Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1880)
- Date
- 1880-05-25
- Page
- Seite 329 (sequence 9)
- Language
- German
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329 ^SeiiVi tevu Deutschland. Berlin, 11. Mai. (Privatmitth.) Durch sämmtliche Blätter Berlins ging dieser Tage die Meldung, daß die jüngste Nummer der antijüdischen „Wahrheit" consiszirt worden. Es mußte dies bei dem Verhalten der betr. Staatsbehörden hinsichtlich der schmählichsten Angriffe auf die Juden in Schriften und Versammlungen sehr auffallen. Nun macht die Redaction der „Wahrheit" bekannt, daß sie von der Confiscation nichts wiffe. — Die hies. Bl. theilen mit: „Unter der Anklage der Gotteslästerung stand am Sonnabend der Redacteur des „Börs.-Cour.", HerrG.Davidsohn, vor dem Landgericht II. Es handelte fick um die vielbesprochene Kritik, die der „Börs.- Cour." dem von dem Maler Liebermann in München ausgestellten Bilde „Christus im Tempel" hatte angedeihen laffen. Der Staatsanwalt erblickte in der Art der Abfaffung der Kritik eine Verhöhnung der christlichen Religion und beantragte 1 Jahr Gefängniß, der Gerichtshof sprach den Angeklagten frei." — Die schon von mir besprochene Rede des Abg. v. Ludwig hat allen reattionären Blättern den Mund wieder recht weit geöffnet, zum Beispiel der „Lutherischen Kirchenzeitung", welche sich immer bestrebt, jene derbe, oft auch harte Ausdrucksweise Luthers nachzuahmen, wobei sie aber nicht weiter kommt, als die Manier des unsterblichen Reformators zu carrikiren. Sie treibt es so weit, unter Anderem zu sagen: „Mit Recht wurde darauf hingewiesen, daß nicht der mindeste Grund vorliegt, die Alliance israelite universelle oder den Freimaurerorden mit einem andern Maaße zu messen, als die rothe Internationale." Daß es diesen, die Vertheidigung ihrer Kirche vorschützenden Organen doch am meisten an dem fehlt, was die Grundlage jeder Religion und jedes religiös-sittlichen Verhaltens sein muß, an der Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe! Dem Freimaurerorden sagt die „L. K." nach, daß er „seit mehr als hundert! versorgt werden müssen. Die Schweriner Gemeinde hat sich isr. univ. zu schmieden; es fehlt dazu jeder Anhaltspunkt, und sie kann nicht ein Wort des Beweises für ihre fteche Behauptung heranbringen, die Alliance stehe auf einer Stufe mit den sozialistischen und eommunistischen Vereinen! Wir möchten wohl wissen, was die „L. K." von dem protestantischen Gustav-Adolf-Verein hält. Nun, nichts Anderes ist die Alliance isr. univ., nur daß jener besonders für Errichtung von Kirchen, diese für Errichtung von Schulen wirkt. Dies mag allerdings für die „L. K." einen großen Unterschied ausmachen, der in ihren Augen ihren Sprung bis zu den Sozialisten rechtfertigt! — Die „Nat.-Ztg." vom 11. Mai enthält eine trefstiche Kritik des Artikels der „Nordd. A. Ztg." Schwerin (Mecklenburg), im Mai, (Privatmitth.) Der jetzige Landesrabbiner, Dr. Feilchenseld (früher in Culm) hat vor zwei Jahren eine Lehrerpräparandie gegründet, um den vielen kleinen Gemeinden in Mecklenburg Cultusbeamte zu beschaffen, woran sie sonst großen Mangel litten. Das Bedürfniß einer solchen Lehranstalt und die günstige Wirksamkeit derselben erweist sich daraus, daß nach zwei Jahren bereits fünf mecklenburgische Gemeinden durch Zöglinge der Präparandie ihre Stellen besetzt haben. Die Gemeinden sind mit ihnen zuftieden. Von Schwerin aus erhalten sie Anregung und Hülfe zu weiterer Ausbildung und von Zeit zu Zeit kommen sie auf einige Tage nach Schwerin, um zuzulernen, der Unterricht wird vom Landesrabbiner und vom Religionslehrer Eckstein in selbstlosestem Eifer ertheilt. In wenigen Jahren hofft man den größten Theil der Mecklenburger Gemeinden mit diesen Präparanden zu versorgen, und wenn auch ein Theil derselben durch höhere Gehälter immer wieder nach dem Auslande gezogen werden wird, so wird doch die gedachte Anstalt diesen Ausfall stets decken können. Dazu ist aber eine genügende Unterstützung mit Geldmitteln! nothwendig, da die Zöglinge wegen ihrer Armuth vollständig Jahren bei jeder Revolution, bei jedem Thronumsturz die Hand im Spiele gehabt". Es wäre doch wunderbar, wenn dies von der Gesellschaft wahr wäre, deren Protektorat dauernd in den Händen unsrer preußischen Prinzen gelegen hat! Wir sind mit der Geschichte der ftanzösischen Freimaurerlogen nicht so bekannt, um die Beschuldigung der luth. Kirchenzeitung prüfen zu können. Das wissen wir aber bestimmt, daß z. B. im Jahre 1848 die deutschen Freimaurerlogen den Crystallisationspunkt für die sich wieder sammelnden und ermuthigenden Conservativen abgaben, und zwar zu einer Zeit, wo die Geistlichen und Beamten sich noch nicht wieder heraustrauten. Da erscheint doch die Jnsinuatton der „L. K." als eine völlige Unwahrheit. Eine solche vermag sie aber auch nicht einmal gegen die Alliance hierbei bewährt, denn viele Mitglieder derselben haben den Zöglingen freie Kost gegeben und Einzelne bedeutende Beittäge gewährt, z. B. Commerzienrath Salomon 200 Mark, Geh. Finanzrath Hinrichsen 100 Mark, David Martienffen aus Hamburg 150 Mark. Nur 10 Gemeinden haben Beiträge bewilligt und hierunter wieder Schwerin mit 150 Mark. Im Ganzen kamen in den 2 Jahren 1166 Mark ein. Hiermit ist die Zukunft der Anstalt nicht gesichert, und es kann daher unseren Mecklenburger Glaubensgenossen der Vorwurf nicht erspart werden, eine Anstalt ungenügend zu unterstützen, deren Nothwendigkeit und Wirksamkeit ihnen doch vor Augen liegt. Man kann doch nicht für immer die opfervolle Thätigkeit zweier Männer ausbeuten wollen, wenn diese auch ihrem Benife nahe liegt. ■21