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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-01 · Heft 22 (1.6.1880) · p. Seite 345

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 22 (1.6.1880)
Date
1880-06-01
Page
Seite 345 (sequence 9)
Language
German
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345 Rußland. Petersburg, im Mai. (Privatmitth.) Es ist nicht die Aufgabe, welche sich die A. Zeit. d. Jud. gestellt hat, zu verschweigen und zu beschönigen, sondern die Wirklichkeit mit möglichst geschichtlicher Treue zu zeichnen und gerade dadurch die Abhülfe und Besserung ermöglichen zu helfen. Die Zeiten find noch immer rauh für die Juden und der Wind der jetzt in Rußland wieder gegen fie weht, ist heftig. Man behauptet, es hätten viele Juden am Nihilismus und an dessen Verbrechen sich betheiligt und deshalb verfolgt man sämmtliche Juden und erstreckt dies selbst auf ausländische Kaufleute, die doch sicher nichts mit den nihilistischen Comploten zu schaffen haben, Inhaber achtbarer Firmen, die für ihren Aufenthalt in Petersburg ihre Kaufgeschäfte hinreichend Nachweisen können. Daß eine solche Verfolgung eine Unzahl Unschuldiger um einer kleinen Zahl schuldiger willen trifft, daß das traurigste Mißgeschick und Elend über Tausende gebracht wird, weil sich einige Verbrecher auS demselben Religionsbekenntniß gefunden haben sollen, ist gewiß vor der Gerechtigkeit unverantwortlich, aber nicht minder ist es unpolitisch. Denn man treibt auf diese Weise noch mehr Individuen mit Gewalt in die Arme der Berschwörerer! Menschen, die sich einer solchen verbrecherischen Rotte zugesellen, haben ihre Religion, ihre Gemeinde, ihre Familie aufgegeben, und nun sollen diese Religion, diese Gemeinde, diese Familie, die jene verleugnet haben, dafür aufs Schwerste leiden! Jndeß ist diese bedeutende Theilnahme von Juden an der Nihilistenverschwörung noch durchaus nicht officiell constatirt. Wir leugnen nicht, daß es Juden unter den Nihilisten gegeben, aber die Angaben, wie sie von notorischen Judengehäsfigen russischen Blättern und zwar ohne Anführung von Namen, aufgefischt werden, besitzen keine Glaubwürdigkeit, sondern eher das Gegentheil. Man hat in Deutschland genügsame Beispiele gehabt, mit welcher Unverfrorenheit die Judenfeinde die statistischen Zahlen fälschen und als sichere Ziffern aussteüen, die sich als um das dreifache übertrieben erweisen. Wie sollte dies nicht auch in Rußland geschehen! So sagt ein hiesiges Blatt, daß die Verfolgung der Juden mit aller Kraft anschürt (und deutsche Blätter drucken es nach. Redaction): „Wie zahlreich sich die Juden an der nihilistischen Verschwörung betheiligen, erhellt aus nachstehender Zusammensetzung: Unter 28 Nihilisten, welche im vorigen Sommer in Odessa abgeurtheilt wurden, befanden sich acht Juden und unter fünf zum Galgen verurtheilten ein Jude. Es befanden sich unter 6 Nihilisten, welche im verfloffenen December abgeurtheilt wurden, zwei Juden und unter drei zum Strang verurtheilten war ein Jude. Unter den 17 Nihilisten, welchen vor vier Wochen in Odessa der Proceß gemacht wurde, befanden sich sechs Juden. Unter den in Kiew zum Tode am Galgen vcrurtheilten Nihilisten befanden sich zwei Juden. Nebenbei sei erwähnt, daß der anläßlich der Entdeckung der geheimen Druckerei „Narodnaja Wola" und Verhaftung der Setzer aufgegriffene „Chef der Bande", Laiba Deutsch, der sich der Verhaftung durch Selbstentleibung entzog, auch ein Jude war. 'Auch einer der berüchtigten Hauptagitatoren der Rihi listen, Isaak Fuchs, ist Jude." Wir behaupten, daß es diesem Blatte unmöglich sein würde, alle diese Zahlen mit Beweisen zu belegen. Dadurch sühlt es sich aber nicht genirt. Was sollen aber die Juden thun, um einige verlorene Söhne ihres Stammes zurückzuhallen oder zurückzuführen? Jeder, der die Geschichte der Juden kennt, weiß, das; die Juden stets zu den friedsertigsten Einwohnern jedes Landes gehörten und sich an Verschwörungen niemals bctheiligten. Wenn jetzt der größte Theil der studirenden russischen Jugend insizirt ist, wie sollten sich nicht einige aussichtslose jüdische Jünglinge darunter befinden? Wenn das weibliche Geschlecht bis zu den höchsten Gesellschaftskreisen an dieser traurigen Erscheinung Antheil nimmt, wie sollten nicht auch einige jüdische Frauen verleitet sein? Früher machte man den Juden aus ihrer Abschließung von allem öffentlichen Leben einen schweren Vorwurf, jetzt aus ihrer Betheiligung, diese mag beschaffen sein wie sie wolle. Italien. Aus Oberitalien, III. April. (Privatmitth.) Gegenüber dem Votum des deutschen Reichstages bei der Militairnovelle und dem gänzlichen Stillschweigen der Abgeordneten jüdischer Religion ist es mir sehr angenehm, mit folgendem Berichte darzuthun, wie vieles durch warmes, eifriges Eintreten von Seiten der Repräsentanten unseres Glaubens erlangt werden kann, wenn sie, austatt sich ihrer Confession oder ihrer Abstammung zu schämen, furcht- und rücksichtslos für Gewissensfreiheit und Gleichheit einstehen, und in dem rechten Augenblicke die Gegner dieser hohen Güter kraftlos zu machen wissen. Die Turiner Stadtgemeinde-Verwaltung ist mit der Abfassung neuer Statuten für das große städtische Spital S. Giovanni beschäftigt. Tie Vorlage des Statuts ent hält in den tztz 35 und 36 Bestimmungen, die sich auf das Verhältniß der Kranken zu den Seelsorgern beziehen, und die von der damit betrauten Commission in liberalem Sinne abgefaßt wurden. Am 14. l. M. sollten diese beiden Paragraphen zur Abstimmung kommen. Der Stadtverordnete Herr Commandeur Aleffandro Malvano, der einzige Stadtrath unseres Glaubens in Turin, ist vor Kurzem durch das Ableben seiner 82 jährigen Mutter, einer seltenen, mit allen weiblichen Tugenden geschmückten Dame, die von allen ihren zablreichen Freunden und Bekannten geehrt ward, in tiefe

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