Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 22 (1.6.1880)
- Date
- 1880-06-01
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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"Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Cm unpllttciischcs Organ für alles jüdische Interesse.! Diese Zeitung erscheint wöchentlich j einmal in 2 bis 2'/» Bogen. Preis | Vierteljährig »Mark. Inserate werde,! I mit 2t> Pf. für die Petitzeile oder deren! Kaum berechnet. | Alle Postämter (Postzeitungsliste Ar. »5>) und Buchhandlungen nehmen Bestellungen an. Hcransgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Philippsou in Bonn. Verlag von Baumgartners Buchhandlung in Leipzig. In redaclioncllen Angelegenheiten. | wende man sich an Dr. f. Philip pss« >n : Bonn; hinsichtlich der Jinerate an R.! Masse in Leipzig und dessen Filialen i in Berlin. Breslau re. i Ziiteraic, welche bis Donnerstag einge!>en, : niiden in der darauffolgenden Nünnnee > Berücksichtigung. \ Beilagen tverden mit 1 2 Mark berechnet. 44. Jahrgang. Leipzig, den 1. Juni 1660. idü. W. ladntt. Leitende Artikel: Goethe's Faust und die Weltanschauung des Judenthums. l. — Wohlgemeinte englische Träume. — Zeitaugsuachrichteu: Deutschland: Berlin. Hamburg. — OesterreichUngarn: Bon der Donau. Pest. - Rußland: Petersburg. Italien: Aus Oberitalien. — Spanien: Madrid. — Amerika: Rew ^jork. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Jüdische Theatertrupeii. L-il-r.Oc cl: ti üd\ Bonn, 2»'». Mai. Goethe's Faust und die Weltanschauung -es Äu-euthums. An eine Dame. I. Sie haben der trefflichen, in Cöln veranstalteten Aufführung des ganzen „Faust", des zweiten wie des ersten Theils, ungewohnt, und äußerten, daß, so ausgezeichnet auch die ganze Vorstellung war. Ihnen das Berständniß des großen Dichtwerkes nicht gefördert, vielmehr verworrener geworden. Die durchaus ungenügende Lösung im zweiten Theile stelle Ihnen den ersten in dunkle Schatten, während Sie sich doch dem Zauber dieses wunderbaren Gedichtes nicht entziehen könnten. Sie sprechen nun die freundliche Ansicht aus, daß ich, der ich mein Leben lang ebenso kritisch wie Produktiv beschäftigt gewesen sei und meine Aufgabe darin gesunden habe, die Weltanschauung des Judenthums meinerseits durchzuarbeiten, zu klären, zu befestigen, mir jedenfalls und zwar von dieser letzteren aus ein Urtheil über den Faust gebildet habe, und fügen den Wunsch hinzu, dieses, vielleicht zur Beschwichtigung ihrer eigenen Zweifel, ausgesprochen zu sehen. Einem derartigen Wunsche aus solchen Motiven habe ich niemals widerstehen können. Und wenn ich auch weiß. daß meine Ansicht vielen deutschen Aesthetikern als eine Ketzerei erscheinen werde, so will ich doch nicht damit zurückhalten, da schon eine solche Untersuchung von Nutzen ist. Nur müssen Sie nachsichtig sein, wenn ich in dem Rahmen eines Briefes nur zu skizziren verniag. Zur richtigenAuffasiung und zum tieferen Berständniß eines bedeutenden Werkes, einer Dichtung, eines Philosophems oder sonst eines großartigen Geisteserzeugnisses habe ich immer als einen wesentlichen Grundsatz angesehen, vor Allem die Mittel der Erklärung aus dem Werke selbst zu schöpfen, und erst in zweiter Linie sich nach der geistigen Lage und Beschaffenheit der Zeit und etwa nach den Vorgängern und Ankliüpsuiigspunkten für Stoff und Behandlungsweise umzusehen. Hier nun, wo wir es nur mit dem Faust als Ganzem, als organischem Jtiinftioerf, also mit der Idee, die in ihm ausgesprochen und verkörpert wird, zu thun haben, wird dieser Grundsatz uns am ehesten leiten müssen. Tenn diese Bemerkung muß ich voranschicken, daß, toie auch die Ansicht über Ziel und Tendenz des Faust aussallen. wir sie lobens- oder tadelnswerth, uns zusagend oder uns abstoßend finden mögen: die außerordentliche Fülle des Schönen, der weisen Beobachtungen aus dem Menschenleben und aus der Natur, der tief psychologischen Bemerkungen, der poetischen Situationen und Bilder wird dem Faust für alle Zeiten einen ungewöhnlichen Reiz, einen wahrhaften Zauber, eine Hohe Stellung innerhalb der Literaturen aller Völker und Epochen erhalten. Diesen Vorbehalt mache ich bei meinem kritischen Gange von vornherein.