Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-01 · Heft 22 (1.6.1880) · p. Seite 342

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 22 (1.6.1880)
Date
1880-06-01
Page
Seite 342 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3227285-3227308--38078-3307277
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

342 durch ihre Waffen weit überlegen, während jene Beduinen in der Ueberschrift von „wohlgemeinten Träumen" sprachen, mit den besten Schußwaffen und Rosien versehen sind. Man (Vgl. übrigens unten „Paris.") sieht, daß wir eine gewisie Berechtigung hatten, wenn wir Set tun cp vi Deutschland. Berlin, 1!» Mai. (Privatmitth.) Am vorigen Freitag Abend fand in einem Saale des RathhauseS eine Versammlung statt, in welcher über die Sittlichkeitsverhältnisse Berlins debattirt wurde. Die meisten Sprecher ließen sich in streng protestantischem Sinne aus und erwarteten eine Besierung nur durch eine verstärkte „innere Mission". Besonders that dies der Hofprediger Baur. Hiergegen erhob sich der Prediger Thomas (an der St. Nicolaikirche) und verwahrte sich energisch, daß man bei der Besprechung der gegen die Unsittlichkeit zu thuenden Schritte religiöse Unterschiede walten laffe. Er habe die Ueberzeugung. daß seine jüdischen und katholischen Mitbürger, erstere noch mehr als die letzteren, befugt und befähigt wären, an der Hebung der Sittlichkeit segensreich mittzuarbeiten. Selbstverständlich sind die reaktionären und ultramontanen Blätter über eine solche Aeußerung aus eines christlichen Predigers Munde außer sich und finden es unbegreiflich, daß die Juden besonders „befugt und befähigt" sein sollen, an der Hebung der Sittlichkeit mitzuwirken. Wir jedoch brauchen für dieses Zeugniß nicht erst Belege beizubringen. Wenn wir es oft unangenehm empfinden, daß, wo irgend ein Jude einen Fehltritt oder ein Verbrechen begangen, seine Qualität als Jude von den Zeitungen stets hervorgehoben, ja sogar mit breitem Druck bezeichnet wird: so hat dies doch wiederum das Gute, zu bezeugen, wie höchst selten unter den schwereren Verbrechern, mit deren Schilderungen die Zeitungen überschwemmt sind, ein Jude zu finden ist. Die hiefige „Germania" ist namentlich danach aus, Vergehungen von Juden aufzuspüren und scheut sich dabei auch nicht vor Jrrthümern. So bemerkte sie jüngst bei dem Haupte einer Bande von Meineidigen, Abraham Quambusch, es sei wohl ein Jude, weil er Abraham heiße. Sie mußte es aber widerrufen. — Ebenso wurde gegen zwei jüdische Gutsbesitzer in Obcrschlesien die Beschuldigung ausgesprochen, sie hatten den Nothleidenden zur Aussaat halb verdorbene Kartoffeln geliefert. Man kann sich denken, was da für Folgerungen gegen die Juden gezogen wurden. Die Beschuldigung wurde als völlig unwahr erwiesen und mußte öffentlich und ausdrücklich zurückgenommen werden. — Weil ich einmal bei dem genannten Blatte stehe, so sei noch folgendes bemerkt. Dos edle Jesuitenblatt ist außer sich darüber, daß auf den höheren Lehranstalten im Regierungsbezirk Oppeln ac\jz\-cfy\c-vi: die Schülerzahl bei den Katholiken im Abnehmen, bei den Juden im Zunehmen begriffen ist, was übrigens auch bei den dortigen Protestanten der Fall ist. Von 1668--1378 ist der Prozentsatz bei den Katholiken von 60,50 auf 52,7s herabgegangen, während er bei den Juden von 19,30 auf 23,76 der Prozentsatz gestiegen ist, bei den Protestanten von 20.10 aus 23,46. Das Blatt schreibt dies natürlich dem „Culturkampfe" zu und jammert über die Aussichten, die sich hierdurch für die „Herrschaft der Juden" eröffnen. Das Blatt erwägt nicht, daß der Prozentsatz allein hierbei nichts entscheidet, sondern es schließlich auf die Zahl der Bevölkerung am meisten ankommt. Die Schülerzahl belief sich 1878 auf 3ö38 Katholiken und Protestanten zusammen, bei den Juden auf 1103. Die letzteren bilden also ein Drittel, in der Gesammtheit ein Viertel, wobei wohl zu beachten, daß ein viel geringerer Theil der jüdischen Schüler der höheren Lehranstalten zum Studium übergehen, als von den christlichen Schülern, und daß die Juden in öffentlichen Carrieren so vielen Schwierigkeiten begegnen, daß sie zu Staatsämtern selbst zweiten und dritten Ranges nur selten Vordringen. Hingegen sehen wir die Germania und ihre Genoffen keine Mittel aufsuchen und angeben, durch welche der Besuch der höheren Lehranstalten bei der Jugend ihrer Kirche gehoben werden könnte. Und dies wäre doch die Hauptsache'. Berlin, den 23. Mai. (Privatmitth.) Gestern fand in der Gemeinde-Synagoge der Kaiserstraße, wie alljährlich um diese Zeit die Einsegnungsfeier der Konfirmanden vom Prediger vr. Landsberger unter einem ungewöhnlichen Andrange von Zuhörern statt. Es schien, daß der Eintritt einiger Mitglieder der hiesigen chinesischen Gesandtschaft in ihrer Nationaltracht den Andrang noch vergrößert hätte; denn als der festliche Zug der Eonfirmanden, von ihrem Lehrer geführt, in das Gotteshaus eintrat, war es nur mit Mühe möglich, Bahn zu machen. Die Feier selbst seffelte etwa 1 '•> Stunde lang nahe an 2000 Zuhörer in stiller Andacht und Aufmerksamkeit. — Was uns aber zu einem Berichte über die Feier dieses Jugendfestes veranlaßt, ist ein Moment aus der Ansprache des Predigers, der sich auf die gegenwärtige Zeitströmung gegen Juden und Judenthum richtete. Da viele Christen und auch christliche Geistliche zugegen waren. schien es nicht nach aller Zuhörer Sinn gewesen zu sein, daß der Redner gerade bei dieser Feier die Angelegenheit nicht für zu delikat hielt, um sie zu berühren. Allein Schreiber dieser

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.