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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-08 · Heft 23 (8.6.1880) · p. Seite 356

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 23 (8.6.1880)
Date
1880-06-08
Page
Seite 356 (sequence 4)
Language
German
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356 Seiten des Rechts stehe, ob die volkswirthschaftliche Bethätigung nur Anhäufung materiellen Besitzes, des Luxus und der Genüsie und zugleich eine harte Plutokratie herbeiführe, das kommt nicht in Betracht, und noch weniger, wie weit sich in diesen Bestrebungen der Charakter veredle. Faust stirbt im höchsten Glücke, im Vollgefühl feines unsterblichen Namens, gerade nachdem er eine niederträchtige That vollbracht hat oder vollbringen ließ, eine That, die zugleich seinem Geiste den Stempel niedriger Gesinnung aufdrückt. Und doch können wir uns nicht verleugnen, daß Goethe gerade dieses letzte Factum mit besonderer Absichtlichkeit hineintrug. Faust konnte ja in der Fülle seines Reichthums und der vermeintlichen Verdienste großartig abtreten. Aber nein, er mußte.erst das dürftige greise Paar aus seiner kleinen alten Heimstätte ocrdrängen und zwar in gewaltthätigster Weise, wodurch jenes den Tod erlitt. Wir müssen aber hierin noch eine besondere Absicht Goethe's erkennen. Er stellt selbst diesen Act als eine Parallele zu der Geschichte Ahab's, Jsebel's und Naboth's hin. Bis zu den einzelnen Ausdrücken 1 Kon. 21 nähert er sich dem Schrifttexte. In diesem aber werden die Frevler zu entsprechender Strafe verurtheilt; das Blut der königlichen Verbrecher wird, und zwar auf schimpfliche Weise, an der Stätte vergossen, wo Naboth's Blut geflossen war. Ahab aber „dcmüthigt sich und trauert in Sack und Asche" über seine That, und deshalb wird ihm der Sturz seines Hauses vor seinen Augen erspart und geht erst an seinen gleichgearteten Nachkommen in Erfüllung. Ties ist die Weltanschauung des Judenthums, und dieser gegenüber stellt Goethe die seinige aus. Sein Faust begeht denselben Frevel, aber stirbt im höchsten Alter sehr glücklich. Seine niederträchtige Handlung übt weder auf seine Stellung in der Gesellschaft, noch auf sein eigenes Bewußtsein einen nachtheiligen Einfluß, und die „Engel" sagen an seinem Grabe: „Wer immer strebend sich bemüht. Den können wir erlösen." Also nackter können die sittlichen Motive des „Strebens und Sichbemühens" als völlig gleichgültig nicht bezeichnet werden. Hierzu tritt nun schließlich eine Parallele zu dem kirchlichen Dogma von der Erlösung, und zwar in völlig katholischer Weise. Tie „Rosen aus den Händen heiligliebender Büßerinnen" und die Anbetung der Himmelskönigin genügen, Faust's Seele zur ewigen Seligkeit zu bringen. Es ist nicht unsre, sondern der Kirche Sache, zu beurtheilen, ob die Darstellung Goethe's mit den wirklichen Ansichten der Kirche übereinstimme. Gewiß aber ist, daß Goethe hiermit den Stempel auf seine These drücken wollte, daß es nicht aus den sittlichen Werth und auf den intellectuellen Gehalt des menschlichen „Strebens und Sichbemühens" ankomme, sondern allein auf das Thun überhaupt und dessen glückliche Erfolge, um die menschliche Höhe zu erreichen und glücklich und selig zu werden. Es lag, geehrte Freundin, nicht in der Absicht dieser Briefe, irgend ein Urtheil über die große Dichtung Goethe's auszusprechen, sondern nur zum Berständniß und zur richtigen und klaren Auflassung nach Kräften beizutragen. Und da glaube ich constatirt zu haben, daß Goethe von der Intention geleitet war, der Weltanschauung des Judenthums, und so weit diese vom Christenthum über- und angenommen worden, der christlichen gegenüber eine andere aufzustellen, nämlich der Anschauung von dem sittlichen Berufe und Werthe des Menschen und von der sittlichen Weltordnung, durch welche die gesammte Menschheit zu höherer Entfaltung, der einzelne Mensch durch die Ausgleichung des Guten und Bösen in ihren Folgen zum Glück und Frieden geführt wird, dieser Anschauung gegenüber die Anschauung, daß die Bedeutung des Menschen nicht in seiner Intelligenz und seinem sittlichen Charakter, sondern lediglich im Streben und Thun, welcher Art dies auch sei, und in dessen Erfolgen bestehe. Das Urtheil kann und wird ein Jeder sich hieraus selbst bilden. Der Dichter hat diesen Versuch gemacht, indem er dabei von einer Parallele zu der biblischen Geschichte des Paradieses und zu Hiob ausging und mit einer Parallele zur Geschichte vom Weinberge Naboths und zu dem katholisch-kirchlichen Dogma von der Erlösung schloß. Die Gerechtigkeit und Vollständigkeit erfordern aber noch die Bemerkung, daß der Dichter jener ersten Weltanschauung nicht geradezu die Berechtigung abgesprochen hat, sondern in einer wohl als sonderbar anzusehenden Weise, sie für den weiblichen Theil des Menschengeschlechtes aufrecht erhielt. Denn er läßt Gretchen durch ihre Buße, besonders dadurch, daß sie sich von Faust nicht verleiten läßt, sich der Strafe zu entziehen, also durch die Sühne ihrer Vergehen im Tode „gerettet" werden, während Faust durch sein „Streben und Bemühen" trotz seines unsittlichen und zuletzt noch frevelhaften Wandels „erlöst" wird. Hierzu fügte Goethe charakteristisch als eine Art Epilog das dogmatische Nachspiel um die Seele Faust's, welches durch weibliche Wesen ausgeführt wird, hinzu und schließt das Ganze mit den Worten: „Das Ewigweibliche Zieht uns hinan, k'iuis." Durch diesen eigenthümlichen Zug wollte wohl Goethe die Craßheit der von ihm durchgeführten Anschauung gewissermaßen mildern und auf das Bestehen beider Ansichten nebeneinander hindeuten. Immerhin jedoch hat er seine Dichtung auf die Seite der einen gestellt. Wie weit er damit vor dem Forum der Sittlichkeit und der sittlichen Weltordnung besteht, dies zu beantworten, ist nicht schwer, wie andrerseits der „Faust" auch in ästhetischer Beziehung eine ganz vereinzelte Stellung einnimmt.

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