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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-01 · Heft 22 (1.6.1880) · p. Seite 339

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 22 (1.6.1880)
Date
1880-06-01
Page
Seite 339 (sequence 3)
Language
German
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339 Erkenntniß, also mit dieser ersten Sünde eröffnete sich für den Menschen der unabsehbare Kampfplatz zwischen dem Guten und Bösen, auf den er versetzt werden mußte, sollte er zur Freiheit des Willens und zum Bewußtsein derselben gelangen, sollte er seine Bestimmung in der Entwicklung seiner geistigen Kräfte, besonders seiner sittlichen, erfüllen. Bon ganz entgegengesetzter Richtung geht Goethe aus. Er stellt seinen Faust auf die Höhe der menschlichen Erkenntniß, auf die Höhe der Intelligenz, auf die Höhe des menschlichen Wissens, und will nun zeigen, daß diese Intelligenz durch den unerschöpflichen Drang nach Vollendung einerseits und haben finden wollen, vielmehr wird alles menschliche Ideal entstellt und in den „Staub" gezogen. Ja, versetzen wir uns auf den Boden der Wirklichkeit, wandern wir durch unsre Universitäten, Männer von hoher Intelligenz finden wir da in nicht geringer Zahl, wie höchst selten aber werden wir auf ein Beispiel einer solchen Versunkenheit in gemeine Lüste und Verbrechen stoßen! Dann müssen wir aber jenem von Goethe entworfenen Bilde die allgemeine Geltung, den allgemeinen Maaßstab absprechen, den es doch vermöge des Reichthums an großen und zutreffenden Sentenzen in Anspruch nimmt. Goethe hatte ein solches Beispiel erlebt und zwar durch die Grenzen der Erkenntniß, auf die sie überall stößt,! in dem berüchtigten l)r. Bahrdt, auf den er 1774 ein satyandrerseits, in den Zweifel, in das Unbefriedigtsein verfällt, risches Blatt veröffentlichte. Doch dieses Beispiel mußte und nunmehr den sinnlichen Leidenschaften anheim und zum Opfer fällt. Ich glaube nicht, daß über diese Nebeneinaneher abschrecken als zu produktiver Verarbeitung anreizen. Aber auch aus ideellem Gesichtspunkte können wir dem Faust derftellung ein Zweifel besteht, und um so klarer wird der keine objektive Geltung zusprechen. Denn weder ist die wesentliche Unterschied zwischen dem alten biblischen Ge-j menschliche Intelligenz ans eine so niedrige Stufe beschränkt, danken und dem modernen Goethes. Adam verfällt der {und in solche Grenzen der Nichtigkeit, ja nur der Werth- Sünde, um in das große Arbeitsfeld des menschlichen Ge-! und Erfolglosigkeit gebannt, die sie im Faust geschildert schlechtes, in das der materiellen wie der geistigen, der j werden, noch wird sie mit dem Verluste der sittlichen Kraft intelletuellen wie der sittlichen Arbeit einzutreten, und es eröffnet sich hiermit dem Menschen eine große leuchtende Zukunft bis zur Ferne der meffianischen Zeit, der reinen Gotteserkenntniß und der unbedingten Herrschaft der Liebe und des Rechtes, auf welchem Wege ihm von Gott die Offenbarung der Lehre und des Gesetzes, im letzteren der Grundprinzipien, nach deren Verwirklichung die Menschheit zu ringen habe, zu Hülfe kommt. Ganz entgegengesetzt Faust. Die Höhe der (einseitigen) Intelligenz ist erreicht, alle Wissensgebiete des Menschen find durchwandert, und sie ist weder im Stande, sich selbst zu genügen, noch gewährt sie die sittliche Kraft und Würde, um den Angriffen der Sinnlichkeit, dem Sturme der sinnlichen Leidenschaften irgend welchen Widerstand zu leisten, und dieser selbe wiffensreiche und hochbegabte Geist versinkt in Rohheit und Verbrechen. In der That ist es, wenn wir von allem Glanze der Zeichnung abstrahiren, der traurigste Pfad, den Goethe den Faust wandeln läßt. Von seiner Höhe als bewunderter Lehrer der Jugend steigt er zum Genoffen roher Zechgelage der Stu- und Würde erkauft, wenn wir auch zugeben, daß die entwickelte Intelligenz noch nicht einen niedrigen Sinn und gemeine Leidenschaften für immer ausschließt. In ersterer Beziehung müffen wir zur Entschuldigung Goethe's anführen, daß er deu Faust in eine mittelalterliche Zeit oder doch in eine dem Mittelalter nahe Epoche versetzt. Ties macht, wenn wir den wiffenschaftlichen Gehalt und Geist jener Zeit mit der modernen Entwicklung der Wiffenschaften, der Philosophie, der Naturwiffenschaften, der Oekonomie und Jurisprudenz vergleichen, einen wesentlichen Unterschied aus. Man steckte damals noch tief in der Magie, Alchymie und Astrologie, und indem sich höhere Geister soeben von diesen fteizumachcn begannen, konnte ihnen die Haltlosigkeit des menschlichen Wissens und das Ungenügen der Intelligenz in erschreckender Weise aufgehen und sie zur Verzweiflung drängen. Dem Dichter ist es erlaubt, in vergangene Zeilen zurückzugehcn; aber um so entschiedener müffen wir den Gestalten, die er uns vorführt, und die er jenen Zeiten anpaßt, die allgemeine Geltung für alle Zeiten und Geschlechter absprechen. deuten, zum Raufbold, als welcher er den Bruder seiner ES ist cinsichtlich, daß, wenn Goethe sein Analogon mit der Geliebten tödtet, zum Verführer dieser, nachdem er durch : Geschichte des Paradieses zu diesem Ziele führte, er sich von einen Schlafkrank deren Mutter gemordet, herab und läßt j der christlichen Anschauung, die den „Sündenfall" d. h. die dann diese Geliebte sitzen, daß sie in Verzweiflung ihr Kind! erste Sünde in eine „Erbsünde" d. i. in eine bleibende ertränkt; er versucht zwar, sie aus dem Gefängniß zu retten, > Verschuldung des ganzen Menschengeschlechtes verwandelt weicht aber auch hiervon vor der eigenen Gefahr zurück.! hat, von der der alttestamenttiche Text bekanntlich nichts ent Ein solches Bild des hochintelligenten Menschen, der Jahr-- hält, leiten ließ. - Es erschien uns eben überraschend, wiegleizehende lang nach dem höchsten Ziele gerungen, muß durchcher Weise in der biblischen Erzählung und in Faust der Mensch aus abstoßend wirken und, sage ich es offen, enthält Nichts! dem Ansturm der Sinnlichkeit nur mit Widerstandslosigkeit, von jener erhabenen Offenbarung des Menschengeistes, welche mit Paffivität begegnete. Jndeß deutet uns doch der bibenthufiastische Verehrer und befangene Commentatoren darin lijche Text in seinem Lapidarstil an, daß dem sinnlicheu

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