Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1880)
- Date
- 1880-05-25
- Page
- Seite 332 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3227285-3227307--38067-3307265- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
332 Brügger Gefängniß abgeliefert. Ebenso hat in Charteroi der clericale Finanzmann par excellence, dem besonders die von den Geistlichen berathenen kleinen Leute ihre Ersparnisse anvertraut hatten, einen betrügerischen Bankrott gemacht. In dem einzigen Kanton von Tamines find dreihundert fleißige Familien durch ihn unglücklich geworden. Nach allem dem, was die frommen Langrand, Jacobs u. s. w. schon geleistet haben, möchten diese den klericalen Geldleuten zugestoßenen „Nnglücksfälle" denn doch die katholischen Zeitungen etwas zur Milde in Beurtheilung anderer Religionsgenossenschaften veranlassen! Schweden. Stockholm, 29. April. (Privatmitth.) Der 25. April war für unsre Gemeinde ein besonders festlicher Tag, der beredtes Zeugniß davon ablegte, wie unsere Genossenschaft die Männer zu würdigen weiß, die sich mit Hingebung und Treue der Leitung ihrer Gemeindeangelegenhciten widmen. Der greise Vorsitzende des Vorstandes, Herr Di-. Levertin, Ritter des Wasaordens, feierte seinen 70. Geburtstag. Zu Ehren des Tages ließ unsre Gemeinde sein Portrait in Del malen, um es im Sitzungssaale neben den verdienten Männern früherer Zeiten zur steten Erinnerung aufzubewahren. Die Mitglieder der Gemeinde hatten sich zahlreich und in festlicher Kleidung eingefunden. Der nächste älteste Vorsteher, Herr Dr. Lamm, hielt eine überaus gelungene Festrede, aus der wir Einiges anführen, weil es zugleich die Geschichte unserer Gemeinde in den letzten Jahrzehnten, enthält. Nach einer angemessenen Einleitung sagte der Redner: „Die Zahl Ihrer Amtsjahre, verehrter Herr Vorsitzende, machen die Hälfte ihrer Lebensjahre aus. Doch mehr als die ungewöhnlich lange Zeit, in der Sie sich uneigennützig unseren Angelegenheiten widmeten, verpflichtete uns zur größten Dankbarkeit die Art und Weise, wie Sie Ihrer Aufgabe gerecht wurden, der bedeutsame Inhalt Ihrer Wirksamkeit. In Ihre Amtsperiode fallen hochwichtige Momente: Der Bau der Synagoge, ein rühmenswerthes Monument schwedischer Baukunst, mit ihrem erhabenen Gottesdienst, der sowohl den religiösen als den ästhetischen Anschauungen der Neuzeit entspricht. Tie Anlegung eines neuen, wohlgeordneten Begräbnißplatzes, versehen mit einer Kapelle in egyptischem Stile. Im Jahre 1870 die Emancipation der Juden, die unseren Glaubeusgenossen die vollständige bürgerliche Gleichberechtigung brachte. In Verbindung hiermit wurde die bisher bestehende Gemeindeschule aufgelöstl) und an ihrer Stelle eine Religionsschule gebildet. Tie Armenpflege befindet sich in Händen eines Ausschusses, dessen regel- 1) Der!gt. Volksschulinspector Herr Dr. Myerberg versichert, daß ihm seit 6 Jahren keine einzige Klage zu Ohren gekommen, daß irgend ein jüdisches Kind wegen seiner Confession von seinen christlichen Mitschülern verhöhnt wurde. Corresp. mäßige Arbeiten von um so größerem Gewichte sind, als die Gemeinde stark im Wachsen begriffen ist und auch leider die Zahl der Armen zunimmt. Die Bermögensverhältniffe der Gemeinde und ihr Budget haben sich während Ihrer Amtirung vergrößert und das in einem Maßstabe, wie man es zur Zeit ihres Antritts kaum geahnt. So und überall zeigen sich die Spuren Ihrer gesegneten Thätigkeit. Wir besitzen nun Sie selbst und Ihr Portrait. Aber wenn einst die Fackel ihres Lebens erlischt und die der Ewigkeit angezündet wird, soll Ihr Bild, eine neue Zierde unsres Sitzungssaales, auch die kommenden Geschlechter erinnern an Ihre edle Person und Ihre hingebungsvolle Thätigkeit für unsre Gemeinde. Gott segne Sie!" Der Jubilar dankte gerührt und sagte, die ihm zu Theil gewordene Ovation berühre ihn zugleich freudig und schmerzlich. Freudig, da die Liebe seiner Gemeinde seine geringen Leistungen so hoch anerkenne, schmerzlich, da er sich sagen müsse, daß seine schwachen Kräfte nicht mit dem guten Willen gleichen Stand gehalten. Er habe wenig gethan, doch was er sich zu seinen schönsten Handlungen anrechnen dürfe, ist das Bewußtsein, daß er unablässig mit Gleichgesinnten dahin gewirkt habe, unfern Glaubensgenossen eine andre, bessere sociale Stellung zu schaffen und das sei mit Gottes Beistand gelungen. Mit innigem Danke blicke er daher nun auf zu dem, der die Zeiten ändert und der ihn für würdig befunden, 35 Jahre an der Spitze einer Gemeinde Israels zu stehen. Dankend für das ihm stets dargebrachte Vertrauen, wolle er bei der nächsten Neuwahl seinen Sitz einer jüngeren Kraft übertragen, doch die Segenswünsche für seine Gemeinde werden bis zum letzten Athemzuge sein Herz erfüllen. — Alle Anwesenden waren sichtlich tief ergriffen bei der Rede des so allgemein hochgeschätzten und verehrten Mannes und auch wir schließen mit dem Wunsche, daß es dem Herrn gefalle, uns Herrn Dr. Levertin, als eine der schönsten Zierden unsrer Gemeinde, noch recht, recht lange zu erhalten, und daß sich in unsrer Mitte stets Männer fänden, die im Geiste und im Sinne des Jubilars die Angelegenheiten unsrer Gemeinde hegen und pflegen. Cantor Rosenberg. Rußland. Petersburg, 14. Mai. Die Gerechtigkeit erfordert es, auch diejenigen Stimmen zu hören, welche den neuesten Vorgängen in Rußland einen milderen Charakter zuschreiben. Bor einiger Zeit erging, der „Rußk. Wjedomosti" zufolge, vom russischen Ministerium des Innern an die Gouverneure die Aufforderung, ausführlich über die Zahl der in den betreffenden Gouvernements sich aufhaltenden Juden zu berichten. In Folge dieser Aufforderung wurden aus mehreren Gouvernements Juden ausgewiesen, welche sich, den gesetzlichen Bestimmungen entgegen, die für den Aufenthalt von