Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1880)
- Date
- 1880-06-08
- Page
- Seite 355 (sequence 3)
- Language
- German
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355 zweifelhaft, daß Goethe diesen Weg zur Lösung wählte. Prüfen wir objectiv, wie er ihn ging. Bon vornherein weist er Alles, was an sittliche Borwürfe, an Beunruhigung des Gewissens streift, von seinem Helden ab — vielleicht mit Hinblick auf Manfted. Faust schläft und Ariel giebt den Elfen auf: „Besänftigt des Herzens grimmen Strauß, Entfernt des Borwurfs glühend bittre Pfeile, Sein Jnn'res reinigt von erlebtem Graus!" Hiermit ist die ganze Vergangenheit abgewischt, und Faust kann ungestört seine Thaten beginnen. Die erste ist, daß er mit Mephisto als Hofnarr dem Kaiser in desien Verlegenheiten die Schöpfung von Papiergeld insinuirt, das mit einem Male Reichthum und Fülle in alle Kaffen und Klaffen ergießt. Die zweite That besteht darin, daß Faust Paris und Helena zur Unterhaltung des Kaisers aus der Unter' Welt herauffchaffen soll. Faust spielt gewissermaßen den Schauspieldirector und Mephisto den Regisseur. Faust selbst erglüht alsbald bei dem Anblick der Helena wieder in Leidenschaft: „Du bist's, der ich die Regung aller Kraft, Den Inbegriff der Leidenschaft, Die Neigung, Lieb', Anbetung, Wahnsinn zolle." Der dritte Aufzug zeigt uns Helena von Troja zurückgekehrt vor Menelaos' Palast, scheinbar zum Opfertode bestimmt. Faust entführt sie nach einer mittelalterlichen Burg, ihrer Verbindung entsprießt ein schöner Knabe, der aber in wildem Tanz vom Felsen stürzt, worauf sich das ganze Wahngebilde auflöst. Ein gewaltiger Krieg ist entbrannt, der Kaiser in der größten Bedrängniß, da treten Faust und Mephisto mit ihren Gesellen dazwischen und der Kaiser siegt. Faust erhält einen großen Küstenstrich, und macht diesen bewohnbar, durch Dämme, Häfen und Kanäle schiffbar und sammelt große Reichthümer. So gelangt er zum höchsten Alter. Ist sein Sinnen dadurch höher, sein Geist reiner geworden? Nein! mitten in dem ungeheuren Besitz, in der durch Mephisto unbegrenzten Herrschaft kann er es nicht ertragen, daß auf einer Höhe ein altes Paar eine Hütte mit einigen Bäumen besitzt und fie nicht aufgeben will. Faust, der sich dort ein Luginsland bauen will, deutet Mephisto an, daß er fie weggeschafft wünsche. „Mir giebt's im Herzen Stich um Stich, Mir ist's unmöglich zu ertragen! Die wen'gen Bäume, nicht mein eigen, Verderben mir den Weltbesitz." Es ist dies eine Anspielung auf Naboth's Weinberg, wie auch am Schluffe gesagt und sogar die Schriftstelle citirt wird. Nach diesem letzten Erfolge erblindet Faust und stirbt. Seine letzten Worte sind: „Es kann die Spur von meinen Erdentagen Nicht in Aeonen untergehn. Im Vorgefühl von solchem hohen Glück Genieß' ich jetzt den höchsten Augenblick." Was geschieht nun? Mephisto will sich am Grabe Faust's des unsterblichen Theiles desselben bemächtigen. Aber die Engel mit dem Chor der heiligen Anachoreten drängen ihn zurück, „Rosen aus den Händen liebend-heil'ger Büßerinnen" verjagen die bösen Geister. „Böse wichen, als wir streuten, Teufel flohen, als wir trafen." „Gerettet ist das edle Glied Der Geisterwelt vom Bösen." Die Himmelskönigin erscheint in den verschiedenen Weisen, in denen sie von der Kirche angebetet wird, auch Gretchen als „eine Büßerin" und so wird Faust selig. Um zu einer klaren, objectiven Ansicht über diesen zweiten Theil zu kommen, müssen wir allerdings von Vielem absehen. Wenn wir den ersten Theil in seiner einfachen, drastisch-tragischen Handlung durch eine außerordentliche Fülle von Gedanken, scharfen Sentenzen und schönen Bildern und Schilderungen gehoben sahen, so fällt uns im zweiten der Mangel an bedeutenden Gedanken und an deren präcisem Ausdruck auf, wofür wir durch eine Fluth allegorischer und antik-mystischer Phantasmagorieen und durch die Masse wohlklingender Verse entschädigt werden sollen. So bedeutet das große Zwischenspiel mit Faust und Helena eine allegorische Darstellung der Verbindung der Classicität und der Romantik, welcher ein schöner, aber kurzlebiger Aufschwung der Poesie entsprieße. Der Kern zeigt uns Faust thätig als Financier, als Stratege und Taktiker und endlich als Staatsökonom. Dies ist die Leiter, auf welcher er emporsleigt. Allerdings wird diese seine Thätigkeit in unserer Vorstellung dadurch sehr abgcschwäckt, daß der Erfolg nur durch das Glück bewirkt wird. Wenn Mephisto im ersten Theile die verlockende Sinnlichkeit repräsentirt, welche über Faust die volle Herrschaft erlangt, so vertritt er im zweiten das Glück, welches den Wünschen Faust's eine Menge außerordentlicher Diener zur Verfügung stellt und hierdurch seine Erfolge bewirkt. Die Finanz, die Kriegskunst und die Bolkswirthschaft werden also von Goethe in diesem zweiten Theile als die einzigen rich tigen Arbeitsfelder des Menschen bezeichnet — Wissenschaft und Sittlichkeit und Charakter werden als überflüssig und erfolglos zurückgewiesen. Die Wissenschaft gipfelt ihm in der Verachtung aller Autorität und in der Verdrängung alles Natürlichen, die sich bis zur künstlichen Schöpfung des Homunculus versteigt. Die Mißachtung der Sittlichkeit zeigt sich nicht sowohl in der abermaligen Liebesgeschichte mit der Helena, als vielmehr, daß sie bei den großen Staatsactioncn, also bei der ganzen menschlichen Thätigkeit, gar nicht in Betracht kommt. Ob die Schöpfung des Papiergeldes auf Schwindel, Betrug und Ruin hinausläuft, ob der militärische Lieg auf 23*