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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-08 · Heft 23 (8.6.1880) · p. Seite 358

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 23 (8.6.1880)
Date
1880-06-08
Page
Seite 358 (sequence 6)
Language
German
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358 den Verein erfreut hat, so zeigte der Herr Consul auch in feinen mündlichen Auslastungen in jener Sitzung, wie in privaten Besprechungen mit Mitgliedern des Vereins nicht nur das lebhafteste Jntereffe für das materielle und intellectuelle Gedeihen der jüdischen Bewohner des heiligen Landes, sondern auch eine auf mehrjährige Erfahrungen und scharfe Beobachtung sich gründende Erkenntniß der Wege, welche zu jenem Ziele zu führen geeignet erscheinen. Dabei gab er wiederholt die unzweideutige Erklärung darüber ab, daß ihm in seiner amtlichen Wirksamkeit, wie in feinen Intentionen überhaupt n.chts ferner liege, als auf die religiösen Besonderheiten der palästinensischen Juden irgend wie einen Einfluß zu üben. Als den unter allen Umständen geeignetesten Weg, der traurigen Lage jener Bewohner Palästina's abzuhelfen, bezeichnete er eine Verbesserung des so sehr im Argen liegenden Jugendunterrichts bei den palästinensischen Juden. Es sei dies das einzige Mittel, um diese Unglücklichen endlich in den Stand zu setzen, sich eine selbständige Existenz zu begründen und der entwürdigenden Almosen, die ihnen von den außerpalästinensischen Juden zufließen, entbehren zu können. Zum Leidwesen aller Wohlmeinenden glaubt immer noch ein großer Theil der europäischen Juden der anerkennenswerthen Pietät für das heilige Land zu entsprechen, wenn sie jährlich Spenden für die Bewohner desselben sammeln und vertheilen lasten, ohne zu bedenken, daß damit den beklagenswerthen Zuständen nicht abgeholfen und stets neue Generationen erwerbsloser und erwerbsunfähiger Menschen herangezogen werden. — Der Vorstand des oben gedachten Vereins konnte nur mit hoher Genugthuung wahrnehmen, wie seine eigenen Anschauungen durch eine so gewichtige Autorität gestützt und bestätigt werden, und er findet in dieser Nebereinstimmung einen neuen Sporn für eine kräftige und intensive Verfolgung seiner Zwecke, nämlich: Erziehung der jüdischen Jugend in Palästina und Anlegung geeigneter Lehranstalten. Auch in anderer Beziehung trafen die Ansichten des Herrn Consuls mit denen des Vereins in erfreulicher Weise zusammen. Der Umstand, daß ein so großer Theil der Juden Palästina's, weit über den Kreis der eigentlichen Schutzgenoffen des deutschen Reiches hinaus, die sogenannten Aschkenasim (von etwa 15,000 Juden Jerusalems etwa 11,000) der deutschen Sprache — wenn auch in einem verderbten Jargon — mächtig ist, läßt in einem Unternehmen das seine Hauptstütze in Deutschland findet, eine bedeutsame nationale Sache erblicken, welche der Beihülfe deutscher Israeliten, abgesehen von differirenden religiösen Richtungen, werth sein dürfte. Aus den beregten Motiven ist dem genannten .Vereine von den verschiedensten Seiten aus mannigfache Hülfe geworden, und es ist ihm gelungen, theils durch einmalige Geschenke, theils durch jährliche Beiträge einen nicht unbeträchtlichen Fond zusammenzubringen. Noch reicht derselbe aber nicht aus, um das Werk der Erziehung und des Unterrichts, das nur durch europäisch und deutsch gebildete Lehrer zu einem gedeihlichen Zwecke führen kann, in einer Weise auszuführen, die einen erfreulichen Erfolg verspricht. Bei dieser Gelegenheit sei nochmals an die deutschen Glaubensbrüder der palästinensischen Juden die Bitte gerichtet, dem genannten Vereine kräftige und nachhaltige Beihülfe zu Theil werden zu lasten. Geschenke und Jahresbeiträge werden von dem Schatzmeister Herrn Ed. Mende, Firma S. Kaufmann k Co. (Burg-Str. 8) dankend entgegengenommen. Berlin, 24. Mai. (Privatmitth.) Es hat sich jetzt im Schoße der hiesigen Gemeinde ein Act vollzogen, der, erfteulich an sich, auch ein allgemeines Jntereffe in sich trägt. Als im Jahre 1845 die „Reformgemeinde" ihren Gottesdienst selbständig herstellte, wurde sie von der Hauptgcmeinde der separatistischen Tendenz geziehen und mit scheelen Augen angesehen. Anfangs mochte die Reformgemeinde auch propa gandische Neigungen hegen. Diese verloren sich bald, besonders nachdem das Jahr 1848 den religiösen Evolutionen einen Stillstand gebracht hatte. Dennoch that die Hauptgemeinde niemals etwas für ihre jüngere Schwester, und die Anhänger der letzteren mußten die doppelten Gemeindekosten tragen. Dies änderte sich auch nicht, als mit Aub und Geiger die Hauptgemeinde selbst den Weg der gottesdienstlichen Reform befchritt. Nachdem das Austrittsgesetz in Kraft getreten, wurde im Schoße der Reformgemeinde die Frage erörtert, ob man sich auf Grund jenes von der Hauptgemeinde trennen sollte? Die Frage wurde durchaus verneint, selbst als die Hauptgemeinde begann, für die orchodoxen Mitglieder der Gemeinde im Sinne der Gerechtigkeit nachdrücklich zu sorgen. Jetzt hat sich dies ausgeglichen. Als jüngst der erste Vorsteher der Gemeinde, Herr Stadtrath Magnus, fein 25jähriges Jubiläum als solcher feierte und die Reformgemeinde ein Glückwunschschreiben an ihn richtete, sprach dieser in seiner Antwort aus, daß es sich als ein Jrrthum herausgestellt habe, als ob die Reformgemeinde separatistische Tendenzen verfolge und sich im Gegensätze zur Gesammtheit befinde; vielmehr habe sich das gemeinsame Ziel erwiesen, wenn auch nach demselben zur Zeit noch auf verschiedenen Wegen gestrebt werde. Seitdem hat nun ein Gemeindebeschluß bestimmt, daß ein bedeutender Theil der Cultusausgaben der Reformgemeinde auf den Haushaltsetat der Hauptgemeinde übernommen werde. Es ist dies nicht mehr als billig, zeigt aber doch, daß man nicht mehr blos die Mitglieder der Reformgemeinde in ihrer Eigenschaft als Juden, sondern auch die Reformgemeinde selbst als eine jüdische Institution anfieht. Es wird hierdurch in eclatanter Weise erwiesen, daß es im Schoße des Judenthums zwar ver-

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