Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 44 (1880)
- Issue
- Heft 21 (25.5.1880)
- Date
- 1880-05-25
- Page
- Seite 328 (sequence 8)
- Language
- German
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328 Beide Familienväter waren hierorts bereits bekannt. Nach dem Feste sind sie mir aus dem Gesichte gekommen, wohin sie sich gewandt, weiß ich nicht anzugeben. In normalen Zeiten ist das nun nicht schlimm. Unsere See-- und Handelsstadt kann sehr viele ernähren, zumal alle diese Leute arbeiten wollen und arbeiten können. Zum Beweis diene folgende Zusammenstellung, von wirklichen Handarbeitern, die ich namentlich aufführen könnte. Es leben hier — soweit sie mir bekannt geworden sind — 7 Schuhmacher, G Schneider, 1 Glaser, 1 Stubenmaler, 2 Tischler, trotz ihrer gedrückten Lage zusammengekommen: 575 M. Davon wurden sofort 1500 M. für die Krankenpflege reservirt. Es war stark davon die Rede, das so wohl eingerichtete Krankenhaus vielleicht für eine zeitlang zu schließen, weil plötzlich alle Hülssmittel versiegt zu sein schienen; das geschah nun freilich nicht, es wäre auch ein zu großer Jammer gewesen; allein die Gewährung von freier Medicin wurde sistirt. Mein College und Mithelfer, der Herr Rabbiner Wohlgemuth, welcher den Auftrag hatte, die Recepte zu contrasigniren, mußte seine Thätigkcit cinstellen. Die armen 3 Klempner, I Topsbinder, 1 Goldarbeiten, etwa 15 Böttcher'Menschen kamen mit ihren Receptcn zu mir und ich unter- (Daubenarbeiter), 4 Uhrmacher, etwa 25 Flachsarbeiter, 3 Schlächter, 6 Bäcker, etwa 12 Lohnarbeiter mit den Milchzüchtern und Verkäufern, etwa 8 Fuhrleute. Das sind etwa llO, mit wenigen Ausnahmen verheirathcter Männer, von welchen man buchstäblich sagen kann, sie ernähren sich von ihrer Hände Arbeit, allesammt russische Glaubensgenoffen und erst wenige Jahre hier wohnhaft. Reguläre jüdische Kaufleute, besonders deutscher Nationalität, gibt es hier nur wenige, kaum ein Dutzend. Alle die übrigen zeitweitig oder dauernd seßhaften Geschäftsleute, Commisfionäre, Mäkler, Kleinhändler zählen nach Hunderten. Diese alle ernähren sich von ihrer Hände Arbeit; professionirte Schnorrer gibt es hier fast gar nicht. Bis zum Ausbruch des Krachs stand sich unsere Stadt sehr gut; von da ging cs jedoch in immer wachsender Fallgeschwindigkeit abwärts. In der Neuzeit haben die doppelte Grenzsperre von hüben und drüben, die Concurenz der russischen Bahnen und Häfen unsere Stadt, die nur von dem Handel mit Rußland lebt, fast ganz zu Grunde gerichtet. Die meisten dieser Arbeiter und kleinen Geschäftsleute sind sehr herunter gekommen, sehr viele sind vollständig brodlos. Dabei nimmt die Zahl der Hilfesuchenden von jenseits der Grenze tagtäglich zu. In den Städten mit jüdischer Bevölkerung in Westrußland herrscht gegenwärtig eine solche Theuerung, ja Hungersnoth, daß der vielbesprochene schlesische Nothstand dagegen nur wie eine geringe Diät zu betrachten ist. Ein befreundeter Rabbiner, welcher uns dieser Tage besuchte, klagte: Unsere kleine Stadt zählt etwa 500 jüdische Familien, davon haben 8, sage 8, Brode zum Sattessen, die Anderen hungern, viele haben kaum alle 2—3 Tage ein Stückchen Brod. Das sind traurige, herzzerreißende Zustände. Freilich könnte diesen Leuten und mit ihnen dem gesammten so furchtbar zerrütteten ruffischen Reiche geholfen werden, wenn man dieses jüdische Ghetto öffnen und seinen Jnsaffen das gesammte, so ungeheure russische Reich erschließen wollte. Soviel zur Rechtfertigung dieses, sowie überhaupt aller unserer Hülferufe zu Gunsten der westrussischen Glaubensgenoffen. Nun noch ein paar Worte als Rechenschaft. Infolge des Aufrufs in der Purimwoche sind eingegangen von auswärts: 35G3 M. 40 Pf. In hiesiger Gemeinde ist schrieb, ohne zunächst zu wiffen, wovon am Ablauf des Jahres zu zahlen. Nun weiß ich es. Ich habe 1000 M., der ungefähre Betrag der Jahresrechnung für Arznei bei einem hiesigen Bankhause deponirt und die andern 500 M. den laufenden Ausgaben des Krankenhauses zugewiesen. Ferner wurden 12 Knaben meiner Armenschule, deren zerriffene Kleider kaum mehr den Schulbesuch erlaubten, neu bekleidet, wofür 138 M. 83 Pf. ausgegeben wurden; 2375 M. 77 Pf. wurden einschließlich der geringen Unkosten, an die Armen vertheilt und zwar in nicht weniger als 235 Antheilen. In unserer Caffe verblieben 123 M. 80 Pf., über welche mittlerweile auch Verfügung getroffen ist. Der Noth gründlich abzuhelfen, war diese Summe freilich nicht groß genug, allein sie hat die Armen zum wenigsten über den fünfzigsten Theil des Jahres hinübergeholfen; sie haben allesammt das Fest der Erlösung auch mit ungetrübterErlösungsempfindung feiern können. Soweit sich Sender und Spender uns genannt, haben wir denselben eine Empfangsanzeige zugchen lassen. Eine Veröffentlichung der Einzelsendungen in den verschiedenen jüdischen Zeitschriften muß schon der Kosten wegen unterbleiben, für welche wir keinen Betrag zurückbehalten haben, zumal einem großen Theil der 233 Sendungen der ausdrückliche Vermerk beigcfügt war, daß eine Veröffentlichung der Gabe nicht stattfindcn möge. Eine erhebliche Zahl der Spenden ist uns anonym zugegangen, von welchen die 3 ansehnlichsten, weil eine Empfangsbestätigung nicht möglich war, hier genannt werden sollen: Jsroel 15 M., eine Ungenannte Frankfurt a. M. 50 M., M. A. L. Hannover 20 M. Die kleineren anonymen, eben so werthgehaltenen, eben so dankbar entgegen genommenen Spenden, wollen des Raumersparniffes wegen aus besonderes Namhaftmachen freundlichst verzichten. Wir haben unserem Berichte nichts weiter hinzuzufügcn, als die herzlichste, innigste Bitte, unserer humanen Bestrebungen zu Gunsten der unglücklichen Glaubensgenoffen eingedenk zu bleiben, unserer Armenpflege, unserer Schule, unserem Krankenhause Gaben zuzuwenden, auch wenn wir nicht ausdrücklich darum nachgesucht hätten, mjn sYnr, nrs, “irto Das ständige Hülfscomit^- für die Nothstände der westrussischen Israeliten. vr. Rülf.