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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-01 · Heft 22 (1.6.1880) · p. Seite 343

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 22 (1.6.1880)
Date
1880-06-01
Page
Seite 343 (sequence 7)
Language
German
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343 Zeilen ist der Ansicht, wenn ein Stöcker jetzt auf Juden - Hetzen reist und die Kanzeln jeder kleinen Stadt auf seiner Tour benutzt, um die Masten gegen die Juden in Bewegung zu setzen, daß es einem Vertreter des Judenthums nicht benommen sein darf, einen Augenblick, wie er sich hier darbot, wahrzunehmen und mit einigen Seitcnhieben die feindlichen Angriffe zurückzuschlagen. Er beklagte es an einer paffenden Stelle feiner Rede, daß gerade in unserem deutschen Vaterlande solch' mittelalterliche Gesinnungen wieder zum Vorschein kommen und ries aus: „Soll es denn ein Verbrechen sein nach seiner lieber zeugung zu glauben! O deutsches Volk, du rühmest und rühmest mit Recht die deutsche Treue und willst, daß deine deutschen Juden ihrem Gotte und ihren altbewährten Sitten die Treue brechen! Und das wollen Männer, die sich zu deinen Priestern zählen! Sie, die aus jüdischen Quellen Weisheit geschöpft, wollen diese Quellen verleugnen, wollen die Brunnen verschütten, aus denen sie das Waffer des Lebens trinken! O, Genius des Jahrhunderts, verhülle dein Angesicht, deffen konntest du dich nicht mehr versehen!" Unter den Anwesenden bemerkte man Se. Excellenz den Finanzminister Bitter, aber es schien nicht, als ob diese gesprochenen Worte verletzend aus ihn gewirkt hätten. — Soeben verbreitet sich die Trauerkunde, daß Herr Rabb. vr. I. Aub an einem Gehirnschlage plötzlich verschieden sei. — Hamburg, 19. Mai. (Privatmitth.) Hier ist gegenwärtig der „deutsche Lehrertag" versammelt. Wie stark bei demselben der deutsche Lehrerstand vertreten ist, ersieht man daraus, daß unter Anderen 65 Vertreter von Lehrervereinen, welche von mehr als 30,000 deutschen Lehrern gewählt sind, mit legalisirten Vollmachten anwesend sind. Der erste Gegenstand der Verhandlungen war das Simultanschulwesen und Lehrer Pfeiffer aus Fürth hatte den Bericht darüber. Es ist hier nicht der Ort, den Vortrag dieses gesinnungssesten Mannes ausführlich wiederzugeben, und heben wir nur einige Aeußerungen hervor. Er sagte: „Wer etwa der Meinung ist: der Zelotismus sei bloß in den Reihen der Katholiken zu suchen, den verweise ich aus den neuesten Berliner Hepp- Hepp-Kreuzzug, dem von höchster Stelle aus bereits ein Halt zugerufen worden ist. Das beste und ticsgreiscndste Gegengift gegen solche Auswüchse ist die Simultanschule, in der die Jugend vereinigt wird, in der Jugendfreundschaften abgeschloffen werden, die über die Schulzeit hinausgehen, in der das kindliche Herz nicht mit Haß gegen Andersgläubige angefüllt, sondern in der dem Kinde eingeprägt wird, daß es unter allen Consessionen gute Menschen giebt, und daß die confessionelle Zugehörigkeit nur ein Zufall der Geburt ist (Bravo). „Der Staat hat die Verpflichtung, durch eine herzuflellende Gleichheit auf der Schulbank Gewaltthätigkeiten unter den verschiedenen Consessionen zu verhindern. Aber auch für den Lehrerstand wäre ein consessionell gemischtes Lehrercollegium, durch welches sich bei dem Einzelnen der Gesichtskreis sehr erweitern würde, von nicht zu unterschätzender Bedeutung." Die von ihm in diesem Geiste vorgeschlagenen vier Thesen wurden mit stürmischem, langanhaltendcm Beifall ausgenommen. Hierauf sprach Oberlehrer vr. Kriebel (Posen): Ich bin Lehrer an einer Simultanschule und ich vermag allerdings die Schwierigkeiten, mit denen wir in Posen zu kämpfen haben, nicht zu verkennen. Die Simultanschule in Posen erfordert jüdische Lehrer, die beispielsweise durch ihre rituellen Satzungen gehindert sind, am Sonnabend zu schreiben. Aber auch noch andere Unzuträglichkeiten machen sich geltend. Ein Lehrer ließ einmal unachtsamer Weise einen jüdischen Knaben eine Vorschrift abschreiben, aus der stand: „Jesus Christus, der Sohn Gottes, ist unser Heiland und Erlöser." Nun sollen aber die Juden den Namen Jesus nicht einmal aussprechen. (Ruse: Oho! oho!) Es ist im Weiteren daran zu erinnern, daß die orthodoxen Juden eben solche Gegner der Simultanschule, wie die orthodoxen Christen sind. Trotz alledem aber halte ich das Princip der Simultanschule für so hoch, daß es all die erwähnten kleinlichen Schwierigkeiten überwiegt. Ich bin aus diesem Grunde mit dem Bortrage des Referenten vollständig einverstanden und werde für die vorgeschlagenen Thesen stimmen. (Bravo). — Lehrer Pfeiffer (Fürth). Die vom Vorredner geschilderten Unzuträglichkeitcn sind zu beseitigen, wenn man am Sonnabend Lehrgegenstände vornimmt, die ein Schreiben überflüssig machen. Im Uebrigen habe ich die Erfahrung gemacht, daß die jüdischen Kinder der christlichen Religion gegenüber so tolerant sind, daß sie in dieser Beziehung uns Lehrer bisweilen beschämen. (Rufe: Sehr wahr!) Im Sinne des Referenten sprach noch Lehrer Harnischweger (Frankfurt a. M.), worauf die Thesen einstimmig zur Annahme gelangten. Oesterreich-Ungarn. Bon der Donau, 13. Mai. (Privatmitth.) Die armen Juden können es doch Niemand recht machen. Da lese ich eben die unparteiisäe Pester Judenzeitung, wie man den „Pester Lloyd" zu nennen pflegt. Auf der einen Seite erzählt das Blatt seinen Lesern, daß die „Nordd. Aüg. Ztg." sich in gehässigen Auslassungen gegen die deutschen Juden ergehe und sie eines allzugroßen Liberalismus beschuldige, weil Lasker, Wolffson und Bamberger gegen die jüngste Vorlage im Reichstage gestimmt haben. Aus der andern Seite wird über eine Conferenz berichtet, in der man den ungarischen Juden den ganz ungerechtfertigten Vorwurf der Läffigkeit hinsichtlich der Magyarisirung macht. Daß die Juden in Sprache, Sitte und Lebensweise sich schnell amalgamiren, ist eine längst anerkannte Thatsache. Daß die deutschen Juden

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