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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1880-05-25 · Heft 21 (25.5.1880) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
44 (1880)
Issue
Heft 21 (25.5.1880)
Date
1880-05-25
Page
Seite 327 (sequence 7)
Language
German
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327 Memel, 13 Mai. Ein Sild aus Westrußlan- Bericht und Rechenschaft von Dr. Aütf. Zuerst und zunächst herzinnigsten Dank den Sendern und Spendern für die reichen Gaben zu Gunsten meiner Armenpflege. Die Noth war eine unbeschreibliche, die Hilfe eine reichtzeitige und wirksame, jeder Pfennig ein Rettungswerk. Zunächst einige von vielen Seiten gewünschte Aufklärungen bezüglich meines Hülferufs von der Purimwoche „"Mj-zv 'b onx dx "jx". Da heißt es zunächst: „In unserer Stadt concentrirt sich das Elend von mehr als einer halben Million Glaubensgenossen." Dieser Satz hat als doch etwas zu stark aufgetragen mehrfache Ausstellungen erfahren. Ich bestreite das mit zahlenmäßigen Belegen. Bor mir liegt mein „dritter Rechenschaftsbericht des Unterstützungscomitüs für die Israeliten der benachbarten russischen Grenze" aus dem Nothjahr 1869, dieser schließt ab mit 121,542 Thaler 18 Sgr. 6 Pf., welche in wöchentlichen Gaben an 230 Städte mit jüdischer Bevölkerung allein in diesem Jahre vertheilt und Gesetzgebung im Allgemeinen sind. Verfolgung kommt vor aus Anlaß von Schmuggel, von Grenzexcesien, Steuerdefraudationen, Entziehung von der Militärpflicht, sie kommt vor aus Anlaß falscher Anschuldigungen und eines schmählichen Dilatorenwesens (Angeberei), welches in Rußland noch in voller Blüthe steht. Mit der Schmadd hat es ein ganz eigenthümliches Bewandniß. Zwangstaufen gibt es jetzt nicht mehr, aber unter dem Vater des jetzigen Kaisers kamen sie sehr häufig vor. Die damalige Zwangsrekrutirung, bei der man es vorzugsweise aus halbwüchsige Knaben abgesehen hatte, führte consequenterweise auch zur Zwangstaufe. Jedoch alle Mühe, diese Knaben bei dem orthodox-griechischen Glauben zu erhalten, war vergebens. Der väterliche Glaube saß schon so fest in dem jugendlichen Herzen, daß selbst die russische Knute denselben nicht daraus vertreiben konnte. An der Glaubenssestigkeit des armen Judenknaben mußte selbst die Macht des allgewaltigen Kaisers Nikolaus zu schänden werden. Im Herzen blieb der Knabe Jude, und er wurde darin von den Glaubensgenofien unterstützt, die ihn niemals aus den Augen ließen. Und wurde er selbst bis in das Innere des Kaukasus übergeführt, nach Gegenden, woselbst Juden nicht weilen worden waren. Diese Städte, mit ganz sicher mehr als einer und wohnen dürfen, es half nichts, auch dort fanden sich halben Million Glaubensgenossen, sind seitdem mit unserer Stadt in Beziehung geblieben und mancher Hülsesuchende von daher weilte oder weilt noch in unserer Stadt, „welchen die Noth, das Unglück, die Verfolgung, die Schmadd, hierher getrieben hat". In dem genannten Rechenschaftsberichte vor 11 Jahren — ich war erst kurze Zeit hier am Orte — habe ich es ausgesprochen, daß ich meine Thätigkcit zu Gunsten der Unglücklichen, in welcher Weise? auch das habe ich daselbst auseinander gesetzt — nunmehr erst recht eifrig beginnen wollte. „Von Ort zu Ort" heißt es daselbst „von Haus zu Haus werde ich betteln, um die Mittel zur Wirksamkeit nach der bezeichneten Weise herbeizuschaffen". — Auch die Ausdrücke meines Hülferufs „welche die Noth, das Unglück, die Verfolgung, die Schmadd hierhergetrieben hat", wünscht man von verschiedenen Seiten näher präcisirt zu sehen. Nun, Noth und Unglück gibts überall, sie treten aber nirgends so tiefgreifend und verheerend auf und hervor wie in diesem Welt-Ghetto, woselbst Millionen von Glaubensgenossen zusammen gepreßt leben müssen, ohne Grundbesitz, ohne Industrie, ohne ausreichende Erwerbsthätigkeit, auf Schritt und Tritt durch tausende lästige Bcstinimungen und Beschränkungen gehemmt und durch ein falsches und drückendes, allen Verkehr lähmendes Steuersystem bis auss Blut ausgesogen. „Verfolgung und Schmadd", das sind Dinge und Begriffe, von welchen der Glaubensgenosse in den westeuropäischen Ländern glücklicherweise nichts weiß und welche auch in Rußland nicht geradezu eine Folge der Ausnahmestellung der Juden, als vielmehr der mangelhaften Ordnung Glaubensgenossen, sei es bei der Armee, sei es als herumziehende Geschäftsleute, welche die „Anussim" unterstützten und mit den religiösen Bedürfnissen versorgten. Wenn sie des Morgens zur Kirche commandirt wurden, hatten sie sicher vorher schon lexbilin gelegt und „sedmu. Isroel“ gerufen. Nikolaus ist längst todt, der milde Alexander ist ein Feind aller Gewaltsamkeit, aber das Gesetz, welches einen jeden vom orthodox-griechischen Glauben Abfälligen nach den Bergwerken Sibiriens verbannt, besteht noch immer zu Recht, und kann selbst vom Kaiser nicht gemildert werden. Viele von diesen Annussim desertirten vor Beendigung ihrer Dienstzeit. Tie meisten beendigten ihre Dienstzeit und lebten dann heimlich oder auch öffentlich als Juden, heiratheten jüdische Mädchen und unterschieden sich in nichts von den übrigen Glaubensgenossen, bis ihnen der Berräther im Nacken saß, dann mußten sie flüchtig werden. Unsere Stadt beherbergt 10 bis 12 solcher Familien. Manche haben eine Vergangenheit hinter sich, so eigenthümlich und abenteuerlich, daß sich aus ihren Erlebnissen die schönste und wirkungsvollste Novelle zurechtstutzen ließe. Der Erew-Pesach war gekommen, ich glaubte schon Alle für das Fest versorgt, da meldete sich merkwürdigerweise noch eine solche eben angekommene, aus vier Personen bestehende Anussim-Familie, die lange im Innern Rußlands gelebt hatte und deren beide 12 und 14 jährigen Knaben erst kurz vorher „gemallt" worden waren; doch damit noch nicht genug, kaum hatten diese die Thüre geschlossen, da kam noch ein Einzelner mit echtsoldatischem und echtrussischem Aussehen, der in derselben Lage sich befand.

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