Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1880)
- Date
- 1880-06-08
- Page
- Seite 354 (sequence 2)
- Language
- German
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354 Byron aber spielt die Intelligenz nur die Rolle der Magd, welche dem unbefriedigten Herzen die Mittel zum tiefsten Weltschmerz, zum bittersten Pessimismus leiht. Bei ihm ist es das Unbefriedigtsein des Herzens, das seine traurigen Helden sich in die Arme der Lüste und Verbrechen werfen und sie daraus den verzweiflungsvollen Weltschmerz ziehen läßt. Eine Läuterung, eine Erhebung aus dem „Staube" geschieht ihm daher durch das Erwachen des sittlichen Bewußtseins, durch die Reue, die den Verzweifelnden mit noch größerer Verzweiflung packt und erfüllt und die ihn mit dem Tode zu einer reineren Sphäre emporsteigen läßt. Es versteht sich, daß Byron, der von dem Codex der Moral nichts wiffen will, das Wort „Reue" verschmäht; er nennt sie „das Selbstgericht"; indeß im Grunde ist dies dasselbe. Auf diesem Wege sucht er die Lösung des gestellten Problems. Sein Manfred hat dasselbe Verbrechen begangen wie Faust. Er hat seine Geliebte „getödtet", ihr Blut „vergossen", nichr durch die eigene Hand, sondern indem er ihr Herz gebrochen hat. Das eigentliche Thatsächliche übergeht der Dichter. Jetzt ist das volle Bewußtsein seines Verbrechens erwacht, zuerst weil ihm nunmehr das fehlt, was sein Herz befriedigen könnte, alsdann daß er sich des Verbrecherischen seiner Handlungsweise voll bewußt wird. In dieser Welt besteht Nichts mehr, was ihn befriedigen, was ihn beruhigen könnte; er hat sich selbst verurtheilt, stößt die Welt von sich und wühlt in den Selbstqualen seines Herzens. Es treibt ihn zum Selbstmord, aber indem sein Selbstgericht ihm sagt, daß dies keine Sühne sei. läßt er sich leicht und schnell davon zurückbringen. Er kommt zum Gefühl, daß in diesen unerschöpflichen Selbstqualen seine Läuterung und Sühne liegen könne, und all' sein Verlangen geht dahin, zu dessen Bestätigung von dem Geist der Geliebten das Wort der Vergebung zu hören. Er glaubt sie zu sehen und, mit einer Anspielung auf 1 Sam. 38, 19, die Worte von ihr zu hören: „Dein irdisch Leiden endet morgen." Dies geschieht; doch vor seinem Tode tritt die Kirche von der einen Seite an ihn heran, um ihn zu retten, kommen von der andern die bösen Geister, um ihn zu holen — aber er weist jene und stößt diese zurück, da er jener nicht bedürfe, diesen nicht angehöre. „Die ew'ge Seele fordert selber nch Und richtet, was sie Guts und Böses dachte; Sie selbst ist sich des Nebels End' und Anfang. Sie ist sich Raum und Zeit, der Sterblichkeit Entstreifet, holt ihr eingeborner Sinn Die Farbe nicht vom äußern Strom der Dinge. Doch taucht in Freuden oder Leid sie unter, Jnwie sie ihren eignen Werth erfand." (Akt IH. Auftr. 4.) Dieses Selbstrichten ist nun allerdings fern von der Anschauung der Kirche, welche ohne den Glauben und ohne die Sakramente die Sündenvergebung nicht zugesteht, die Berdammniß aufrecht erhält. Dagegen stimmt es ganz mit der Anschauung des Judenthums überein. Man lese unter vielen Stellen nur das 18. Kap. Ezechiel, und da z. B. B. 27: „So ein Frevler von seinem Frevel sich abkehret, den er geübt, und Recht und Gerechtigkeit übt: erhält er seine Seele am Leben; da er eingesehen hat und zurückkehrte von all seinen Missethaten, die er vollführte, so wird er leben, nicht sterben." — Das Problem war also gestellt: ein edler, hochbegabter Geist sinkt in den „Staub" niedriger Lüste und Verbrechen — wie vermag er sich wieder emporzuarbeiten zu reiner, lichter Höhe? Nach unserer Meinung hat Byron den einzig richtigen Weg beschritten, mag er ihn in der Ausführung mit mehr oder minder Glück gewandelt sein. Allein für Goethe war dies ein „Mißverständniß". Er hatte in seinen Faust nur die beiden Faktoren, die Intelligenz und die Sinnlichkeit, verlegt. Er fand daher für die erwachende und zu unbedingter Herrschaft gelangende Sittlichkeit keinen Anknüpfungspunkt oder wollte ihn nicht finden. Welcher Weg blieb ihm daher offen? Ein zwiefacher: er konnte der von Faust wegen ihrer Erfolglosigkeit verworfenen und verachteten Intelligenz wieder zu ihrem Rechte verhelfen, und sie die unreinen Leidenschaften wieder bezwingen und zurückweisen lassen. Zu diesem Ziele konnte er aber nur gelangen, wenn er die Entwickelung der Philosophie und der Wissenschaft überhaupt vom Boden des Mittelalters zu der Höhe unserer Zeit verfolgt und in ihrem ganzen Werthe gewürdigt hätte. Die großen Erfolge der Naturwissenschaften, der Mathematik und der historischen Wissenschaften, sowie der mächtige Strom der philosophischen Erkenntnisse, die seit dem Mittelalter erlangt worden sind und die namentlich in der Erforschung der Grenzen unserer geistigen Gebiete bestehen, hätten hierzu hinlängliches Material bieten können. Ob dieses poetisch und noch dazu dramatisch überwunden und zu einer plastischen Gestaltung gebracht werden könne, ist allerdings fraglich. Goethe wies es jeden falls ab, denn er verharrt im zweiten Theile auf dem Boden der mittelalterlichen Intelligenz, wie sich in den Scenen zeigt, die er auf der alten Wohnstätte Faust's spielen läßt, höchstens wirft er satyrische Streiflichter auf die Autoritätslosigkeit und die arrogante Hypothesensucht, die sich unmittelbar daran geschlossen haben soll und womit er vielleicht die neueste Zeit treffen wollte. Da blieb nur noch ein Weg übrig: Faust hatte durch seine Vergehungen die menschliche Gesellschaft und deren Ordnungen verletzt; er hatte zugleich durch seine Hingebung an die sinnlichen Leidenschaften sich selbst enttvürdigt — folglich konnte er durch mächtige, segensreiche Thaten die Gesellschaft versöhnen und sich selbst durch die opfervollen Anstrengungen und die erhabenen Gesichtspunkte, die er zu erfüllen rang, zu neuer Würde erheben. Es ist un-