademie der Wissenschaften hat, der „N. Pr. Ztg." zufolge, dem Docenten des Rabbiner-Seminars Dr. A. Berliner, eine Beihülfe von 1500 Mark zur Herstellung einer kritischen Ausgabe des aramäischen Pentateuch-Targums (Onkelos) auf Grund von alten Handschriften und seltenen Editionen bewilligt. Berlin, 25. Mai. (Privatmitth.) So ist abermals ein Veteran des zeitgenösfischen Rabbinismus heimgegangen! Am 22. verschied sanft Rabbiner Dr. Joseph Aub im 76. Lebensjahre. Geboren 1805 zu Begerdort bei Erlangen, fungirte er zuerst als Rabbiner in Bayreuth (1830—1850), dann in Mainz und seit 1866 in Berlin, wo er vor einigen Jahren in den Ruhestand trat. Seine literarischen Arbeiten sind nicht umfänglich, zeugen aber von der Gesinnung?- tüchtigkcit und Sachkenntniß ihres Verfassers. Sie sind, wie seine „Betrachtungen und Widerlegungen", 2 Hefte (1839) und spätere Broschüren polemischen Inhalts auf theologischem und staatsrechtlichem Gebiete. Im Jahre 1846 gab er eine Wochenschrift „Sinai" heraus, die er jedoch bald wieder aufgab. Seine letzte Schrift, eine Religionslehre auf wissenschaftlichem Grunde, hat Werth. Aub gehörte zu der Schule der Reformer, welche bei aller Selbständigkeit doch die Reformen an das Herkommen und an Aussprüche der Talmudisten anzuknüpfen suchen. Er nahm an den Rabbinerversammlungen keinen Antheil, desto lebhafteren an den beiden Synoden, wo er als Referent thätig war. Bei allem Ernst seines Streben? hatte er einen humoristischen Zug. der ihn im geselligen Verkehre sehr liebenswürdig machte. — Gestern Vormittag fand die Beerdigung statt. In der großen Synagoge unter Theilnahme einer die weiten Räume dicht füllenden Menge, des gesammten Gemeindevorstandes, Deputationen aus Leipzig und Mainz sowie Mitglieder beider städtischen Behörden, hielt Dr. Frankl die Leichenrede, während Dr. Ungerleider das Gebet auf dem Friedhofe vortrug. Gotha, 18. Mai. (Privatmitth.) Zu dem baldigst stattsindenden 12. deutschen Protestantentag ist der Jahresbericht erschienen. In demselben heißt es: „Die dritte Aufgabe des Prolestantenvereins, ErhaltungundFörderung der christlichen Achtung und Duldung zwischen den verschiedenen Confessionen wird durch die Hetzereien der reaktionären Parteien, die ihren verlorenen Einfluß auf Schule und Eheschließung wiedergewinnen wollen, zu einer wahrhaft nattonalen Pflicht gemacht. Die Behandlung der Simultanschulftage in Preußen, die Massenpetitionen auf Wiederabschaffung der Civilehe lassen erkennen, daß der Toleranzgedanke, ohne den das deutsche Reich nicht bestehen kann, an Einfluß verloren hat und insbesondere legt die gegen die Juden in Scene gesetzte Agitation Zeugniß von der traurigen Begriffsverwirrung ab, die in weiten Kreisen über die Grundlagen des modernen Staats herrscht, zu denen fich der Protestantenverein stets voll und ganz bekannt hat." — Durch den ganzen Bericht geht die Klage über die in Preußen jetzt herrschende rückläufige kirchliche Bewegung, die sich an eine gleiche auf dem politischen Gebiete knüpfe, auf die Allianz der Clericalen und Junker sich stütze, in den Verhandlungen des preußischen Landtages, in den Pastoralconferenzen und der ersten Generalsynode ihren Ausdruck gefunden und ihre Nahrung aus dem Jndifferenttsmus ziehe welcher in kirchlicher Hinsicht bleiern auf der protestanttschen