Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 23 (8.6.1880)
- Date
- 1880-06-08
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Leitung des Zudenthums. Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. | Diese Zeitung erscheint wöchentlich einmal in 2 bis 2»/» Bogen. Preis 1 Vierteljährig »Mark. Inserate werden i mir SO Pf. für die Petitzeile oder deren i Raum berechnet. Alle Postämter (Postzeitungsliste Nr. 95) und Buchhandlungen nehmen Bestellungen an. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippson in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. In redactionellen Angelegenheiten. | wende man sich an Dr. £. Philippion <n Bonn : hinsichtlich der Inserate an R. | Waffe in Leipzig und deffe» Filiale« i in Berlin. Breslau re. I Jnstrale, welche bis Donnkrsiag eingehen, finden in der darauffolgenden Nummer Berücksichtigung. Beilagen werden mit 12 Mark berechnet. 44. Leipzig, den 8. Juni 1880. ^No. 23. _ Inhalt. Leitende Artikel: Goethe s Jaust und die Weltanschauung des Judenthums. II. — Der Congreß in Madrid. — Zertuugsuachrichte«: Deutschland: Berlin, Gotha, Frankfurt a. M, Würzburg. — Oesterreich-Ungarn: Wien. — Holland: Amsterdam. — Frankreich: Paris. — Großbritannien: London. — Italien: Rom. — Spanien: Madrid. — Rußland: Petersburg. — Rumänien: Paris. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Collectanea: 5. Xcitc'Hc'e dctitlcf. Bonn, 2. Juni. Goethes Faust und die Weltanschauung des Iudeulhums. An eine Dame. n. Es ist Ihnen, verehrte Freundin, bekannt, daß Milton's „Wiedergewonnenes Paradies" in allen Beziehungen weit hinter seinem „Verlorenen Paradies" zurückgeblieben ist, so daß jenes ohne dieses kaum noch Berücksichtigung rinden würde. Ist es doch Klopstock mit den späteren Gesängen des Messias nicht anders ergangen. Und, fügen wir hinzu, daß Dante die Hölle mit unerschöpflich reicher Phantasie zu schildern vermochte, während sein Paradies eintönig, gestalt' und farblos blieb: so müssen wir wohl folgern, daß der Mensch, auch der begabteste Dichter, weniger befähigt ist, die Freude und das Glück, den Lohn der Tugend, die Erlösung des gepeinigten Menschenherzens zu schildert!, als die wilden Stürme der Leidenschaft, als tiefeinschneidenden Schmerz und Leid,! als die mannigfaltigen Jrrgängc der Sünde. Wir werden! daher mit geringeren Erwartungen und Forderungen an den zweiten Theil des „Faust" gehen, der uns die Erhebung des gefallenen Helden zur Höhe der Läuterung und zur Rettung aus den dämonischen Gewalten der Verbrechen vorfübren soll. Hierzu kommt, daß Goethe eine zu lange Zeit zwischen der Abfassung des ersten und des zweiten Theiles verstreichen ließ, und daß er erst im höchsten Greiscnalter die einzelnen Stücke des letzteren zu einem Ganzen zusammenstellte und formte. Es war daher natürlich, daß sich zwischen beiden Theilen eine große Verschiedenheit bildete und daß die schöpferische Kraft, die Goethe niemals verließ, doch nach ganz anderer Richtung und in veränderten Maßen arbeitete. Jndeß hatte der „Faust" schon von einer ganz anderen Seite eine Lösung erfahren, und zwar von keinem Geringeren, als — von Byron. Der „Manfred" von Byron ward von Goethe selbst als aus dem Faust geflossen erkannt, aber nach seiner Meinung aus einem „Mißverständniß" des Faust. Goethe hatte wohl vollkommen Recht, nach seiner eigenen Ansicht dies so auszusprechen. Allein cs lag dies vielmehr in der Verschiedenheit der Dichter selbst. Goethe kennt im ersten Theite seines Faust nur zwei Faktoren des Menschengeisles an: die Intelligenz und die sinnliche Leidenschaft, von dem dritten, dem sittlichen Bewußtsein und Charakter des Menschen sieht er gänzlich ab. Darin unterscheidet er sich eben völlig von der Weltanschauung des Jndenthums, welche das sittliche Bewußtsein zwar auf die Intelligenz gestützt haben , will, denn sie macht die „Erkenntniß des Guten und Bösen"! zum Fundament der Sittlichkeit, jedoch den sittlichen Charakter des Menschen über die Intelligenz stellt und die eigentliche Bestimmung des Menschen in jenen verlegt. Die Nichtbefriedigung der Intelligenz bringt Faust dahin, sich widerstandslos den wüstesten sinnlichen Leidenschaften zu ergeben; daß ihn vor letzterem sein sittliches Gefühl und Bewußtsein schützen konnte und sollte, davon keine Spur. Bei 2S