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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-06-01 · Heft 22 (1.6.1880) · p. Seite 338

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 22 (1.6.1880)
Date
1880-06-01
Page
Seite 338 (sequence 2)
Language
German
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338 Jenem Grundsätze gemäß glaube ich, daß Goethe uns über seine Intentionen zunächst auf den Prolog verwiesen hat, den er seinem Drama voranzustellen für gut befunden, der jedoch dem Sinne nach als ein Epilog zu betrachten ist. Nun ist es schon im Allgemeinen von großer Bedeutung, daß dieser Prolog uns auf die Bibel und zwar auf den Prolog des Buches Hiob hinweist, zu welchem der Prolog des Faust ein humoristisch gefärbtes Seitenstück bildet. Der Prolog zum Hiob stellt uns die darauf folgenden Geschehnisse und Gespräche als die Versuchung eines frommen Dulders durch Mißgeschick und Leiden des Herzens und des Leibes dar, während der Prolog zum Faust uns den Inhalt des dramatischen Gedichtes als die Versuchung eines hochgebildeten und hochgelehrten Geistes durch die sinnlichen Triebe und Leidenschaften charakterisirt. Es ist also durchaus kein willkürliches Heranziehen, sondern ein von Goethe selbst gewolltes Vorgehen, wenn ein vergleichender Blick an den beiden großen Dichtwerken haftet. Auch das Buch Hiob zerfällt bekanntlich in zwei Theile; der erste Theil (bis Kap. 28 einschließlich) schürzt den Knoten, indem darin die alte rigorose Anschauung von der göttlichen Gerechtigkeit, die in jedem Glück einen Lohn des Guten und in jedem Leid eine Strafe des Bösen erblickte, bekämpft und beseitigt, die Möglichkeit richtiger menschlicher Erkenntnis verneint und mit dem einfachen, aber Nichts lösenden Ausspruche gefchlosten wird: „Die Furcht des Herrn ist Weisheit, das Böse meiden Einsicht." Der zweite Theil bringt die Lösung, die in den Erlebnissen des Menschen die Erziehung desselben zum „Licht des Lebens" erschaut, die Zweckmäßigkeit in allen Werken Gottes aus der Natur erweist, Hiob also in seiner Verurtheilung jener veralteten Anschauung Recht giebt und ihm eine Entschädigung für alles Verlorene werden läßt. In gleicher Weise hat Goethe den Faust in zwei Theile getrennt, von denen der erste den völligen Niedergang des Helden, den vollständigen Sieg des Bösen zeichnet, der zweite Theil die Lösung bringen soll, wenigstens den Helden retten läßt. Diese Vergleichung bringt uns an sich nicht weit voran, denn das eben von Faust gesagte leuchtet bei dem ersten Blick auf das ganze Dichtwerk selbst ein. Allein sie erweist uns, daß Goethe bei der Schöpfung seines Faust von biblischen Gedanken nicht fern war, wie er denn auch in seiner Jugend der Bibel z. B. dem Pentateuch ein längeres eifriges Studium gewidmet hat*) Wir sehen uns daher in dem Prolog noch weiter um und finden als eigentlichen Schlußsatz desselben: nachdem der Herr gesprochen: „Zieh diesen Geist von seinem Urquell ab, Und führ' ihn, kannst du ihn erfaßen. *) So bezeugt er selbst in seinen „Noten und Abhandlungen zum west-östlichen Divan" Abschn. „Atttestamentliches". Auf deinem Wege mit herab. Und steh' beschämt, wenn du bekennen mußt: Ein guter Mensch in seinem dunkeln Drange Ist sich des rechten Weges wohl bewußt," antwortet Mephistopheles: „Schon gut, nur dauert es nicht lange", und schließt: Staub soll er fresien, und mit Lust, Wie meine Muhme, die berühmte Schlange." Diese „Muhme, die berühmte Schlange", kommt im Gedichte auch noch vor. Wir sehen davon ab, daß hier das tertium comparationis etwas verschoben ist, denn Faust soll „Staub fressen und mit Lust", während doch die Schlange die Rolle des Mephisto spielt. Aber gerade darum erscheint die Hindeutung auf die Schlange und zwar als Schluß des Prologs um so absichtsvoller. Mit einem Worte: Goethe wollte im Faust ein Seitenstück zu der biblischen Geschichte des Paradieses geben, und zwar im ersten Theile, im zweiten ein Seitenstück zu der christlichen Lehre von der Erlösung. Wie in der Geschichte des Paradieses, so im ersten Theile des Faust ist cs die verlockende, verführende Sinnlichkeit, die den Menschen zum Falle bringt, und zwar weil er ihr einen genügenden Widerstand nicht leistet; dort ist es die Schlange, hier Mephisto, in welchen diese Sinnlichkeit allegorisirt, poetisch verkörpert wird; die im Menschen schlummernden sinnlichen Triebe und Leidenschaften werden durch den Blick in die umgebenden Dinge, in die Gestalten des wirklichen Lebens geweckt und erreichen eine überwältigende Stärke. Der Mensch verhält sich in der biblischen Erzählung, wie im Faust, diesen sinnlichen Leidenschaften gegenüber gewissermaßen passiv, was in jener geschickt dadurch erklärt wird, daß die Vermittelung der Sinnlichkeit das Weib übernimmt, zu der sich nun Adam passiv verhält; im Faust fehlt dies und wird nur durch die wirkungsvolle und thätige Persönlichkeit des Mephisto ersetzt. In gleichem Maße spielt Faust bei seiner Erlösung nur eine passive Rolle, wie diese im christlichen Dogma von der Erlösung der Menschheit zufällt, die durch den Opsertod eines Dritten, ohne eigenes Zuthun als den Glauben, erlöst wird. Doch sehen wir jetzt von diesem zweiten Theile ab, der ein Produkt des späteren Alters Goethe's gewesen, während der erste ein Erzeugnis seiner ursprünglichen Schaffenskraft war. Also dieser Faust sollte ein Seilenstück zur Geschichte des Paradieses sein — aber mit einer ganz verschiedenen Tendenz. In jener wird der Mensch auf dem Wege zur „Erkenntniß", zur Erkenntniß des sittlich Guten und Bösen gezeichnet, und j auf diesem Wege konnte er nicht vorwärts gelangen, ohne die Sünde gekostet zu haben. Die Unterscheidung zwischen > Gutem und Bösem konnte nur durch das Kennenlernen des Bösen, durch die Erfahrung, worin dieses besteht und wie j es auf den Menschen wirkt, erlangt werden. Mit dieser

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