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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-01 · Heft 22 (1.6.1880) · p. Seite 340

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 22 (1.6.1880)
Date
1880-06-01
Page
Seite 340 (sequence 4)
Language
German
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340 Triebe noch andere Motive zu Hülfe kamen, den Sieg zn erringen. Das Gespräch zwischen -er Schlange und dem Weibe verräth uns dies. Es ist die Lust nach Ungebundenheit, die sich darin zeigt, daß der Druck, den das Verbot ausübc, übertrieben wird; („esset nicht davon und rühret nicht daran", sagt das Weib, während von letzterem nicht die Rede war.) Es folgt der Zweifel an der angedrohten Strafe und die Vorspiegelung der Sinnlichkeit, daß mit ihrer Befriedigung zugleich eine höhere Geistesstufe erstiegen werde, demnach das Erwachen des Ehrgeizes („ihr werdet wie Gott"). Daher schließlich: „gut zum Esten, eine Lust für die Augen und geeignet einsichtsvoll, zu machen" (7'Hn:.-.7 -ivn:, fo die Sept., Raschi, Ramban, Abarbanel.) In der concinncn Ausdrucksweise der Bibel eröffnen uns alle diese Andeutungen tiefe Einblicke in die Natur der menschlichen Seele und der Sünde. Ganz anders Goethe. Die Ueberfättigung ani Studium und die Bezweiflung alles Erfolges führt Faust zum Entschluß des Selbstmordes — aber die leise Jugenderinnerung im Geläute der Osterglocken reißt ihn zurück. Er fühlt in sich zwei Seelen, und zwar „eine Seele, die hält in derber Liebeslust sich an die Welt mit klammernden Organen." Die „Sünde" tritt an ihn heran. Mephisto bezeichnet sich selbst: „So ist denn alles, was ihr Sünde, Zerstörung, kurz das Böse nennt, mein eigentliches Element." Und Faust fordert ihn auf, ihn öfter „zu besuchen". Zunächst läßt ihm Mephisto gaukelnde Bilder verlockender Sinnlichkeit erscheinen, und Faust sehnt sich nach deren Wirklichkeit und Genuß. Dann treibt er ihn, in's Leben sich einführen zu lasten", und obschon Faust noch meint, kein Genuß werde ihn befriedigen, folgt er dem Lockruf der Sünde, die sich ihm zur Dienerin anbietet und doch alsbald zu seiner Herrin wird. Hier ist cs, wo Faust allen edleren Trieben, Empfindungen und Zielen des Menschen entsagt und ihnen flucht und ausruft: „Laß in den Tiefen der Sinnlichkeit Uns glühende Leidenschaften stillen." Dennoch sucht er diese widerstandslose Hingebung an wüste Ausschweifungen noch mit hohen Phrasen zu verhüllen: „Dem Taumel weih 'ch mich, dem schmerzlichsten Genuß, Verliebtem Haß, erquick, rdem Verdruß. Mein Busen, der vom Wissensdrang geheilt ist, Soll keinen Schmerzen künftig sich verschließen. Und was der ganzen Menschheit zugetheilt ist, Will ich in meinem innern Selbst genießen. Mit meinem Geist das Höchst' und Tiefste greifen, Ihr Wohl und Weh auf meinen Busen häufen. Und so mein eigen Selbst zu ihrem Selbst erweitern, Und, wie sie selbst, am End' auch ich zerscheitern." Es versteht sich wie von selbst, daß Biele, die sich mit dem „Faust" beschäftigen, in diesen Versen den Schlüssel zum ganzen Gedichte zu finden glauben. Wir meinen es nicht. Vielmehr wollte Goethe hiermit zeigen, wie ein bis jetzt edler Geist, bevor er sich in die Arme der Sünde wirft, sich selbst noch täuscht, indem er die Gefühle seiner niedrigen Lüste mit goldenen Gewändern erhabener Empfindungen bekleidet; es sind die letzten Strahlen der untergehenden Geistessonne, auf welche schnell die Dämmerung und die Nacht folgen. Denn was erfüllt sich denn von diesen Gedanken eines sich selbst erhöhenden Bewußtseins? Nichts. Wir finden Fanst gleich darauf in Auerbachs Keller, und von da immer weiter auf dem Wege gemeiner Lust und Verbrechen. Nur einmal noch zieht sich Faust auf einige Zeit in die Waldeinsamkeit zurück und überläßt sich der Beobachtung der Natur. Bald aber führt seine Einbildung ihm die verlockende Gestalt seiner Geliebten wieder vor, alle Erscheinungen um ihn her werden ihm gleichgültig, und er eilt zu ihr, wo sich dann die ganze erschütternde Tragik entwickelt, die mit einem dreifachen Morde schließt. Es ist also Nichts als die rohe Sinnlichkeit, als der wüste Sinnengenuß, dem sich Faust im Widerspruch mit seiner ganzen Vergangenheit ergiebt. Bevor ich zum zweiten Theile des Faust übergehe, lasten Sie mich eine Bemerkung einschalten. Ich verwahre mich vor der Meinung, daß die oben ausgesprochene Ansicht vom Standpunkte eines strengen, eines ängstlichen Moralisten gebildet und dargestellt sei. Ich kenne die Einseitigkeit und Befangenheit eines solchen Gesichtspunktes der freien Bewegung , dem lebendigen Gestaltungsdrang des Dichters gegenüber zu sehr, um mich dahin versetzen zu wollen, wenn es gilt, ein poetisches Meisterwerk sich und Anderen verständlich zu machen. Ich habe vielmehr gesucht, den Faust zu erkennen wie er ist, wie er sich thatsächlich uns vorstellt, wie er sich uns durch sich selbst erklärlich macht. Mögen Sie finden, daß ich dieser meiner Absicht treu geblieben. (Schluß folgt.) Wohlgemeinte englische Träume. Während auf dem europäischen Continente die Judenfeinde z. B. der Ungar Jstoczy dafür schwärmen, die Juden aus Europa zu vertreiben und nach Palästina zu jagen, schwärmen die Engländer für die Ansiedlung der Juden in Palästina, und zwar in einer ganz officiellen und legitimen Weise. Abgesehen davon, daß es unter den Engländern eine ganze Anzahl giebt, welche ganz ernsthaft glauben und erweisen zu können meinen, daß die Briten Abkömmlinge der

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